Ausschreitungen nach Todessturz

Tumulte mit M-Kurden verunsichern Hameln

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Ein Zeichen gegen Ausgrenzung: 900 Hamelner demonstrierten am Montag unter dem Motto „Bunt statt Braun“ gegen Fremdenfeindlichkeit.

Hameln - Selbst die Polizei war von der Gewalt überrascht: Nach dem Todessturz aus dem Amtsgericht vor zwei Wochen kam es zu Tumulten in Hameln. Angehörige des Mannes, die zur Gruppe der Mhallamiye-Kurden gehören, verletzten 15 Beamte. Die Stadt sucht jetzt nach dem richtigen Umgang mit den Familienclans.

Steine waren geflogen, Scheiben zu Bruch gegangen, 15 Polizisten wurden verletzt:Nach dem tödlichen Sturz eines 26-Jährigen aus dem siebten Stock des Hamelner Amtsgerichts vor zwei Wochen hatte ein heftiger Tumult zwischen Polizisten und Angehörigen des Mannes die Weserstadt erschüttert. Die Familie, die zur Gruppe der sogenannten M-Kurden gehört, hatte die Klinik stürmen wollen, in der der 26-Jährige verstorben war. Mittlerweile hat sich die Lage in Hameln wieder beruhigt - doch die Ratlosigkeit ist geblieben.

Die Polizei hat eine Ermittlungsgruppe eingerichtet, die derzeit Zeugenaussagen sowie Video- und Fotoaufnahmen auswertet. Unter anderem hatten mehrere Patienten des Sana-Klinikums mit Smartphones aus den Fenstern gefilmt, als die etwa 30 Familienangehörigen versuchten, das Gebäude zu stürmen. Eine Person aus Hameln sei bisher identifiziert worden, sagt ein Polizeisprecher. Doch bei den meisten sei nicht klar, ob sie zur Familie gehörten oder überhaupt aus Hameln stammten.

Die Polizei ist von der Gewalt überrascht worden, räumt der Sprecher ein. „Einzelne Clanmitglieder waren polizeibekannt. Aber so geschlossen sind sie noch nicht aufgetreten. Deswegen waren wir geschockt über die Gewaltbereitschaft.“

Eine Großfamilie, die das deutsche Rechtssystem ablehnt und nicht einmal vor Angriffen auf Polizisten zurückscheut, in ihrer Mitte zu haben, sei den Menschen nicht bewusst gewesen, sagt auch Stadtsprecher Thomas Wahmes. „Das Problem hat man in weiter Ferne gesehen, aber nicht hier bei uns in Hameln.“ Die Sache sei nicht gelöst, man müsse sich damit auseinandersetzen, sagt Wahmes. Allerdings sei das nicht einfach, denn an die Gruppe sei nur schwer heranzukommen. „Das haben auch schon andere versucht, es ist nicht einfach.“

Dass die Ruhe nur oberflächlich herrscht, zeigte sich vor einer Woche:Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei durchsuchte sechs Wohnungen von Mitgliedern der Großfamilie nach Waffen, die „diese möglicherweise gegen bestimmte Personen einsetzen könnten“, wie es in der Pressemitteilung der Polizei hieß. Die Razzien verliefen nicht reibungslos: Ein Beamter und eine Frau aus der Familie wurden verletzt. In der Familie habe es weiterhin rumort, bestätigt der Polizeisprecher. Es habe gegen einzelne Personen Bedrohungen gegeben, deshalb seien Schutzmaßnahmen ergriffen worden, die er nicht näher erläutern wollte.

Keine Welle von Fremdenfeindlichkeit

Im Internet kursieren zudem Verschwörungstheorien. Auf einer Trauerseite auf Facebook wird behauptet, der 26-Jährige sei „aus dem Amtsgerichtsgebäude von Beamten aus dem 7. Stock geschubst“ worden. Ein Kommentator nennt ihn „Schahid“ - Märtyrer. Wer die Seite eingerichtet hat, ist nicht klar.

Doch es gebe auch gute Zeichen, sagt Stadtsprecher Wahmes: Der Vorfall habe bei den Hamelnern keine Welle von Fremdenfeindlichkeit ausgelöst. Zu der Anti-Pegida-Demonstration am Montag in Hameln seien trotz sehr kurzen Vorlaufs 900 Menschen gekommen, um gegen Ausgrenzung Flagge zu zeigen. „Das war ein tolles Signal“, sagt Wahmes. Und er hofft: „Durch den schlimmen Vorfall darf sich ein Zusammenleben in Hameln nicht verändern.“

Die Mhallamiye-Kurden

Immer wieder geraten Mitglieder der Mhallamiye-Kurden, im Polizeijargon M-Kurden genannt, mit dem Gesetz in Konflikt. Sie gelten als extrem gewaltbereit. Im November griffen mehrere Mitglieder einer M-Kurden-Familie eine Polizeiwache in Peine an und bedrohten die dortigen Beamten. Im September kam es vor einer Klinik in Lüneburg zwischen zwei verfeindeten Clans zu einer Schießerei, drei Männer wurden verletzt. Beim sogenannten Ampel-Mord in Sarstedt erschoss ein M-Kurde den Liebhaber seiner Frau. Als er verurteilt wurde, erhielt der Hildesheimer Richter Morddrohungen von Familienmitgliedern des Angeklagten.

Das Landeskriminalamt geht von 2000 M-Kurden in Niedersachsen aus. Laut Bundeskriminalamt bilden die Clans ihre „heimatlichen Dorfstrukturen“ nach. Sie kapseln sich ab, viele von ihnen sind noch immer An­alphabeten. ran/doe

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