Tierarzt gegen Massentierhaltung

Der für die Tiere streitet

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Tierarzt Hermann Focke.

Uplengen - Der Tierarzt Hermann Focke setzt sich seit mehr als 20 Jahren gegen Massentierhaltung und Masseneinsatz von Antibiotika ein. Seiner Meinung nach ist der Trend dazu ungebrochen.

Es ist schwer, sich gegen Hermann Focke durchzusetzen. Er kann stur sein. Also akzeptiert man seinen Vorschlag, sich nach dem Gespräch noch den einzigen Bio-Bauernhof in der Umgebung anzuschauen. Vorbei an weiten Wiesen und schnurgeraden Fehnkanälen geht es vom ostfriesischen Örtchen Uplengen zum Hof von Christian de Riese in Filsum. Vor dem Stallgebäude picken Tausende hellbraune Legehennen unter freiem Himmel. Man lernt: „Bio“ heißt vor allem Freigang für die Tiere. Und ansonsten?

96 Prozent der Masthähnchen werden im Schnitt an zehn von 39 Tagen mit Antibiotika behandelt, stellte eine Studie der nordrhein-westfälischen Landesregierung 2011 fest. Juniorchef Christian de Riese will nichts Falsches sagen, also formuliert er es so: „Wir versuchen, auf Antibiotika zu verzichten. Bislang gelingt es uns.“

Tierarzt Focke schweigt und schaut abwesend einem gefiederten Ausreißer hinterher, der über den Zaun flattert. Im Gespräch zuvor hat er erklärt, dass er nicht glaubt, dass sich in den vergangenen Jahren irgendetwas in der Tiermast verbessert hat. Der Trend zu immer größeren Viehbeständen unter einem Dach sei ungebrochen. Je mehr Tiere, desto größer der „Infektionsdruck“ im Stall, sagt Focke. Wer Tiere auf engsten Raum zusammen zwänge, ihnen kein Sonnenlicht und keine Bewegung biete, brauche Antibiotika, um Krankheiten zu verhindern.

Focke ist mit seiner Einschätzung nicht allein. Kürzlich war er bei Deutschlands Kinderärzten als Gastredner eingeladen. Die Tagungsteilnehmer waren sich in Berlin einig, dass es so nicht weitergehen kann. Die Zunahme multiresistenter Keime, gegen die die Medizin machtlos ist, sei dramatisch, hieß es. Ungefähr 15 000 Patienten sterben mittlerweile jedes Jahr in deutschen Kliniken an den Folgen. Bereits zweijährige Kinder litten unter chronischen Darmentzündungen, berichtete Pädiater Klaus Keller. Die veränderte Darmflora sei mitverantwortlich für die Zunahme von Allergien. Eine Ursache davon sei wiederum der flächendeckende Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung.

Seit Jahren warnen Experten. Die Politik war nicht untätig. Ein EU-weites Verbot von Antibiotika als Mastbeschleuniger, zu dem sich die Regierungen 2006 durchrangen, brachte jedoch keinen Fortschritt. Im Gegenteil. Die Landwirte stiegen auf therapeutische Mittel um, die sie niedrig dosiert auch gesunden Tieren über einen längeren Zeitraum verabreichen, illegal. Experten meinen, dass damit gefährliche Krankheitserreger geradezu herangezüchtet werden.

Der Absatz, den die Pharmaindustrie seit 2011 pflichtgemäß registriert, ist jedenfalls nur minimal gesunken. 1619 Tonnen Antibiotika, etwa 80 Lkw-Ladungen, wurden 2012 verfüttert. Allein 500 Tonnen, fast ein Drittel, wurden an Tierärzte in den Hochburgen der Agrarindustrie – in den Landkreisen Cloppenburg, Vechta und Emsland – verkauft. Im nächsten Jahr wird man erstmals auch den Verbrauch auf einzelnen Höfen dokumentieren können. Seit Anfang Juli muss jeder Tierhalter alle sechs Monate an eine zentrale Datenbank melden, welche Antibiotika er in welchen Mengen an seine Tiere verabreicht hat.

Ist dies der Durchbruch? Hermann Focke glaubt nicht daran. Seit 22 Jahren kämpft der 73-Jährige für den Tierschutz und gegen die Massentierhaltung. Als Veterinäramtsleiter im Landkreis Cloppenburg riskierte er sogar seine berufliche Karriere. Der Tag, der sein Leben veränderte, war der 25. Mai 1992. In der kroatischen Hafenstadt Rasa hat er damals miterlebt, wie 270 Schlachtrinder, eingepfercht auf Anhängern, nach einer 74-stündigen Reise durch Europa 18 Stunden bei einer Innentemperatur von 50 Grad Celsius auf die Einschiffung warteten, ohne Wasser und Futter.

Focke fühlte sich verantwortlich; schließlich hatte er den Transport nach Nordafrika als Behördenchef genehmigt. Allerdings war er hellhörig geworden, als ihm der Spediteur im Büro in Cloppenburg von elf Versorgungsstationen auf dem Weg zum Mittelmeer erzählte. In seinem Urlaub ist Focke daraufhin alle Orte abgefahren. Es gab nicht elf, sondern nur zwei Stationen. Die Qual der Tiere und die Lügen der Verantwortlichen hat er nicht vergessen.

Er hat damals einen Bericht ans Landwirtschaftsministerium in Hannover geschickt. Fockes Schreiben landete in irgendeiner Schublade, bevor die Presse Wind bekam. Auf den Wirbel, den die schockierenden Bilder aus Rasa verursachten, ist Focke noch heute stolz. Der politischen Spitze des Landkreises passte der Trubel dagegen gar nicht. Focke wurden Interviews untersagt.

Als er ein paar Jahre später Mauscheleien im Umgang mit der Schweinepest öffentlich machte, fiel er erneut in Ungnade. 1995 leitete die Kreisspitze ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein. Fast alle Befugnisse als Amtsleiter wurden ihm entzogen. „Ich wurde kaltgestellt“, sagt er. „Es gab nichts mehr für mich zu tun.“ 1996 erkrankte Focke. Als Ursache eines „psychovegetativen Erschöpfungssyndroms“ konstatierten zwei Ärzte „erhebliche Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz“. So stand es in der Strafanzeige, die Focke gegen seinen Dienstherrn stellte.

1998 einigte man sich außergerichtlich. Focke verließ den „beamtensicheren Unterstand“, um wieder als Tierarzt zu arbeiten. Freiwillig. Als Jugendlicher hat Focke noch Wahlplakate für die CDU in seinem Heimatort Mettingen geklebt. Während seines Studiums war er fest davon überzeugt, dass Deutschland das beste Tierschutzgesetz der Welt besitzt. Heute traut er niemandem mehr; weder den Landvolk-Funktionären noch den Politikern. Für den grünen Landwirtschaftsminister in Niedersachsen, Christian Meyer, hat Focke ein bescheidenes Lob. „Er bemüht sich.“ In den vergangenen Jahren ist er viel als Referent unterwegs gewesen. Er hat zwei Bücher über Tierschutz und Antibiotika-Missbrauch geschrieben. Spitzenköchin Sarah Wiener hat ihn für eins ihrer Bücher interviewt. Er hat Preise verliehen bekommen. Ist er mit dem Erreichten zufrieden?

Focke sagt: „Das ganze System ist krank.“ Nur die radikale Wende hin zu einer artgerechten Haltung, Fütterung und Züchtung sei die Lösung. Einer seiner Leitsätze ist ein Spruch von Martin Luther: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Vor seinem Haus neben der Weide, auf der seine vier Pferde grasen, hat er fünf kleine Apfelbäume gepflanzt. Weil er die Hoffnung nicht aufgibt.

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