Schulreform

Turbo-Abitur soll ausgebremst werden

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„Höher, weiter, schneller ist kein Motto für Schulen“: Elternvertreter Klaus Plein (v. li), Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbandes, und Dieter Stephan von der Direktorenvereinigung fordern von der Regierung, die Gymnasialzeit wieder um ein Jahr zu verlängern.

Hannover - Philologen, Eltern und Schulleiter wollen wieder zurück zum Abitur nach 13 Jahren. Der Philologenverband schlägt außerdem vor, dass Kindern der unteren Klassen nicht mehr als sechs Stunden Unterricht am Tag haben sollen.

„Der Zug in Richtung G 9 ist nicht mehr aufzuhalten.“ Philologenchef Horst Audritz hat am Mittwoch in Hannover die schnelle Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren an Gymnasien gefordert. „Die Zeit des Lavierens muss endlich vorbei sein, Entscheidungen sind jetzt gefragt.“ Schon ab Sommer sollten die Gymnasien generell wieder zu G 9 zurückkehren, fordern die Philologen zusammen mit Elternvertretern und Schulleitern. Das olympische Motto „höher, schneller, weiter“ dürfe für Bildung nicht gelten. Kinder müssten wieder Zeit zum Lernen, aber auch zur Persönlichkeitsbildung und für außerschulische Aktivitäten wie Sport und Musik haben. „G 9 heißt, Schule wieder vom Schüler her zu denken“, sagte Audritz. 2004 bevorzugten die Philologen noch das Turbo-Abitur. Ihre Zustimmung hatte ihnen der damalige Kultusminister Bernd Busemann (CDU) abgerungen, weil er im Gegenzug die Orientierungsstufe abgeschafft hatte.

Dieter Stephan von der Direktorenvereinigung sagte am Mittwoch, das auf acht Jahre verkürzte Abitur sei zutiefst unsozial. Viele Schüler müssten Klassen wiederholen oder das Gymnasium ganz verlassen. Wer sich keine teure Nachhilfe leisten könne, habe das Nachsehen. Die mittleren oder schwächeren Schüler würden durch G 8 abgehängt. Stephan warnte allerdings vor einem „Turbo-Abitur light“ mit ausgedünnten Lehrplänen und noch weniger Klassenarbeiten: „Abiturienten sind sonst nicht mehr studierfähig.“

Nach der Rückkehr zu G 9 sollten besonders begabte Schüler jedoch auch in acht Jahren ihr Abitur machen können, sagte Stephan. Möglich sei es, dass einzelne Schüler ein Jahr überspringen oder extra „Sprinterklassen“ einzurichten, die den Stoff der Klassen 10 und 11 in einem Jahr absolvieren.

Für Familien sei es wichtig, die Kinder in der Mittelstufe vom Nachmittagsunterricht zu entlasten, sagte Klaus Plein vom Verband der Elternräte der Gymnasien. Die Philologen haben ein Modell vorgelegt, wonach in den Jahrgängen 5 bis 10 sechs Stunden Unterricht am Tag die Regel sein soll. Bislang sind in Jahrgang 7 nicht 30, sondern bis zu 34 Stunden in der Woche üblich. „Wenn Zwölfjährige in der 7. und 8. Stunde Mathematik oder Chemie haben, ist das Quälerei“, findet Plein. Die Umstellung auf G 9 sei ohne zusätzliche Kosten und neue Schulbücher möglich.

Auch der Streit um die jetzt gerade im Kabinett beschlossene Mehrarbeit für Gymnasiallehrer, die Aussetzung der Altersermäßigung und das Klassenfahrtenboykott wären dadurch auf einen Schlag gelöst, meint Audritz. Da die Schüler in den Klassen 5 bis 10 weniger Unterricht hätten, könnten rund 600 Lehrerstunden eingespart werden. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) hätte die Chance, einen echten Schulfrieden zu schließen. Die jetzigen Siebtklässler wären dann der erste Jahrgang, der wieder ein Abitur nach 13 Jahren ablegen würde.

Die GEW warb für ein „Lernen im eigenen Takt“ statt für G 8 oder G 9. Man dürfe nichts überstürzen: „Der richtige Starttermin ist nicht 2014, sondern 2015.“ Auch der Landeselternrat und die Grünen betonten, man sollte erst die Ergebnisse der Expertenrunde Ende März abwarten, die derzeit auf Einladung des Ministeriums tagt. Heiligenstadt will sich nicht treiben lassen. „G 8 ist überhastet eingeführt worden, diesen Fehler wollen wir nicht wiederholen“, hieß es.

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