Fehler bei Leichenschau

Totgeglaubte Seniorin jetzt wirklich gestorben

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Foto: Zwei Tage nachdem eine totgeglaubte 92-Jährige beim Bestatter erwacht ist, ist sie nun tatsächlich im Krankenhaus gestorben.

Gelsenkirchen - Zwei Tage nachdem eine totgeglaubte 92-jährige Seniorin im Kühlraum eines Gelsenkirchener Bestattungsunternehmens erwacht ist, starb sie am Montag in einem Krankenhaus. Die Kirminalpolizei ermittelt gegen den Arzt, der die Leichenschau zunächst durchführte und zu einem falschen Ergebnis kam.

Zwei Tage nach ihrem unheimlichen Erwachen beim Bestatter ist einetotgeglaubte 92-Jährige nun gestorben. Eigentlich dürfte es einen solchen Fall gar nicht geben. Denn es gibt genaue Vorgaben, wie der Tod eines Menschen festgestellt werden muss.

Im Kühlraum erwacht

Eine totgeglaubte Frau ist im Kühlraum eines Gelsenkirchener Bestattungsunternehmens erwacht. Sie gerät in Panik, schreit. Glücklicherweise hören zwei Mitarbeiter die Geräusche durch die schwere Tür. Sonst wäre die Frau vermutlich im Kühlraum erfroren. Eigentlich dürfte es eine solche Szene in der Realität nicht geben. Zumindest nicht in Deutschland. Denn es gibt konkrete gesetzliche Vorgaben, nach denen der Tod eines Menschen festgestellt werden muss. "Das darf nur ein Arzt. Bei einer Leichenschau muss er sichere Todeszeichen erkennen", sagt Thomas Kamphausen, Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin der Kölner Uniklinik. Dafür müsse der Körper unbekleidet untersucht werden. Sichere Todeszeichen seien Totenflecke, die sich 20 bis 30 Minuten nach dem Tod auf dem Körper bilden.

Nach zwei bis drei Stunden setze die Leichenstarre ein. Und noch später - je nach Temperatur - würden Verwesungs- und Fäulniszeichen sichtbar. "Keinesfalls reichen unsichere Todeszeichen wie fehlender Puls, Kreislauf-Stillstand, geringe Körperwärme oder blasse Haut", sagt der Mediziner. Im Fall der 92-Jährigen hatte eine Pflegerin die schwer kranke Frau am Sonnabend in einem Seniorenheim ohne Puls und ohne Atmung in ihrem Bett gefunden. Ein Arzt bescheinigte den Tod der Seniorin: natürlicher Tod, Todeszeitpunkt 16.30 Uhr. Nachdem die Angehörigen sich von der 92-Jährigen verabschiedet hatten, holte ein Bestatter die scheinbar Tote ab.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Gegen 21 Uhr hören die beiden Bestatter die Schreie der Frau. Sie öffnen die Tür zum Kühlraum: Die Totgeglaubte liegt auf einer Trage mit weit aufgerissenen Augen im geöffneten Leichensack. "Wir öffnen den Sack aus hygienischen Gründen, nicht weil wir damit rechnen, dass noch jemand leben könnte", sagt Stefan Menge, Geschäftsführer des Bestattungsunternehmens Bergermann in Gelsenkirchen, bei dem die 92-Jährige wieder erwachte. Die Frau kam ins Krankenhaus, wo sie am Montagnachmittag nach Polizeiangaben starb. Die Kriminalpolizei ermittelt nun, ob es ein Versäumnis beim Feststellen des Todes gegeben hat. Die Staatsanwaltschaft Essen ordnete eine Obduktion an.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, übt massive Kritik an dem Arzt, der fälschlicherweise den Tod der 92-Jährigen bescheinigt hat:"Es ist offenkundig, dass der Mediziner unfähig war, eine ordnungsgemäße Leichenschau durchzuführen." Die Vorstellung, lebendig begraben zu werden, rühre an den Urängsten der Menschen. "Das auszuschließen ist Sinn einer gründlichen Leichenschau." Auch für Rechtsmediziner Kamphausen ist der Fall unbegreiflich:"Wenn man sich strikt an die Vorgaben hält, kann so etwas heutzutage nicht mehr passieren." Und doch komme es alle paar Jahre einmal vor. "In den Fällen, die mir bekannt sind, waren es Patienten, die bereits im Sterben lagen, bewusstlos waren oder auch vorher schon einen schwachen Puls hatten." Trotz des aktuellen Falles ist er überzeugt:"Dass so etwas passiert, ist absolut unwahrscheinlich, die Angst davor daher unbegründet."

dpa

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