Schüsse auf Hamburger Schüler

Todesschütze klagt über Morddrohungen

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Am Zaun des Fußballvereins SC Teutonia 1910 in Hamburg hängen Plakate, die an den erschossenen Diren Dn. erinnern.

Missoula/Hamburg - Der genaue Tathergang in der tragischen Nacht bleibt zunächst unklar. Nach den Schüssen auf den Hamburger Gastschüler Diren fühlt sich der amerikanische Todesschütze bedroht. Die Freunde des Fußballspielers wollen mit einem Benefizspiel die Familie des Opfers unterstützen.

Der amerikanische Todesschütze, der auf den Hamburger Austauschschüler Diren gefeuert hat, erhält nach Angaben seines Anwalts Morddrohungen. Der 29-Jährige und seine Partnerin hätten hasserfüllte anonyme Anrufe und Facebook-Nachrichten bekommen, sagte der Strafverteidiger Paul Ryan der Nachrichtenagentur dpa. „Es ist eine sehr problematische Situation für sie. Sie verlassen ihr Haus nicht mehr. Sie machen sich Sorgen um ihr kleines Kind.“ Die Staatsanwaltschaft wirft dem Feuerwehrmann die vorsätzliche Tötung des 17-Jährigen vor.

Um Direns Familie zu unterstützen, war am Mittwochabend ein Benefizspiel seiner Fußballmannschaft in Hamburg-Altona geplant. Bei dem Pokalspiel sollte es eine Schweigeminute für den getöteten Schüler geben. Mitspieler wollten zudem ein riesiges Transparent mit der Aufschrift „Unser Bruder stirbt und Amerika schaut zu“ in das Stadion tragen. Der Fußballverein rief dazu auf, für die Eltern zu spenden - dabei geht es auch um die Kosten für die Bestattung.

Diren soll in der Türkei beerdigt werden. Die Beisetzung des türkischstämmigen Jugendlichen sei in Bodrum im Südwesten des Landes geplant, bestätigte sein Fußballtrainer Garip Ercin entsprechende Medienberichte. „Die Stadt hat er immer so gerne gemocht.“ Der Vater des 17-Jährigen ist in die USA geflogen, um die Leiche seines Kindes zurückzuholen. Neben einer Sterbeurkunde sind mehrere Bescheinigungen notwendig, um die Leiche nach Deutschland überführen zu können. Vor der Beisetzung in der Türkei soll es nach Ercins Angaben in Hamburg noch eine Abschiedsfeier für Diren geben.

Der Jugendliche, der im August für ein Jahr in die USA gekommen war und im Ort Missoula eine High School besuchte, soll nachts in die Garage der Familie gegangen sein. Der Hausbesitzer fühlte sich seinem Anwalt zufolge bedroht und schoss auf den Teenager. Dieser wurde am Kopf und am Arm getroffen und starb im Krankenhaus. Ein Begleiter des Jungen sei geflüchtet.

Der Tod des Schülers sei „ohne Frage tragisch“, erklärte Anwalt Ryan. Sein Mandant und dessen Partnerin, die ein zehn Monate altes Kind haben, seien erschüttert. Sie glaubten aber, dass die Schüsse gerechtfertigt gewesen seien. „Sie fühlten sich bedroht. Sie wussten nicht, was er in ihrer Garage wollte, wie er sich verhalten würde, ob er zum Beispiel Drogen genommen hatte oder ob da mehr als zwei Männer waren.“

Ryan sagte der Lokalzeitung „Missoulian“, die Anklageschrift zeichne ein falsches Bild von seinem Mandanten. Er habe niemandem ein Falle stellen wollen. Das Garagentor sei halb offen gewesen, weil er und seine Partnerin regelmäßig in der Garage rauchten. Das Tor sei auch bei früheren Diebstählen auf dem Grundstück nicht geschlossen gewesen. Es stimme nicht, dass er nachts wachgeblieben sei, um Einbrecher zu fangen.

Zwar räumt der Staat Montana für die Verteidigung des eigenen Hauses das bewaffnete Recht auf Notwehr ein. Laut Anklageschrift stellte der Mann aber potenziellen Dieben eine Falle. Die Partnerin des Schützen habe als eine Art Köder eine Handtasche mit persönlichen Gegenständen in die Garage gestellt. Trotz der Einbrüche der vergangenen Wochen ließen die beiden das Garagentor offen stehen. Einer Zeugin zufolge soll der Mann seit Nächten darauf gewartet haben, jemanden zu fassen und zu erschießen. Das Gericht setzte ihn gegen Zahlung einer Kaution von 30 000 Dollar (21 000 Euro) vorerst auf freien Fuß.

Auch die Hamburger Staatsanwaltschaft will nach den tödlichen Schüssen auf Diren ein Ermittlungsverfahren einleiten. „Wir prüfen den Sachverhalt und haben bereits die erforderlichen Unterlagen von den zuständigen amerikanischen Behörden angefordert“, sagte Sprecherin Nana Frombach der dpa. Hintergrund ist Paragraf 7 des Strafgesetzbuchs. Darin heißt es, dass das deutsche Strafrecht für Taten gilt, die im Ausland gegen einen Deutschen begangen werden.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bezeichnete Direns gewaltsamen Tod in den USA als „großes Unglück“. „Hamburg trauert um einen jungen Mann, der unter tragischen Umständen ums Leben kam“, erklärte Scholz. „Sein Tod macht uns traurig. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Freunden.“ Der Onkel des Jugendlichen sagte der „Bild“-Zeitung: „Diren war der Sonnenschein seiner Eltern. Wir sind alle am Boden zerstört.“ Seine 17-jährige Freundin sagte der Zeitung: „Er hatte in Amerika das schönste Jahr seines Lebens.“

Anwalt Ryan zufolge wird sein Mandant in rund einem Monat vor Gericht erscheinen, um auf unschuldig zu plädieren. Zu einem Prozess komme es wohl frühestens Ende des Jahres. Vermutlich erst dann lässt sich der genaue Tathergang klären. Unklar sei etwa, ob der Schütze ganz ohne Vorwarnung viermal auf den Jugendlichen gefeuert habe, berichtete die Zeitung „Missoulian“.

dpa

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