Umweltskandal

Tonnenweise Gift unter der Harzerde

Foto: „Das ist die Asse des Harzes“: Wo zuvor tonnenweise Chemikalien versenkt worden waren, betrieb der Landkreis Goslar bis in die neunziger Jahre eine Hausmülldeponie.

Liebenburg - Ein lange bedeckt gehaltener Umweltskandal kommt doch noch ans Licht. Probebohrungen bestätigten vor Kurzem: Knapp 100 Meter unter der Erde im Kreis Goslar schwimmen Dioxine, Lacke, Weichmacher und andere giftige Stoffe auf dem Grundwasser.

Bereits als die Chemikalien in den sechziger Jahren illegal mit Tanklastwagen in die Grube Morgenstern bei Liebenburg gekippt wurden, wussten die Behörden anscheinend davon. Die Aufarbeitung beginnt aber erst jetzt.

„Schon als Jugendliche sind wir auf das Gelände bei Hahndorf mit dem Rad gefahren“, erzählt Friedhart Knolle. „Einen Zaun gab es nicht, überall lagen Fässer herum.“ Für den damaligen Gestank findet der 57-jährige Umweltschützer kaum die passenden Worte: „Diabolisch, gruselig, wie ein explodiertes Labor.“ Der studierte Geologe hat die Entwicklung der Deponie 30 Jahre lang beobachtet und sagt, dass er lieber nicht recht behalten hätte. „Das ist die Asse des Harzes“, meint Knolle, „nur ohne Genehmigung.“

Die Geschichte der Chemiegrube begann viel früher. Ab dem Jahr 1938 wurde Eisenerz auf dem Gelände abgebaut, Erst im Tagebau, später wurde es auch unter Tage bis in die sechziger Jahre gefördert. Es wurden Tiefbausohlen bis etwa 200 Meter unter der Erde eingerichtet. Mit dem Ende des Bergwerks 1964 wurde der Stollen teilweise zugeschüttet. Es blieb ein großes Loch, das tief in den Boden reichte.

„Auch aus dem alten Schacht stank es damals gewaltig“, sagt Knolle. Bis kurz vor seinem ersten Besuch auf dem Gelände Anfang der siebziger Jahre hatte die Firma des Ehepaars Florentz dort ihren Sitz, ein Unternehmen für die Aufbereitung von Chemieabfällen. VW, Schering, Bosch und die Preussag sollen ihren giftigen Müll zur fachgerechten Entsorgung dorthin gebracht haben.

Doch fachgerecht war die Entsorgung wohl nie: Volle Fässer wurden in der Mulde des Tagebaus gelagert, giftige Flüssigkeiten einfach in den Bergwerksschacht gekippt. Zeitzeugen berichteten von Tanklastern, die dort ihre giftige Fracht abluden. Es werde gemunkelt, dass sogar leicht radioaktive Stoffe dabei sind. Das ist jedoch bis heute nicht bewiesen.

„Das ist höchst kriminell gewesen“, sagt Knolle. Er ist überzeugt, dass auch Korruption im Spiel war. „Offenbar hat das Ehepaar Mitwisser und Unterstützer in der Region gehabt. In der Kommune Hahndorf waren ohnehin alle auf ihrer Seite, weil sie gute Steuern zahlten.“

1968 wurde das Ehepaar tot aufgefunden. Die Ermittler vermuteten Selbstmord. Die Firma war hoch verschuldet. Wenige Wochen zuvor besichtigten Mitarbeiter des Landkreises Goslar das Gelände. Sie fanden 1500 Blechtrommeln mit festen und flüssigen Chemikalien. Es wurde sogar überlegt, die teilweise porösen Fässer in der Schachtanlage Asse einzulagern. Doch dazu kam es dann nicht.

Im November 1970 entstand im Fasslager ein Großbrand, der erst im Januar 1971 endgültig gelöscht werden konnte. „Da war Morgenstern in den Fernsehnachrichten“, erinnert sich Knolle. Damals wurde berichtet, dass eine präzise Bestandaufnahme der Chemieabfälle auf dem Gelände nicht möglich sei.

Trotz dieser Vorgeschichte pachtete der Landkreis Goslar einige Jahre später das vorbelastete Gelände und betrieb dort bis Anfang der neunziger Jahre eine Hausmülldeponie. Ehemalige Mitarbeiter berichteten von berstenden Fässern und herumspritzender Flüssigkeit während der Aufbereitung des Geländes. Sie klagten über starke Kopfschmerzen, die sie auf die Dämpfe zurückführten. Der Boden war einfach nur abgedichtet worden, eine damals übliche und rechtlich zulässige Praxis. Knapp 20 Jahre passierte nichts. Erst 2010 rollten die ersten Köpfe. „Die Leiterin der Deponie hatte gelogen und vertuscht“, sagt Knolle. Das brachte alles ins Rollen. Eine Projektgruppe wurde eingerichtet, das Gelände untersucht. Rundherum wurden Proben an der Oberfläche genommen, die keine negativen Ergebnisse lieferten. Das bestätigt Dirk Lienkamp, Sprecher des Landkreises Goslar.

Doch jetzt förderte die Probebohrung das Gift zutage. „Es könnten zwischen 10000 und 1000000 Liter Chemikalien dort unten sein“, schätzt Knolle, der sich beim BUND engagiert. Es sei ein Wunder, dass der Giftsee dort noch so ruhig steht. Allerdings könne sich das Wasser jederzeit in Bewegung setzen.

„Es steht die große Frage im Raum: Dringt das Wasser nach draußen?“, sagt der Kreissprecher. Nach weiteren Bohrungen folgt nun eine Machbarkeitsstudie zum Absaugen und zur Entsorgung der Stoffe.

Bisher sind dafür 13,5 Millionen Euro veranschlagt. Es dürfte deutlich teurer werden. „Immerhin ist das Land Niedersachsen nun endlich auf einem guten Weg“, sagt Umweltschützer Knolle. Denn das ist laut Pachtvertrag für die ordentliche Entsorgung der Altlasten verantwortlich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare