Gewinn nur dank Quote?

Die ungewisse Zukunft der Zuckerrübe

+
Noch bis Mitte Januar wird in Uelzen Zucker produziert.

Uelzen - Im Nordzucker-Werk in Uelzen laufen die Maschinen rund um die Uhr - bis Mitte Januar dauert die Rübenkampagne noch. Die Zucker-Riesen Nord- und Südzucker meldeten zuletzt Rekordzahlen, doch die Zukunft der europäischen Zuckerproduktion ist ungewiss.

Laut polternd purzeln die Zuckerrüben von der Ladefläche des Lasters. Erdig-schwer und süß hängt ihr Geruch über dem Nordzucker-Werk in Uelzen. Aus dem Schornstein quillt dicker, weißer Rauch wie Zuckerwatte. Georg Sander beobachtet zufrieden, wie ein Bulldozer die Laster-Ladung auf den unübersehbaren Rübenhaufen im Fabrikhof schiebt.

„Wir erwarten eine überdurchschnittliche Ernte“, sagt der Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung. Seit 10. September läuft die Rübenkampagne, noch bis Mitte Januar wird hier Zucker produziert.

Die nackten Zahlen beeindrucken genauso wie die riesigen Förderbänder, Heizkessel und Silos in Uelzen: 2610 Landwirte liefern pro Kampagne 2,4 Millionen Tonnen Rüben, die zu rund 400 000 Tonnen Zucker verarbeitet werden. 1000 Fahrzeuge fahren täglich über die Waage hinter der Zufahrt, die Maschinen laufen rund um die Uhr. Uelzen ist einer der größten Nordzucker-Fabriken.

Der zweitgrößte Zuckerproduzent Europas hat zuletzt beeindruckende Zahlen vorgelegt: 2 Milliarden Euro Umsatz und 208 Millionen Euro Gewinn durfte Vorstandschef Hartwig Fuchs für das Geschäftsjahr 2011/12 verkünden - Rekord. Auch Branchenprimus Südzucker meldet satte Gewinne.

In Deutschland werden nach Angaben des Statistischen Bundesamts 25 Millionen Tonnen Zuckerrüben pro Jahr angebaut, Spitzenreiter unter den Bundesländern ist Niedersachsen mit 7,6 Millionen Tonnen in der vergangenen Saison.

Doch wie lange mit Rübenzucker noch Geld zu verdienen ist, könnte bald die Politik entscheiden. Denn der Zuckermarkt der EU ist stark reguliert: 85 Prozent des Bedarfs decken europäische Zuckerrüben, 15 Prozent wird vom Weltmarkt importiert - hauptsächlich Rohrzucker. Nun droht der Quote das Aus. Nach dem Willen der Europäischen Kommission ist 2015 Schluss.

Eine Idee, die der Zuckerrübenindustrie gar nicht schmeckt: „Die Quote sichert eine konstante Versorgung“, mahnt Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker und des Vereins der Zuckerindustrie. „Europa würde sich ohne Not vom schwankenden Weltmarktpreis abhängig machen.“ Der liege derzeit mit 450 Euro pro Tonne allerdings deutlich unter dem EU-Binnenmarktpreis von 710 Euro.

Das Infozentrum Zuckerverwender, ein Zusammenschluss von Lebensmittel-, Süßwaren- und Getränkeherstellern, forderte deshalb jüngst, die Regulierung zu beenden: „Mittlerweile schreiben viele Hersteller der zuckerverwendenden Wirtschaft rote Zahlen, weitere Insolvenzen und Arbeitsplatzverluste drohen.“ Ohne die Quote dürfe der heimische Zuckermarkt mehr als 85 Prozent des Bedarfs liefern, daher sei mit einer Zunahme der Produktion zu rechnen.

Ganz anders sieht es die Zuckerindustrie: „Ohne Planungssicherheit besteht die Gefahr, dass Landwirte den Rübenanbau einstellen“, befürchtet Tissen. Möglich sei auch, dass der Weltmarktpreis derart in den Keller ginge, dass die europäische Produktion nicht konkurrieren könne. „Dann können wir den Rübenanbau ganz sein lassen.“ 4000 Arbeitsplätze in Zuckerfabriken seien gefährdet. Die Zuckerverbände fordern deshalb, die Quote bis mindestens 2020 beizubehalten.

Eine Forderung, der man sich bei Nordzucker anschließt. Seit 2007 produziert das Unternehmen über die Tochtergesellschaft Fuel 21 auch Bioethanol aus Zuckerrüben, über NP Sweet vertreibt es den pflanzlichen Süßstoff Stevia. Seit Februar kooperiert Nordzucker zudem mit dem asiatischen Agrarunternehmen Wilmar Sugar bei der Rohzuckerbeschaffung für den europäischen Markt. Doch wichtigstes Standbein ist nach wie vor der Rübenzucker.

In Uelzen spielt dessen ungewisse Zukunft vorerst keine Rolle. Abteilungsleiter Sander reagiert gelassen, wenn man ihn auf die Rohrzucker-Konkurrenz anspricht. „Der braucht doppelt so viel Wasser pro Hektar, bei gleichem Ertrag, und außerdem sechs Jahre zum Wachsen.“ Im stickig-heißen Zuckerhaus, wo in riesigen Kesseln Zucker aus dem Rübenmark gewonnen wird, lässt er ein wenig „Magma“ ab, eine Art Sirup mit Zuckerkristallen und lächelt zufrieden. Wenn die Kampagne im Januar vorbei ist, wird hier geputzt, repariert und investiert - für die nächsten 400 000 Tonnen Zucker.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare