Saison ist neuerdings immer

Tourismusboom in Lüneburg

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Lüneburg zählt im Jahr um die sieben Millionen Tagesgäste.

Lüneburg - In Lüneburg ist etwas Bemerkenswertes passiert: Touristen strömen neuerdings in Scharen in die Salzstadt. Während andere Kleinstädte in Niedersachsen die nächste Touristensaison gerade erst vorbereiten, ist Lüneburg schon mittendrin.

Null Grad, grauer Himmel, ein Hauch von Schnee. Hinter dem Lüneburger Rathaus steht ein Grüppchen Menschen mit dicken Schals um den Hals. „Und hier sehen wir die ältesten Reihenhäuser Niedersachsens“, sagt einer von ihnen und zeigt mit behandschuhtem Finger auf Backsteinmauern und Sprossenfenster. Eine Stadtführung an einem Vormittag im Februar.

„Wir haben keine Saison mehr“, sagt Stefan Pruschwitz, Geschäftsführer der städtischen Marketing GmbH. „Früher haben wir den Januar bis März genutzt, um Überstunden abzubauen oder Urlaubstage zu nehmen. Das waren tote Monate. Jetzt kommen die Mitarbeiter nicht mehr vom Telefon weg.“ Entgegen dem Trend zu kurzfristigen Buchungen reservieren die Anrufer heute schon Hotelzimmer für den Frühsommer, die Heideblüte und den Weihnachtsmarkt.

Der Mann mit dem Grüppchen hinterm historischen Rathaus ist Kurt Bergmann und seit mehr als 20 Jahren Stadtführer in Lüneburg. Ob im Juni oder August, der 80-Jährige zeigt Touristen die spannendsten Ecken seiner Heimatstadt. Regelmäßig, ohne Voranmeldung, auch im Winter.

Er ist an diesem Vormittag mitten in der Woche nicht allein.

Hinter 600 Jahre alten Buntglasfenstern steht Janine Jüntschke in der Gerichtslaube des Rathauses und zeigt auf Löcher in den Fliesen: „Sie gehören zu einer Fußbodenheizung aus dem Jahr 1380.“ Janine Jüntschke ist 25 Jahre alt und zeigt ihren Gästen seit knapp einem halben Jahr die überraschendsten Ecken des Rathauses ihrer Studienstadt.

„Hier würde ich glatt einziehen“, sagt die Uni-Absolventin und strahlt. „Ich könnte jeden Tag im Rathaus sitzen und einfach nur gucken.“ So begeistert ist die Kulturwissenschaftlerin von dem 256 Räume zählenden Komplex, der im Laufe von 700 Jahren immer wieder aus- und umgebaut wurde und die Kriegsjahre wie die gesamte Lüneburger Altstadt nahezu unbeschadet überstanden hat.

Dienstags bis sonnabends viermal täglich und sonntags zweimal startet sie ihre Rundgänge, zusätzlich gibt es Thementouren zum Beispiel zu Sprichwörtern im Mittelalter, für die Janine Jüntschke das Rathaus als prächtige Kulisse nutzt.

Um die sieben Millionen Tagesgäste zählt Lüneburg im Jahr, 300.000 Übernachtungen und 5200 Stadtführungen. Die seit Jahren steigenden Zahlen lassen die Kapazitäten an ihren Rand kommen: Es gibt zu wenig Busparkflächen, zu wenig Wohnmobilstellplätze, Stadtführer und Betten sind knapp.

„In den ohnehin ausgebuchten Monaten Juni oder August könnten wir nur durch eine Kapazitätsausweitung mehr Gäste zählen“, sagt Chef-Touristiker Pruschwitz. Ein, zwei Hotels mehr könne die Stadt vertragen. Stadtführer bildet die Marketing GmbH permanent aus, mehr als 50 zählt der Pool zurzeit. „Besonders sonnabends kennen wir keine Winterzahlen mehr“, sagt der Marketingmann. „Derzeit laufen zwei bis drei Gruppen parallel durch die Stadt, das kannten wir sonst nur aus der Saison.“

Und die perfekte Saison für Städtereisen ist für Max Müller aus Stuttgart und Edgar und Marie-Luise Klemm aus Rheinland-Pfalz der Februar: Der Rentner möchte als gebürtiger Norddeutscher „dem Karnevalstrubel entfliehen“, und das Ehepaar sieht es pragmatisch: „Wir nutzen die freien Tage.“

Die wohl älteste Reihenhaussiedlung Niedersachsens hinter dem Lüneburger Rathaus stammt übrigens aus der Zeit um 1560 - in der Reitende-Diener-Straße durften die Polizisten mit ihren Familien kostenlos wohnen. Doch das erfährt nur, wer eine Stadtführung mitgemacht hat.

Carolin George

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