Trendy statt spießig

Unsere Sehnsucht nach Gemütlichkeit

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Gemütlich: Das „Teestübchen“ in Hannover.

Hannover - Gemütlichkeit ist ein deutscher Mythos – und derzeit erlebt sie eine Renaissance. Aber wie macht man Gemütlichkeit? Warum wirkt sie nicht mehr spießig? Und wozu ist Gemütlichkeit gut?

Tritt man durch diese Tür, dann ist es, als beträte man eine andere Welt. Man fröstelt noch ein wenig nach, doch die hektische, nasskalte Wirklichkeit bleibt draußen. Hier drinnen zieht ein hauchfeiner Vanilleduft durchs Dämmerdunkel. Kerzen stehen auf den Tischen des Cafés, Schnitzereien zieren die Wandvertäfelungen, und schmiedeeiserne Schnörkel wölben sich über dem dunklen Holz des Tresens. In jedem Winkel des „Teestübchens“ am hannoverschen Ballhofplatz gibt es ein neues Detail zu entdecken. Jede Ecke verheißt ein anderes kleines Geheimnis. „Dieser Laden“, sagt eine junge Besucherin, während sie beide Hände um ihre Teetasse legt, „ist der Inbegriff von Gemütlichkeit.“

Gemütlichkeit. Ein sehr deutsches Wort. Eines wie „Kegelbruder“ oder „Feierabend“. Es ist nicht leicht in andere Sprachen zu übersetzen: Es beschreibt zugleich eine Atmosphäre und einen Seinszustand. Eine Mischung aus Frieden und Muße. Das Gegenteil von Hektik, Arbeit und Konflikt. Etwas biedermeierlich klingt es, und lange stand es im Ruch der Spießigkeit: Gemütlichkeit war unpolitisch. Selbstbezogen. Gemütliche Männer waren bierbäuchig, gemütliche Frauen waren tantenhaft.

Was macht Gemütlichkeit aus?

Jetzt aber scheint die Gemütlichkeit eine Renaissance zu erleben. Alles, was langsam, besinnlich und mit Muße daherkommt, steht seit einiger Zeit bei den Deutschen hoch im Kurs: Befragt nach regelmäßig ausgeübten Freizeitaktivitäten, geben 71 Prozent an, sie würden gerne „ihren Gedanken nachgehen“. Vor 20 Jahren waren es ganze 29 Prozent. Der Anteil derer, die gern „faulenzen“, stieg seit 1994 von 37 auf 47 Prozent. Der Anteil derer, die „sich in Ruhe pflegen“ von 25 auf 61 Prozent.

Gemütlichkeit ist trendy, nicht nur vor Weihnachten. Aber wieso? Und was macht Gemütlichkeit überhaupt aus?

Im schummerigen „Teestübchen“ sitzt Günther Bohnecke mit seiner Tochter Josephine. Im Jahr 1970 gründete er den Familienbetrieb. Es war die Zeit, als viele alte Häuser abgerissen wurden und Antiquitäten auf dem Müll landeten: „Den Buffetschrank dort habe ich für 500 Mark gekauft, in einem Kaffeegeschäft, das schließen musste“, sagt er. Die Wände sind vertäfelt mit einstigen Direktorenzimmertüren einer Versicherung. Die Schnörkelgitter zierten früher das Treppenhaus der örtlichen Bundesbahndirektion: „Ich habe sie zum Schrottpreis bekommen“, sagt Bohnecke.

„Wer genießen kann ist ein glücklicher Mensch“: Blick in das hannoversche „Teestübchen“

Quelle: Körner

Jedes Stück in seinem Teestübchen sieht so aus, als könnte es eine Geschichte erzählen. Geschichten vom Überdauern. Als wäre dies ein Ort, an dem die Zeit stillsteht und nichts vergeht. „Viele denken, dass es hier seit Jahrhunderten so aussieht wie heute“, sagt Bohnecke. „Das ist für mich das größte Kompliment.“ Denn die Einrichtung ist zusammengesucht, die Gemütlichkeit ist ein Konstrukt: „Früher war hier ein Friseursalon.“

Alte Dinge, Traditionelles, Vertrautes - so etwas empfinden viele als gemütlich. „Und dann ist da natürlich das Licht“, sagt Bohnecke. „Licht ist das wichtigste Gestaltungselement überhaupt - es sorgt für einen anderen Herzschlag. Kalte LED-Birnen wird es hier nie geben.“ Während der Gastronom an seiner Tasse nippt, zischt die moderne Kaffeemaschine hinterm Tresen. An einem Ort, an dem die Gäste eher gedämpft sprechen, um die wohlige Stille nicht zu vertreiben, klingt das fast wie ein Fauchen: „Eigentlich stört mich das - aber was will man machen“, sagt er achselzuckend. „Gemütlicher ist es natürlich, wenn alles leise ist.“

Gemütlichkeit ist in sinnlicher Hinsicht ein Akkord aus Dekoration und Licht, aus Geruch und Geräusch. Die neue Gemütlichkeit hat da ein Facelifting hinter sich: Sie hat nichts mehr mit Goldkantegardinen und „Prosit!“ zu tun, mit dem Bären Balu oder trutschigem Kaffeeklatsch. Stattdessen boomen Meditationskurse und Wellness, man kocht wieder mit Freunden, gern auch vegan und mit Bärlauchpesto. Aber gemütlich muss es sein.

Sehnsucht nach Gemütlichkeit

„Es gibt eine Sehnsucht nach Gemütlichkeit, weil es eine Sehnsucht nach Sicherheit gibt“, sagt Ulrich Reinhardt, Leiter der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen. Globaler Terror, rasende Beschleunigung des Alltags, wirtschaftliche Unsicherheit - das alles schürt das Bedürfnis nach einem Rückzug in die eigenen vier Wände. Nach einem heimeligen Glück im Winkel, das sich dann mit Topfpflanzen und Landhausmöbeln dekorieren lässt.

Dank moderner Technik hat sich die Arbeitswelt immer stärker in die Privatsphäre der Menschen hineingefressen. Für Millionen Deutsche ist es normal, vom heimischen Sofa aus noch mal schnell ein paar Dienstmails zu beantworten. Die Trennung zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmt immer mehr. Der Maileingang wird zum Hamsterrad, das niemals aufhört, sich zu drehen. Wer dagegen anläuft, beschleunigt es nur. Um es zu stoppen, müsste man aussteigen. Doch um auszusteigen, müsste man sich selbst für entbehrlich halten. Und wer tut das schon?

Die Gemütlichkeit wird zum Geschäft

Nach dem 2012 vorgestellten „Stressreport“ der Bundesregierung bringen es Vollbeschäftigte im Schnitt auf 43 Arbeitsstunden wöchentlich. Burn-out, Stress und psychische Erkrankungen führen mittlerweile zu 59 Millionen Krankheitstagen im Jahr. Und zur gleichen Zeit erlebt die Gemütlichkeit ein Comeback. Vielleicht, weil seltene Dinge immer kostbar erscheinen: „Gemütlichkeit ist heute vor allem eine Sehnsuchtsprojektion jener, denen sie abhanden gekommen ist“, sagt der Arzt und Buchautor Ulrich Renz („Die Tyrannei der Arbeit – wie wir die Herrschaft über unser Leben zurückgewinnen“. Ludwig Verlag. 272 Seiten, 17,99 Euro).

Wo die Sehnsucht ist, ist das Geschäft nicht weit. „Seit Oktober haben wir mit Weihnachten zu tun“, sagt Annegret Morgenstern. Die gelernte Schauwerbegestalterin steht in der hannoverschen Ernst-August-Galerie zwischen goldglänzenden Dekopaketen und riesigen Tannenbäumen. Seit Monaten hat sie Schaufenster und Ladenzeilen dekoriert. Ihre Firma wirbt damit, „Wohlfühldeko“ zu zaubern. Die „Gestalterin für visuelles Marketing“ ist eine Art Expertin darin, Gemütlichkeit zu produzieren.

„Gemütlichkeit ist eine Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt“, sagt Morgenstern. Sie macht eine Pause. „Und zum Kaufen“, schiebt sie lächelnd nach. „Je größer ein Raum ist, umso mehr Elemente braucht man, um eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen.“ Ihr Team hat in dem Einkaufszentrum Abertausende von Lichtlein zum Leuchten gebracht und mehr als 100 Tannenbäume aufgestellt. Natürlich keine echten, wegen des Brandschutzes.

„Nach dem Fest ist vor dem Fest“: Die Werbeagentur Concept Art entwirft Weihnachtsverpackungen für Kosmetika.

Quelle: Körner

„Wenn eine Dekoration alle Generationen erreichen soll, gelingt das am besten mit den traditionellen Elementen“, sagt sie: „Baum, Kugeln, Sterne. Rot- und Goldtöne.“ Besonders mit dem Weihnachtsbaum würden viele Deutsche ein Gefühl von Daheimsein verbinden. Ein Gefühl von Kindheit, Vertrautheit, Geborgenheit und Aufgehobensein. „Von Gemütlichkeit eben“, sagt sie.Ofenbauer und Hotels, Inneneinrichter und Duftkerzenzieher werben inzwischen mit diesem Attribut für ihre Produkte: „Werbung appelliert an Basisgefühle – wir rufen emotionale Muster ab“, sagt Martin Schinke. Der Werbetexter sitzt im Büro seiner Agentur Concept Art. Eine gediegene Jugendstilvilla in Hannovers Edelviertel Waldhausen. Schon im Frühjahr fängt seine Agentur an, Weihnachtsverpackungen für Kosmetika oder Esswaren zu entwerfen. „Nach dem Fest ist vor dem Fest“, sagt Schinke. „Aber Gemütlichkeit verkauft sich das ganze Jahr über gut.“

Lebensmittel finden heute besonders dann Absatz, wenn sie erkennbar aus der Heimat des Käufers stammen: „Regional ist inzwischen wichtiger als bio“, sagt Schinke. In der Werbung tauchen dann gern Bauersfrauen auf, die das Gemüse mit schwieligen Händen sorgsam aus der Krume bergen und an der Kittelschürze blank reiben – obwohl jeder weiß, dass die Realität anders aussieht.

„Wer genießen kann, ist ein glücklicher Mensch“

Bei der Vermarktung gibt es bestimmte „Keywords“, Schlüsselreize, die das Unterbewusstsein ansprechen: Harmonie. Zu Hause. Wärme. Glück. Familie. Licht. Zeithaben. Schnee. „Werbung ist aber nur die Sklavin jener Bedürfnisse, die es in der Zielgruppe bereits gibt“, sagt Schinke. Sie präsentiert das, was Menschen sehen wollen. „Und da ist Entschleunigung ein Megatrend – paradoxerweise zugleich mit der Beschleunigung.“ Entspannte Menschen, flackernde Kaminfeuer, wohliger Kerzenglanz: „So etwas emotionalisiert nun mal, und was emotionalisiert, schafft Kunden“, sagt Kurt Lach, Vizepräsident des Europäischen Verbandes für Marketing und Merchandising, nüchtern.

An der Wiege der Gemütlichkeit steht heute oft der Kommerz Pate, und oft ist die Lust auf Langsamkeit nur die Kehrseite einer atemlosen Arbeitswelt. Und doch kann Gemütlichkeit eine wichtige Funktion haben: „Sie tut schlichtweg gut“, sagt der Mediziner Ulrich Renz. Gemütlichkeit ist ja auch ein Stück zweckfreies Leben. Die Freiheit vom Zwang, funktionieren zu müssen. Man braucht ein gewisses Maß an innerer Ruhe, um soziale Beziehungen in der Familie oder zu Freunden zu pflegen. Und um zu sich selbst zu finden, weil die Corporate Identity der Firma die eigene Identität eben doch nicht ersetzt.

„Gemütlichkeit – das ist, wenn man relaxen kann“, sagt Günther Bohnecke. Er pustet im „Teestübchen“ über seine dampfende Tasse. Künstler wie Karlheinz Böhm, Andy Warhol und Joseph Beuys gingen hier schon ein und aus. Stammgäste berichten, dass sie das Café gezielt fürs erste Rendezvous mit einer neuen Liebe ausgewählt haben – weil Gemütlichkeit nun einmal entspannt und einem Menschen helfen kann, er selbst zu sein. „Ich freue mich, wenn die Gäste das Leben genießen“, sagt Bohnecke. Er lächelt: „Wer genießen kann, ist ein glücklicher Mensch, nicht wahr?“

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