Irreführend

Verbraucherzentrale prangert Verpackungen an

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Alles Käse? Nicht nur Fleischfabrikanten werben gerne mit idyllischen Bildern – die glückliche muhende Kuh entdeckten die Käsefabrikanten von Fromageries Bel.

Hamburg - Außen hui, innen fragwürdig: Die Verbraucherzentrale Hamburg prangert irreführende Verpackungen an. Der Verbraucher werde bewusst getäuscht.

Am Anfang war die lachende Kuh. Bereits seit 1921 wirbt ein französischer Schmelzkäsehersteller mit „La Vache qui rit“. Damals wurden landwirtschaftliche Produkte noch vorwiegend in Handarbeit hergestellt. Verpackungsdesign, Lebensmittelmarketing, eine Kuh als Logo – das alles war neu und sollte sich als Idee in der Lebensmittelvermarktung durchsetzen.

Schmucke Bauernhöfe, Kühe auf grünen Weiden, romantische alte Windmühlen – auch Hersteller von Wurst- und Fleischwaren versuchen heute mit solchen Bildern ihre Kunden zu ködern. Versprechen die Bilder doch, dass die so angepriesene Ware von glücklichen Tieren im idyllischen Bauernhof stammt. Irreführung nennt das die Verbraucherzentrale Hamburg, denn anders als die bunten Verpackungen versprechen, stammen die meisten dieser Lebensmittel aus anonymen Agrarfabriken. Über die wahre Herkunft aber ist auf den Verpackungen meist nichts zu finden.

„Die Verbraucher werden bewusst getäuscht“, kritisiert Silke Schwartau, Ökotrophologin der Verbraucherzentrale Hamburg. „Die Verpackungen gaukeln vor, das Fleisch stamme aus naturnaher Haltung.“ Tatsächlich aber kommen nur 1,1 Prozent der verkauften Fleisch- und Wurstwaren in Deutschland wirklich aus Ökobetrieben.

Die Verbraucherschützer haben 18 Verpackungen ausgewählter Fleisch- und Wurstprodukte untersucht. Auf 83 Prozent der Verpackungen fanden sich grüne Wiesen, 56 Prozent waren mit beschaulichen Fachwerkhäuschen dekoriert. Auch Mühlen und Bäume als weitere Inbegriffe des beschaulichen Dorf- und Landlebens fanden sich. Dazu kamen in nahezu allen Fällen Schlagworte wie „Bauer“, „Hof“ oder „Land“ als Bestandteile des Produkt- oder Markennamens. Erstaunt hat die Tester, dass auf keiner einzigen Verpackung konkrete Angaben zur Herkunft und den tatsächlichen Lebensbedingungen der Tiere zu finden ist. „Eine Rückverfolgung zum Landwirt ist damit nicht möglich“, rügt Schwartau, „und das, obwohl vielen Verbrauchern das Tierwohl sehr wichtig ist.“ Das gelte aber nicht nur für verpackte Ware. Auch bei im Fachgeschäft gekauften Fleisch- und Wurstwaren sei eine Rückverfolgung nicht möglich.

Die Verbraucherzentrale wollte von den Herstellern wissen, wie denn die idyllischen Bilder zur rüden Wirklichkeit passen. Auf diese Nachfrage antwortete mehr als die Hälfte der Unternehmen gar nicht, 28 Prozent gaben ausweichende Auskünfte, und nur ein knappes Fünftel (17 Prozent) gab bereitwillig Informationen heraus. Drei Firmen stellten klar, dass die dargestellten Idyllen zum Firmenlogo gehörten und eine Verbindung zwischen schöner Verpackung und der schnöden Realität nicht gewollt sei.

Die wahren Lebensbedingungen der Tiere, darauf weisen die Verbraucherschützer hin, sehen eher düster aus. In der Regel hätten Schweine, Rinder und Hühner in den industrialisierten Betrieben sehr wenig Platz und keinen Auslauf. Der Antibiotika-Einsatz sei hoch, und die Tiere würden innerhalb kürzester Zeit auf hohen Fleischertrag getrimmt, sagt Schwartau. „Massenhaftes Leiden gehört zum schlimmen Alltag unserer Nutztiere. Eine Umstellung auf tiergerechtere Haltung ist längst überfällig“, fordert die Expertin.

In den Biobetrieben ist artgerechte Haltung garantiert, denn die Tierzahlen sind an die Betriebsfläche gebunden. Auch wird dort nicht der ganze Bestand mit Medikamenten behandelt, wenn ein Tier erkrankt ist. Allerdings ist Biofleisch entsprechend teuer und wird nur von wenigen Verbrauchern gekauft. „Wir brauchen auch einen Wandel in den konventionellen Betrieben“, fordert daher Schwartau. Ihr Vorschlag: „Wie bei den Eiern sollte auch bei Fleischprodukten die Haltungsform auf den Verpackungen gekennzeichnet werden.“ Dies fordert auch der Handel, der damit den Kundenwünschen nachkommen will.

Mehr Offenheit und Transparenz mahnt auch Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner an. Sie favorisiert ein einheitliches europäisches Tierschutzlabel auf freiwilliger Basis. Mithilfe einer solchen Kennzeichnung könnten die Verbraucher klar erkennen, wenn Lebensmittel nach deutlich höheren Tierschutzstandards produziert würden als gesetzlich vorgeschrieben ist. Aigner sieht den Ball im Feld der EU-Kommission. Diese müsse einen Rechtsrahmen für ein freiwilliges Tierwohllabel entwickeln. Die Fleischlobby indes hat dies bislang erfolgreich verhindert.

Weil die Gegner der Agrarfabriken sich immer lautstarker zu Wort melden, herrscht inzwischen große Unruhe in der Branche. Viele Kunden wollten sich nicht länger mit bunten Bildern einer heilen Welt abspeisen lassen, sondern wissen, ob sie tatsächlich Fleisch aus tiergerechter Erzeugung kaufen, sagt Verbraucherschützerin Schwartau.

Für Verbraucher, die Fleisch aus tiergerechter Haltung kaufen wollen, hat die Verbraucherzentrale Hamburg Tipps zusammengestellt, die unterwww.vzhh.de nachgelesen werden können.

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