Erbgutveränderung

Verändertes Brustkrebsgen tritt vermehrt in Grafschaft Bentheim auf

+
Risiko Familie: Frauen, die an einer erblich bedingten Genmutation leiden, erkranken ungleich öfter an Brust- oder Eierstockkrebs. Röntgenaufnahmen helfen, Auffälligkeiten zu erkennen.

Hannover/Bad Bentheim - In der Grafschaft Bentheim gibt es viele Frauen, die über Generationen hinweg an einer besonders seltenen Genmutation leiden. Die Erbgutveränderung birgt ein hohes Risiko, an Eierstock- oder Brustkrebs zu erkranken.

Die Nähe zur Grenze hat ihre Tücken: Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben herausgefunden, dass Frauen in der Grafschaft Bentheim besonders häufig an einer Genmutation leiden, die sonst fast nur in den Niederlanden vorkommt. Diese Erbgutveränderung, BRCA 1 genannt, kann Eierstock, Eileiter- oder Brustkrebs hervorrufen. US-Schauspielerin Angelina Jolie hatte sich jüngst zur Brustamputation entschlossen, weil sie an der Genmutation leidet.

Aufgefallen war die seltene BRCA-1-Variante in der Grafschaft jetzt, weil sich mehrere Patientinnen an die MHH gewandt hatten. In anderen Landesteilen ist die Genmutation bislang nicht aufgetaucht.

Die Forscher ließen sich Familienkrankengeschichten erzählen, legten Stammbäume über mehrere Generationen an und deckten bislang unbekannte verwandtschaftliche Verflechtungen auf. Das Ergebnis: Vor rund 200 Jahren kam die Erbgutveränderung von Holland ins benachbarte Bad Bentheim und hat sich seitdem in der Region gehalten. Die Bodenständigkeit der Bewohner, die Prägung durch die evangelisch-reformierte Kirche und die Abschottung gegen andere Glaubensgemeinschaften taten ihr Übriges, um die Genmutation in der Grafschaft zu halten. Belegbare Zahlen etwa darüber, wie viele Frauen betroffen sind, liegen noch nicht vor. Es erkrankten nicht nur Frauen, sondern auch Männer, etwa an Magen-, Darm- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Das Sozialministerium in Hannover und der Landkreis reagierten gestern auf die Nachricht über die seltene Genmutation überrascht. Bislang sei die Region nicht durch eine Häufung von Brust- oder Eierstockkrebsfällen aufgefallen, sagte eine Ministeriumssprecherin und verwies auf das Krebsregister. Danach erkranken im Schnitt 126 Frauen von 100000 an Brustkrebs. In der Grafschaft erkranken zwischen 111 und 124 Frauen. „Absolut unauffällig“, lautet der Befund des Sozialministeriums. Nicht anders sieht es bei Eierstockkrebs aus. Mit 12,8 Erkrankungen pro 100000 Frauen liegt die Region im europäischen Mittel. Dies deckt sich mit den Erkenntnissen des Landkreisgesundheitsamtes.

Für Krebspatientinnen wie Hanna Reurik sind die Erkenntnisse der hannoverschen Ärzte schon so Gold wert: „Ich habe gemerkt, dass ich kein Einzelschicksal bin.“ Die 48-Jährige erfuhr 2006 bei einer Genanalyse, dass sie eine Erbgutveränderung hat. Schon ihre Mutter und zwei Tanten waren in jungen Jahren an Eierstockkrebs gestorben. Daraufhin ließen sich Reurik und ihre Schwester vorsorglich die Eierstöcke entfernen. Als dann bei einer Computertomografie auch ein Tumor in der Brust auffiel, entschloss sie sich auch zur Brustoperation. „Eierstöcke weg, Brüste weg, manchmal fühle ich mich nur noch als weibliche Hülle“, sagt Reurik, „aber wenn ich an das Schicksal meiner Mutter und meiner Tanten denke, die elend gestorben sind, wiegt das alles auf.“ Ob ihre drei Töchter, die 16, 19 und 21 Jahre alt sind, auch an BRCA 1 leiden, ist noch unklar. Sie sind noch zu jung für eine Genanalyse. „Das Warten darauf ist das Schlimmste“, sagt ihre Mutter.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare