Lehrer

Überfordert auf Lebenszeit

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Hannover - Wer seine Arbeit schlecht macht, kann entlassen werden. Es sei denn, er ist Lehrer. Wie zeitgemäß ist der Beamtenstatus eigentlich noch?

Wenn unter Fußballfreunden das Wort Wanderpokal fällt, hat es meist einen freudigen Beiklang. So eine DFB-Meisterschale ist ja auch was Schönes. Wenn aber im Lehrerzimmer vom Wanderpokal die Rede ist, schwingen nicht Stolz und Anerkennung mit, sondern Häme und Resignation. In deutschen Lehrerzimmern ist nicht selten von Wanderpokalen die Rede.

Als Wanderpokale unter den Pädagogen gelten jene Lehrer, die gescheitert sind. Weil sie lustlos, überfordert oder sonst wie fehl am Arbeitsplatz sind – und trotzdem von Schule zu Schule weitergereicht werden. Denn als Beamte auf Lebenszeit sind sie so gut wie unkündbar. Etwa der Erdkundelehrer, der mit der Zeitung unterm Arm in die Klasse kommt, Platz am Pult nimmt und die Schüler bittet, die Aufgaben im Buch in Stillarbeit zu bearbeiten – mit dem Hinweis, er könne ihnen ohnehin nicht mehr vermitteln als dort steht. Die Deutschlehrerin, die eine Meute Pubertierender zu bändigen versucht, indem sie den einen Zeigefinger an die Lippen hält und den anderen in die Luft, minutenlang. Oder der Mathelehrer, dem es egal ist, wie viel Kurvendiskussion in den Köpfen seiner Schüler hängen bleibt – Hauptsache es findet sich jemand, der sich beim Vorrechnen an der Tafel triezen lässt.

„Es fehlen Notausgänge für verbeamtete Lehrer, die den Anforderungen ihres Berufs nicht gerecht werden und damit auch selbst nicht glücklich in ihrem Beruf sind“, sagt Brigitte Naber, Vorsitzende des Schulleiterverbandes Niedersachsen. „Dabei wäre mehr Flexibilität im Interesse der Schüler und der betroffenen Lehrer wichtig – aber auch für die Kollegen, die die Schwächen und Versäumnisse eines überforderten Lehrers ausgleichen müssen.“ Auf einer Tagung sprach Naber kürzlich mit Wirtschaftsvertretern über Personalentwicklung. Wie verfährt die Wirtschaft mit Problemfällen? Auch dort wird ja nicht gleich die Kündigung verschickt. „Da gibt es Performance-Gespräche, Zielvereinbarungen, Coaching, Supervision – kurzum: Es geht zunächst um zusätzliche Förderung. In Schulen fehlen Anreizsysteme und Unterstützungsmaßnahmen, um Kollegen zu fördern und sie nicht nur zu versetzen“, sagt Naber. Alternative Arbeitsfelder müssten als „Notausstieg“ zur Verfügung stehen.

Studien über Burn-out am Arbeitsplatz gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent der rund 840 000 Lehrer in Deutschland dauerhaft überfordert sind. In einer Allensbach-Umfrage gaben 44 Prozent im Jahr 2012 an, dass es bei ihnen Situationen gab, in denen sie die Belastungen als unerträglich empfanden.

Es wäre nicht fair, den Grund für die Überforderung ausschließlich beim einzelnen Lehrer zu suchen. Zweifelsohne verlangt Schule heute den Lehrern viel ab. Aber umso merkwürdiger wirkt das starre Arbeitsverhältnis, das selbst manche Lehrer als goldenen Käfig empfinden. Dabei lernt heute jeder Schüler, dass Flexibilität Grundvoraussetzung ist beim Eintritt in den Arbeitsmarkt, dass Leistung den Lohn bestimmt.

Drei Viertel aller Lehrer sind derzeit Beamte – aber die Zahl sagt wenig aus, weil sich der Anteil der Beamten unter den Lehrern zwischen den west- und ostdeutschen Ländern erheblich unterscheidet. In Baden-Württemberg sind mehr als 90 Prozent aller Lehrer im Schuldienst Beamte – in Mecklenburg-Vorpommern sind es nur 0,08 Prozent. In Niedersachsen liegt der Beamtenanteil bei 85 Prozent, in Sachsen dagegen bei gerade mal drei. Diese gewaltige Kluft hat vor allem historische Gründe, sie sagt aber auch einiges aus über die doppelten Standards im Beamtenwesen.

Sachsen und Berlin sind zurzeit die einzigen Bundesländer, die nicht verbeamten. Wer dort den Schuldienst antritt und den Beamtenstatus nicht schon in einem anderen Bundesland erworben hat, ist Angestellter. Heißt das, dass sich die Schulen dort leichter trennen können von überforderten Lehrern? „Eher nageln Sie einen Pudding an die Wand“, sagt Astrid-Sabine Busse von der Interessenvertretung Berliner Schulleiter, selbst Grundschulleiterin. „Nach zehn Jahren im öffentlichen Dienst sitzt auch ein Angestellter auf einem ganz, ganz sicheren Posten.“ Busse fand es lange recht modern, dass Berlin nicht verbeamtet. Auch weil sie hoffte, dass damit die mitunter groteske Ungleichbehandlung angestellter und verbeamteter Lehrer ein Ende finden würde. Aber jetzt, in der Not, sieht sie das anders: „In Berlin fehlen mehr als 2000 Lehrer. Obwohl die Stadt so attraktiv ist, wollen die Leute hier nicht unterrichten. Dagegen muss die Stadt was tun.“

Das heißt: mit Verbeamtungen locken. Denn die Konkurrenz sitzt direkt vor den Toren Berlins. Das Land Brandenburg versucht dem Lehrermangel seit Jahren schon mit der Aussicht auf den Beamtenstatus beizukommen. Ulrike Kegler, Leiterin der Montessori-Oberschule in Potsdam, hält die Verbeamtung von Lehrern für ein Relikt längst vergangener Tage: „Es ist inzwischen ein nur schwer zu rechtfertigendes Privileg.“ Nichts spricht jedoch dafür, dass die Verbeamtung von Lehrern bald Geschichte sein wird. Im Gegenteil, wie jetzt Mecklenburg-Vorpommern zeigt.

Seit der Wende hat das Land seine Lehrer nie verbeamtet. Hunderte Stellen sind unbesetzt. Nächste Woche rollt eine große PR-Kampagne an: Mecklenburg-Vorpommern will Berufseinsteiger und all jene Lehrer, die jünger als 40 Jahre sind, von August an verbeamten. Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) sagt: „So fällt ein entscheidender Wettbewerbsnachteil weg.“

Ursprünglich wurde der Beamtenstatus von Lehrern mit ihren hoheitlichen Aufgaben begründet. Der Deutsche Beamtenbund tut das noch heute. „Lehrer entscheiden über den Bildungsweg und die Zukunft von Menschen – der Beamtenstatus ist zeitgemäß, und wir hoffen, dass es dabei bleibt“, sagt eine Sprecherin. Ähnlich denkt man beim Philologenverband: „Gewiss erfüllen Lehrer hoheitliche Aufgaben – mehr noch als manch Polizist oder Finanzbeamter“, sagt Verbandschef Heinz-Peter Meidinger. „Jedenfalls ist ein Abschlusszeugnis ein gravierenderer Eingriff ins Leben eines Menschen als der Strafzettel eines Polizisten oder ein üblicher Steuerbescheid.“

„Hoheitliche Aufgabe – wenn wir es ernst meinten mit diesem hochtrabenden Begriff, müssten doch die Lehrer sprühen vor Esprit, die Schüler Lust am Lernen haben, und Bildung wäre der Politik richtig viel wert“, sagt die Potsdamer Schulleiterin Kegler.Der Gesetzgeber legt die hoheitliche Aufgabe nun mal recht eigenwillig aus. So müssen angestellte Lehrer das Gleiche leisten wie verbeamtete, bekommen dafür aber weniger Geld. Die Lehrergewerkschaft GEW hält das für Augenwischerei: „Letztlich geben Engpässe auf dem Arbeitsmarkt und fiskalische Erwägungen den Ausschlag, ob ein Land Lehrer verbeamtet oder nicht“, sagt Gesa Bruno-Latocha, GEW-Referentin für Tarif- und Beamtenpolitik.

Der Beamtenstatus ist ein Standortfaktor. Schließlich ist laut der Allensbach-Studie von 2012 weit mehr als jedem zweiten jungen Lehrer die Arbeitsplatzsicherheit sehr wichtig. Mit dem Alter nimmt demnach die Bedeutung der Verbeamtung ab, was vielleicht damit zu erklären ist, dass die älteren Befragten längst verbeamtet sind. Und es ist auch kein Widerspruch, dass ausgerechnet in Zeiten der Schuldenbremse die Verbeamtung zunimmt: Auf kurze Sicht kosten Beamte das Land weniger, weil keine Sozialabgaben anfallen – die Versorgungskosten übernehmen spätere Generationen. Das macht die Verbeamtung selbst für klamme Länder attraktiv.

Die Pensionierungswelle ist angerollt – noch nie sind so viele Lehrer aus dem Schuldienst ausgeschieden wie 2012. Rund 24 400 verbeamtete Pädagogen wurden in den Ruhestand versetzt. Es fehlt der Nachwuchs – vor allem in den Naturwissenschaften, vor allem im Osten. „Die Auswahl ist nicht groß – da nehmen einige Länder nun mal jeden, der kommt“, sagt Gudrun Wolters-Vogeler, Vorsitzende des Deutschen Schulleiterverbandes. „Dabei versucht jedes Land, die Besten abzuschöpfen.“

Das Nachsehen hat neben Berlin auch Sachsen. Schulleiterin Kerstin Daniel ist zurzeit ganz froh; sie konnte vor zwei Jahren einen jungen, begabten Kollegen an ihrer Mittelschule in Chemnitz einstellen. „Aber ich weiß, dass er nach Bayern wechseln möchte, er bewirbt sich“, sagt sie. Weil der Kollege auf dem Sprung ist, kann Kerstin Daniel ihn nicht als Klassenlehrer einsetzen. „Menschlich ist sein Wunsch ja nachvollziehbar, aber angesichts der Konkurrenz zwischen den Ländern habe ich keine Planungssicherheit“, sagt sie.

Deutschlands Schulen stecken fest in einem Dilemma: Sie müssen die Personalnot bekämpfen und gleichzeitig an ihrer Qualität arbeiten. Solange aber den Ländern als Lockmittel für junge Lehrer nichts Besseres als die Aussicht auf Verbeamtung einfällt, muss man sich wohl sorgen um die Qualität des Unterrichts.

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