Ausgebeutete in der Fleischindustrie

Überlandfahrt der Schande

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"Sie haben immer Angst": Daniela Reim berät zwei Männer im VW-Bus.

Oldenburg - Arbeiter in der Fleischindustrie haben in Niedersachsen nach wie vor mit Ausbeutung zu kämpfen. Oft zahlen die Chefs deutlich weniger als vereinbart. Eine in Rumänien geborene Lehrerin kümmert sich jetzt um ihre Landsleute - in einem mobilen Büro.

Auch am Ende dieses Tages werden wieder mehr Fälle übrig sein, als der Tag Stunden hatte, um den Menschen zu helfen. Daniela Reim startet den schwarzen VW-Bulli, und bevor die 43 Jahre alte Geschichtslehrerin den Bus auch nur vom Parkplatz in der Nähe des Oldenburger Bahnhofs gelenkt hat, klingelt das Telefon zum ersten Mal. Es ist der Start einer Runde durch den Süd­oldenburger Raum, einer Überlandfahrt der Schande.

Ihr Handy bleibt selten still. Drei Anrufe sind es schon, als Reim die Stadtgrenze von Oldenburg passiert. Immer sind Rumänen am Apparat, sie suchen Hilfe auf einem Arbeitsmarkt, der ihre Schwäche ausnutzt. Dabei sollte eigentlich alles besser werden in Niedersachsens Fleischbranche, wo osteuropäische Werkvertragsarbeiter jahrelang zu Dumping­löhnen in die Schlachthöfe geschickt wurden. Ein Mindestlohn für die Branche sollte helfen. Das Land hat Mindeststandards für ihre Unterbringung formuliert und die Beratungsstelle eingerichtet, für die Daniela Reim gemeinsam mit einer Kollegin arbeitet. Geholfen hat es: wenig.

Gerade ruft die Ehefrau eines Zerlegers an. Ihr Mann ist einer von geschätzt 9000 Lohnsklaven aus Osteuropa in Niedersachsens Fleischindustrie. Ihr Mann liegt im Krankenhaus, jetzt wurde er entlassen. Ob das normal sei in Deutschland, will sie wissen. „In Rumänien ist das jedenfalls nicht normal“, sagt Reim. In diesem Bereich der niedersächsischen Wirtschaft offenbar schon. So funktioniert das System im Wettlauf um das billigere Fleisch: Wer nicht spurt, wer gar aufmuckt, fliegt. Wer buckelt, wird um seinen Lohn betrogen. So geht die Schlachtordnung.

Immer noch, muss man sagen. Da hat auch der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro wenig geändert, der seit Januar auch in der Fleischbranche gilt, aber anscheinend systematisch unterlaufen wird. Reim wird sich auch um den Fall des Rumänen im Krankenhaus kümmern. Den Subunternehmer anrufen, mit der Krankenkasse telefonieren. Tägliches Geschäft für Reim.

Die dunkelhaarige Frau wurde im Nordosten Rumäniens geboren, Ende der Neunzigerjahre kam sie mit ihrem deutschen Ehemann nach Niedersachsen. Ihr Bild von Deutschland damals: ein fortschrittliches und gesetzestreues Land. Dieses Bild hat Risse bekommen.

Den schwarzen Bulli hat das Land im Herbst 2013 gebraucht gekauft. „Damals wurde viel über die Werkvertragsarbeiter gesprochen“, sagt Reim. In Papenburg waren zwei Rumänen bei einem Brand in ihrer Unterkunft ums Leben gekommen. Die Landesregierung richtete die „Beratungsstelle für mobile Beschäftigte“ ein und finanziert sie. Reim bewarb sich und wurde genommen. Seitdem hat sie viele Tausend Kilometer mit dem VW-Bus absolviert, der nicht nur Auto, sondern auch anonymer Treffpunkt für Beratungsgespräche ist. Dass die Scheiben abgedunkelt sind, hilft. „Sie haben immer Angst, gesehen zu werden, auch von Kollegen“, erzählt Reim. „Wenn herauskommt, dass einer geredet hat, fliegt er sofort raus.“

Mit zwei Rumänen hat sie einen Treffpunkt an einem Autohaus in Cloppenburg vereinbart. Beide huschen nervös in den Wagen und bitten die Beraterin, aus der Stadt herauszufahren. Sie haben die Nachtschicht beendet, von Mitternacht bis morgens um zehn gearbeitet. Beide zeigen ihre Lohnabrechnung, die sie nicht verstehen. Was sie verstehen: Sie haben deutlich weniger ausgezahlt bekommen als erwartet bei einer 40-Stunden-Woche zu 8,50 Euro Mindestlohn. 883 Euro sind es am Ende für den Monat.

Ein typischer Fall. Die beiden Rumänen sind, obwohl sie in einem Schlachthof in Garrel im Kreis Cloppenburg arbeiten, bei einem Unternehmen in Rumänien angestellt. Vom Nettolohn werden darum Sozialversicherung und ein Posten „Auszahlung Heimatland“ abgezogen. In Rumänien findet sich das Geld jedoch nicht wieder, berichten beide. Noch rätselhafter bleib der Abzug „Abschlag/Vorschuss“. Es fehlen insgesamt 451 Euro. Ein Fall für den Zoll, der die Einhaltung des Mindestlohns kontrolliert. Reim schaltet die Behörde ein.

Nächste Station: Garrel. Reim besucht ein Ehepaar, auch hier fragwürdige Abzüge auf dem Lohnzettel. Letztens wurde der Frau gekündigt. Sie war mit ihrem Mann nach Rumänien gereist, um die Beerdigung der Mutter zu regeln. Die Beraterin hat erreicht, dass der Subunternehmer die Kündigung zurücknahm. Ein Anwalt wird den Lohn einklagen. Beide sind der Gewerkschaft beigetreten. Trotzdem geht sie mit Rückenschmerzen weiter arbeiten, weil sie fürchtet, wieder gekündigt zu werden, sollte ein Arzt sie krankschreiben.

In Ahlhorn trifft Reim einen Rumänen und einen Bulgaren auf dem Parkplatz eines Supermarkts. Der Bulgare ist verzweifelt, weil er seit Wochen kaum Geld bekommt, das er zur Frau und den beiden Kindern nach Hause schicken kann. Beide leben mehr oder weniger von Tütensuppe, berichten sie. Auch der Rumäne hat kein Geld mehr: Ihm wurden 750 Euro vom Lohn abgezogen, angekündigt vom Subunternehmer per Whats­app-Nachricht: „Vertragsstrafe 750 €“. Sein Vergehen: Er hat fristlos gekündigt – aus Versehen, weil es an Kenntnissen fehlt, wie er sagt. An der „Strafe“, die der Unternehmer dafür verhängt, hat das nichts geändert.

Vorgesetzte erpressen Leiharbeiter

Schikane im Schlachthof: Osteuropäische Leiharbeiter in der Fleischbranche sind offenbar Opfer von Erpressungen durch Vorgesetzte geworden. Vor dem Amtsgericht Cloppenburg müssen sich in der kommenden Woche zwei 52 und 31 Jahre alte Männer verantworten. Laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Oldenburg sollen sie den ihnen unterstellten Schlachtern in Essen im Landkreis Cloppenburg mit Entlassung gedroht haben, sollten sie nicht zahlen. Das bestätigte der Oldenburger Staatsanwalt Martin Rüppell auf Anfrage der HAZ.

Einer der Angeklagten war als Schichtleiter in dem Schlachthof eingesetzt, der andere als Vorarbeiter. „Sie sollen von Werkvertragsarbeitern des Schlachthofes wegen vermeintlicher Arbeitsverfehlungen ,Strafgelder‘ in Höhe von bis zu 1000 Euro verlangt haben“, sagte Rüppell. Das Geld sollen die Männer unter sich aufgeteilt haben. Das Amtsgericht Cloppenburg hatte die Eröffnung des Verfahrens zunächst abgelehnt. Erst nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft ließ das Landgericht Oldenburg die Anklage zu.

Audra Brinkhus-Saltys vom Netzwerk „Menschenwürde in der Arbeitswelt“ glaubt nicht, dass solche Erpressungen Einzelfälle sind. „Das ist ein übliches Verfahren.“ Immer wieder hat sie es auch mit Schlachtern zu tun, denen aus nichtigen Gründen Teile ihres Lohns vorenthalten werden. „Man kann die Arbeiter willkürlich bestrafen, weil sie keinen Kündigungsschutz haben.“

Das haben der Schichtleiter und der Vorarbeiter offenbar ausgenutzt. Die „Strafgelder“ sollen am Monatsende vom Lohn einbehalten worden sein. Dafür reichte offenbar, dass ein Schlachter ohne besondere Arbeitskleidung durch ein Kühlhaus gelaufen ist. Einem anderen soll zum Verhängnis geworden sein, dass er Schinken leicht mit dem Messer beschädigt hat. Wer nicht zahlte, war seinen Job los.

„Es wird nach immer neuen Wegen gesucht, an das Geld der Leute zu kommen“, sagte der Cloppenburger SPD-Kreistagsabgeordnete Detlef Kolde. „Die machen mit denen, was sie wollen.“ Eine neue Masche offenbar: Urlaubstage werden nicht bezahlt, oder der Resturlaub verschwindet vom Konto. Auch die Pflicht zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wird nicht befolgt.

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