Gefahr beim Baden

Tod im Traumsommer

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Foto: Momente friedlichen Sommerglücks – allzu oft unterbrochen von unfassbarem Unglück: Weniger Leichtsinn wünschen sich die Lebensretter auch an scheinbar harmlosen Badeseen wie dem Steinhuder Meer.

Hannover - Die Sonne strahlt, die Menschen strömen ans Wasser – und 
in einem einzigen Monat ertrinken mindestens 50 Badende.
 Die Rettungsschwimmer fürchten einen Albtraumsommer.

Ein Sommertag am Timmeler Meer, einem Badesee in Ostfriesland. Ein 28-Jähriger will aus dem Wasser auf ein Tretboot klettern. Der Mann schafft es nicht, gerät in Panik. Er versucht, ans Ufer zu schwimmen. Doch er wird schwächer, geht unter, stirbt.Ein Fernfahrer hält an einem glutheißen Tag am Blauen See in Garbsen. Er geht schwimmen, sein Kollege bleibt am Ufer. Nach wenigen Minuten treibt der Körper des Fernfahrers im Wasser. Der 42-Jährige ist tot.

Eine 70-Jährige geht mit ihrem Mann und einem Bekannten auf der Insel Spiekeroog schwimmen. Bei ablaufender Tide gibt es starke Strömungen in der Nordsee, irgendwann kann die Frau nicht mehr. Ihre Begleiter versuchen, sie an Land zu ziehen. Sie schaffen es nicht. Die Frau geht unter und stirbt später im Krankenhaus.

Auf den Wachtürmen entlang des Strandes von Warnemünde wehen die roten Fahnen – Badeverbot. Drei Jungen ­toben trotzdem in den wilden Wellen nahe der Westmole. Plötzlich hören Jugendliche Hilferufe, können zwei Kinder aus dem Wasser retten. Ein Elfjähriger aber ertrinkt.

Vier beliebige Tage im Sommer 2013. Vier Tote. Vier von mindestens 50 Menschen, die eigentlich nur ein bisschen Erfrischung suchten und seit Beginn der heißen Tage Anfang Juli in Seen und Flüssen, in Nord- und Ostsee ertrunken sind. Es sind alte und junge Menschen dabei, sportliche und unfitte, vorsichtige und übermütige. Der Traumsommer 2013, wissen die Rettungsschwimmer schon jetzt, wird der Albtraumsommer der ­Badeunfälle.

Wie lang die Liste mit den Namen der Toten bislang genau ist, das weiß auch Martin Janssen aus der Geschäftsstelle der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) noch nicht. Die Zahlen sind noch nicht in ihrer Gesamtheit erfasst. Aber Janssen kennt die Warnzeichen: Allein in den ersten zehn Julitagen sind 32 Menschen ertrunken – im gleichen Zeitraum 2012 waren es 15. An einem einzigen langen Wochenende, vom 19. bis zum 21. Juni, sind 14 Menschen bei Badeunfällen umgekommen, beinahe in jedem Bundesland gab es einen Toten. Und in Mecklenburg-Vorpommern ­melden Polizei und Feuerwehr an diesem Wochenende drei Tote bei Bade- und Bootsunfällen. Zwei Männer werden noch vermisst, einer davon ist ein er­fahrener Schwimmer von 72 Jahren, der seit Jahrzehnten jeden Sommermorgen auf der Insel Usedom zum Strand radelt und in den Wellen der Ostsee badet.

Jeder Tod im Wasser ist ein tragischer Tod. Für die Angehörigen, für die zufälligen Zuschauer, für die Rettungskräfte, für die Bademeister, für die Schwimmlehrer. Hier, im Urlaub oder am lauschigen Sommerabend, treffen Momente friedlichen Glücks mit unfassbarem Unglück zusammen.

Rettungsschwimmer Janssen ist sicher: Wegen des wunderschönen Sommers wird es am Ende des Jahres mehr Badetote geben als in anderen Jahren. Im Durchschnitt waren es 500 Tote, im kalten nassen Sommer 2012 ertranken „nur“ 383 Menschen. Aber es sterben eben besonders viele Menschen im Wasser, wenn es warm ist, weil es eben auch besonders viele Badende gibt. Im Jahr 2003 war das so, als 644 Menschen ertranken. Die Tendenz dieses Sommers lässt eine ähnlich schreckliche Zahl erwarten. Doch es liegt nicht nur am Wetter.Als Martin Janssen ein Kind war, war er froh, wenn er die fünf Kilometer bis an die Ruhr fahren konnte, um dort zu baden. Da wusste er, an welcher Stelle es gefährlich sein konnte, wo Strömungen lauerten, wie nah man an ein Wehr schwimmen konnte und wo das Wasser so flach war, dass man nicht mit einem „Köpper“ ins Wasser springen sollte. „Heute fliegen die Menschen in die Karibik“, sagt Janssen. Und wenn das Freibad wegen Überfüllung geschlossen ist, dann fährt man einfach weiter, zum nächsten Badesee, auch wenn der vielleicht Hundert Kilometer entfernt ist – und unvertrautes, fremdes Gebiet.

Die Menschen in Deutschland hatten, statistisch gesehen, noch nie so viel Freizeit wie heute. Zugleich ist Freizeit ein solch hohes Gut geworden, dass man ihren uneingeschränkten Genuss nicht von Hinweisschildern oder hohen Wellen beeinträchtigen lassen will. Oder auch nur die Geduld aufbringt, sich mit seiner natürlichen Umgebung vertraut zu machen. Die Natur ist heute Teil einer Welt, in der man alles versichern kann, die Brille, die Gesundheit, den Tod. Es gebe eine Vollkasko-Mentalität in der Gesellschaft, glaubt Janssen. „Manche Menschen denken, das Leben sei ohne Risiko.“ Baden und Schwimmen sei aber nie ohne Risiko. Jedes Gewässer hat seine Tücken.

Auch ein guter Schwimmer, sagt Janssen und wird fast philosophisch, müsse akzeptieren, dass das Wasser nicht das Element des Menschen sei.

Es gibt viele Gründe, warum Menschen im Wasser sterben. Der seltenste: nicht schwimmen können. Die wenigsten Badetoten sind Nichtschwimmer. „Nichtschwimmer sein heißt nicht, ertrinken zu müssen“, sagt Janssen. Wer weniger kann, ist weniger mutig. Und Vorsicht schützt.Häufiger ist es schon, dass Menschen, vor allem ältere, beim Schwimmen einen Herzinfarkt erleiden. Weil sie sich nicht richtig abgekühlt haben oder sich überanstrengen oder eben ihr Herz einfach in diesem Moment nicht mehr mitmacht. Im Supermarkt wären sie umgefallen, im Wasser gehen sie unter. Mehr als die Hälfte der Badetoten ist über 50 Jahre alt. „Manche wollen beim Schwimmen zeigen: Ich gehöre noch nicht zum alten Eisen“, meint Janssen. Es sei schon gut, dass auch Ältere fit sein wollen. Aber manche würden sich dabei einfach überschätzen. Wer den Urlaub an der See für ein Fitnessprogramm nutzen will, solle das tun – sich aber vorher untersuchen lassen. „Ich muss mich fragen: Macht der Motor das noch mit?“, sagt Janssen.

Andere werden Opfer von Unfällen, wie sie jederzeit und an jedem Ort passieren können, verfangen sich in Seilen oder Dingen, die im Wasser treiben. Doch meist ist es Leichtsinn, der tötet. Leichtsinn und Selbstüberschätzung. Genau eine Woche, nachdem der Elfjährige in Warnemünde ertrunken war, ist in letzter Sekunde eine 16-Jährige aus dem Wasser gerettet worden – wieder neben der gefährlichen Westmole, wieder an einem Tag, an dem die flatternden roten Badeverbotsfahnen weithin sichtbar waren.

Der Tod im Wasser ist ein schrecklicher. Gerät der Kopf unter Wasser, kann selbst ein gut trainierter Erwachsener in diesem Todeskampf höchstens 30 Sekunden lang die Luft anhalten. Dann entsteht ein Atemreiz, man schnappt nach Luft, und Wasser strömt in die Atemwege, auch in die Lunge. Im Kehlkopf verkrampft sich bald die Stimmritze, es kann kein Wasser mehr einströmen. All dies passiert bei Bewusstsein. Der Körper wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Nach einer, spätestens zwei Minuten verliert der Ertrinkende das Bewusstsein.Ein Erwachsener kann meist noch nach Hilfe rufen, sagt Björn Jüttner von der Medizinischen Hochschule Hannover. Jüttner ist Oberarzt in der Anästhesie, zugleich Notarzt und für die Wasserrettung der DLRG in Langenhagen aktiv. Kinder ertrinken anders. „Ertrinken ist bei Kindern ein leiser Tod“, sagt Jüttner. Kinder würden die Gefahr nicht erkennen, sie gingen einfach unter. Deshalb müssten sie auch im Wasser ständig beobachtet werden.

50.000 Retter – immer noch zu wenig?

Etwa 80 Prozent der Deutschen können heute schwimmen. Im Jahr 1913, als die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG gegründet wurde, waren es nur zwei bis drei Prozent. Davor stand eine Zeit, in der sich das Schwimmen nicht schickte. Und so starben vor 100 Jahren mehr als 5000 Menschen durch Ertrinken. Im besonders warmen Sommer 1921 gab es sogar 8000 Tote. Auslöser für die Gründung war ein Unglück in Binz auf Rügen im Jahr 1912. Dabei ertranken 16 Menschen, als ein Teil der Seebrücke einstürzte.

Mit mehr als 1,1 Millionen Mitgliedern und Förderern ist die DLRG heute die größte freiwillige Wasserrettungsorganisation der Welt. Seit 1950 hat sie nach eigenen Angaben mehr als vier Millionen Prüfungen für Rettungsschwimmer abgenommen. Rund 40.000 Mitglieder leisten knapp zwei Millionen Stunden ehrenamtlicher Arbeit in der Wasserrettung. Und doch: Es reicht nicht.

Zusammen mit den DLRG-Rettern und anderen Freiwilligen wie den Mitgliedern der Wasserrettung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sind an den Wochenenden dieses Supersommers rund 50.000 Ehrenamtler an den Stränden von Nord- und Ostsee und an den Badeseen im Einsatz. Viele sind von den langen Abschnitten, die sie überwachen müssen, überfordert. Nicht alle Wachtürme sind besetzt. Nur 60 der 262 Kilometer Badestrand im Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise werden in diesem Sommer von DLRG-Schwimmern überwacht. Mehr sei kaum machbar, sagt Sprecher Thorsten Erdmann. „Die Kommunen können nicht sämtliche Strände absichern lassen. Dazu fehlt es einfach an Personal.“

Zu kämpfen haben die Lebensretter aber auch mit der Ignoranz und dem Übermut der Urlauber: „Egal, wie oft wir die Leute auf Gefahren hinweisen, die meisten hören einfach nicht zu“, bemängelt zum Beispiel DRK-Referent Thomas Powasserat.

AnB/ges

Der ehemalige Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, sagte 2004: „Schwimmen ist ein Menschenrecht.“ Jedes Kind in Deutschland soll nach der vierten Klasse schwimmen können. Doch es gelingt nicht wirklich. Auch Martin Janssen beschäftigt dieses Problem. Es gibt weniger Schwimmhallen, und so manches Spaßbad ist für Schwimmunterricht wenig geeignet. Noch mache sich das in den Statistiken der Badeunfälle nicht bemerkbar, heißt es beim DLRG. Auch muslimische Mädchen, die zum Teil nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, seien entgegen mancher Vorurteile in der Statistik kein Thema. „Aber die Lehrerausbildung bereitet uns Sorgen“, sagt Janssen. Wer Sport auf Lehramt studiert, hat heute viele Auswahlmöglichkeiten. Viele scheuten die Verantwortung, die Schwimmunterricht mit sich bringt. Und: Wer selbst nicht gut schwimmen kann, führt seine oder ihm anvertraute Kinder auch nicht selbstverständlich an das Schwimmen heran.

Für Martin Janssen ist neben dem Schwimmunterricht besonders die Aufklärung wichtig. Die Welt mag ein Dorf geworden sein, aber niemand kann jede Ecke dieses Dorfes kennen. Janssen wäre schon froh, wenn mehr Menschen die Ecken vor ihrer Haustür kennen würden. Ein Beispiel: „Auf der Elbe in Hamburg fahren Schiffe mit 50 000 Bruttoregistertonnen lang – und nur 100 Meter davon entfernt baden Leute am Elbstrand.“ Sicher, das gibt schöne Fotos für Facebook. Aber die Schwimmer wüssten gar nicht, glaubt Janssen, welch starke Strömungen diese großen Pötte verursachen. „Dort zu schwimmen – das ist Wahnsinn.“ Es ist, in einem Jahrhundertsommer wie diesem, hundertfacher Wahnsinn.

Gerd Schild

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