Nach Deutschland verschoben

Die Verirrten von Hamburg

+
Foto: In der Kirche schlagen die Männer nachts provisorische Lager auf.

Hamburg - Es gibt keine Kaffeefilter. Sieghard Wilm hat kaum geschlafen und steht frühmorgens schon vor dem ersten Problem. Filter besorgen. Selbst darum kümmert sich der Pastor der St.-Pauli-Gemeinde in Hamburg. Die Männer sollen zum Frühstück ihren Kaffee bekommen. Und tatsächlich bringt irgendwer irgendwoher kurz darauf die Papiertüten. Wieder ein Problem gelöst.

Pastor Wilm ist müde. So geht das schon seit Tagen. Aber einer muss sich ja kümmern.

Müde sind auch die Männer, die jetzt ihre Decken zusammenrollen. 70 sind es, die die Nacht meist auf dem nackten Holzboden der Kirche verbracht haben, die Hamburgs berühmtesten Stadtteil seinen Namen gegeben hat. Abends kommen die Afrikaner herein, morgens rollen sie nach dem Frühstück ihre Decken zusammen, fegen die Kirche durch und verschwinden wieder in der Stadt. Bis zum nächsten Abend.

„Der Pastor ist ein sehr guter Mann“, sagt Frank aus Ghana. Der 33 Jahre alte Mann ist wie die anderen Männer über Italien aus Libyen nach Hamburg gekommen. „God help him to live long“, Gott möge ihm ein langes Leben bescheren. Etwa 300 Männer sind es insgesamt, die seit dem Februar an der Elbe aufgetaucht sind. Zuerst hat sie kaum jemand bemerkt. Da haben sie sich möglichst unauffällig auf der Straße durchgeschlagen. Doch das ist jetzt anders, genau genommen seit vergangenem Sonntag. Da hat die kleine evangelische Kirchengemeinde in St. Pauli ihre Türen für die Flüchtlinge geöffnet. Seitdem dämmert allmählich sehr vielen Bürgern Hamburgs, was Pastor Wilm auf den Punkt bringt: „Wir werden hier Zeuge einer humanitären Katastrophe.“ Sie spielt sich inmitten einer der reichsten Städte Europas ab.

"

Wir werden hier Zeugen einer humani­tären Katastrophe.

"

Es sind Männer wie Eric, für die die Kirche die letzte Flucht ist. Der junge Ghanaer, 22 Jahre alt, hat gerade seine blau-rot-weiß karierte Decke auf den Stapel Bettwäsche in der Ecke der Kirche gepackt, wie es alle anderen auch tun. Er wird noch etwas vom Frühstücksbüfett essen, das freiwillige Helfer vor dem Altar aufgebaut haben. Dann wird er seinen Pass nehmen, sein Mobiltelefon und hinausgehen in die Stadt. Vielleicht wird er Pfandflaschen aus Abfalleimern klauben, für eine Mahlzeit. Er wird bei Anlaufstellen für Flüchtlinge anstehen für eine Dusche, eine warme Suppe, für Kleidung, für ärztliche Hilfe. Bis er wieder in die Kirche darf. Von der Stadt hat er nichts zu erwarten. Sie überlässt die Versorgung der Menschen den Hilfsorganisationen.

Eric hatte sich das alles anders vorgestellt. „Wir sind keine Kriminellen, keine Bettler“, sagt er. Er hatte große Hoffnungen. „Ich bin jung und stark, ich will Deutsch lernen und arbeiten.“ Doch aus all dem wird wohl nichts werden. Er hat nur ein italienisches Touristenvisum. Mit dem ist er nun in Hamburg gestrandet. Ohne Geld, ohne Perspektive. Wo er herkam, wurde er fort geschickt. Wo er ist, darf er nicht bleiben.

Dabei schienen Frank und die anderen Männer noch vor Kurzem auf einem sehr guten Weg zu sein. Sie waren Gastarbeiter in Libyen, haben dort, erzählen sie, gutes Geld verdient und konnten so ihre Familien in Ghana, Mali oder Niger versorgen. Doch dann begannen die Unruhen in Libyen, der Aufstand gegen Diktator Gaddafi. Die Nato schickte Bomber, und die Gastarbeiter flüchteten über die Mittelmeerinsel Lampedusa nach Italien. „Zwei Jahre war ich dort“, sagt Frank. „Dann haben sie uns rausgeschmissen.“

Nach Deutschland verschoben

Was die Männer seitdem erlebten, taugt durchaus als Lehrstück über die Tücken der europäischen Flüchtlingspolitik. Italien nämlich hatte zuvor die Flüchtlingslager geschlossen, als deren Finanzierung durch die EU ausgelaufen war. Rom gab den Afrikanern Reisedokumente, mit denen sie sich in Europa frei bewegen konnten – und 500 Euro „Starthilfe“. Es war die kaum verblümte Aufforderung, sich doch ein anderes Land in Europa auszusuchen – auch wenn dies dem europäischen Flüchtlingsrecht widerspricht. Und so landeten 300 von etwa 60.000 Libyen-Flüchtlingen in Hamburg.

Die deutschen Innenbehörden haben die Flüchtlinge erstmals im Februar bemerkt. Aber an der Elbe sollen sie nicht bleiben. Sie dürfen nicht arbeiten, ihr Aufenthaltsrecht endet nach 90 Tagen. Der Senat, von der SPD geführt, fühlt sich nicht zuständig. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz weist stattdessen nach Italien. Italien ist als Einreiseland rechtlich für die Afrikaner zuständig. Pastor Wilm hält diese Argumentation jedoch für weltfremd. „Was erwarten die denn?“, fragt er. „Dass sie sich in Luft auflösen, wenn man ihnen Platzverweise erteilt?“ In Italien, sagt der 30-jährige Osei, ein weiterer Flüchtling, gebe es keine Arbeit. Nach Afrika könne er auch nicht zurück. Er berichtet von Stammeskriegen in seiner Heimat. Er will, wie die übrigen Männer, bleiben.

Doch daraus wird wohl nichts werden. Seit Wochen streiten die Stadt und die Kirche über die Flüchtlinge. Der Hamburger Senat wollte die Männer in einer Schule im Stadtteil Langenhorn unterbringen. Unter einer Bedingung, die das Diakonische Werk und die Kirchen abgelehnt haben: Die Männer sollten registriert werden. Diese „ordnungspolitischen Erwägungen“ der Stadt, wie es Landespastorin und Diakoniechefin Annegrethe Stoltenberg ausdrückt, dienten allein der Abschiebung und nicht der humanitären Hilfe. Inzwischen herrscht Funkstille. Vor einer Woche sind die Verhandlungen gescheitert. „Die Stadt schweigt. Ich höre nichts mehr“, sagt Wilm, der die Unterstützung seiner Bischöfin Kirsten Fehrs hat.

Einen Tag zuvor standen einige Flüchtlinge schon vor der Kirche in St. Pauli. Es war etwas geschehen, das viel darüber aussagt, wie die Stadt mit den Afrikanern umgeht. Das Bezirksamt hatte einer Gruppe von ihnen den Aufenthalt am Sockel des nahe gelegenen Bismarck-Denkmals verboten, um sie von ihrem Schlafplatz zu vertreiben. Die Platzverweise wurden an die Schlafsäcke der Männer geheftet, die sie tagsüber im Gebüsch versteckt hatten. Die Flüchtlinge reagierten verstört. „Die hatten einfach Angst“, sagt Wilm, der die Geschichte erzählt. Der Pastor erklärte die St.-Pauli-Kirche nach Rücksprache mit dem Gemeinderat zur Notunterkunft. Die Kollekte am Sonntag war viermal so hoch wie sonst üblich.

Was ist die Dublin-II-Regel?

Der Hamburger Senat beruft sich auf die Rechtslage – und die ist bei den afrikanischen Flüchtlingen tatsächlich eindeutig: Sie müssen zurück nach Italien – oder in ihr Heimatland. Grund ist die sogenannte Dublin-II-Verordnung der EU aus dem Jahr 2003. Sie schreibt vor, dass Flüchtlinge nur noch in einem Land einen Asylantrag stellen dürfen, und zwar in aller Regel dort, wo sie die EU-Grenzen überschritten haben. Im Fall der Flüchtlinge in Hamburg ist das Italien. Dublin II soll verhindern, dass Flüchtlinge nach der Ablehnung in einem Land einfach in das nächste weiterreisen und dort erneut einen Antrag stellen. Gedanklich verwandt damit ist die sogenannte Drittstaatenregelung, die in Deutschland seit 1993 gilt. Sie schreibt vor, dass Flüchtlinge, die über einen als sicher geltenden Drittstaat einreisen, hier kein politisches Asyl erhalten. Beide Regelungen werden von Flüchtlingsorganisationen heftig kritisiert. Die Dublin-II-Verordnung diene allein der Abwehr von Flüchtlingen, erklärt zum Beispiel die Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche. Staaten wie Deutschland schöben das Problem damit auf die Länder Südeuropas ab, die damit aber zunehmend überfordert seien: Gerade in Italien seien die Lebensverhältnisse für Flüchtlinge oft katastrophal. tof

Seitdem schläft Pastor Wilm nur noch wenig. Es sind nicht nur Kaffeefilter, um die er sich kümmern muss. „Wir haben uns in den freien Fall der Improvisation begeben“, sagt der Kirchenmann. „Aber wir erleben auch“, fügt er hinzu, „dass uns die Nachbarn helfen.“ Die Unterstützung komme von überall, sagt Wilm: Die linksautonome Szene aus der Hafenstraße schmeißt die „Volxküche“ an, aus dem Rotlichtmilieu kommen Essensspenden, auch „die feinsten Hamburger Kreise“ helfen aus, wo die Stadt sich vornehm zurückhält.

Am Abend kommen die Freiwilligen aus der Nachbarschaft, um das Abendessen zu verteilen, das zuvor Restaurants, Bäckereien, Händler gestiftet haben. Die Männer kehren für die Nacht in die Kirche zurück, nutzen jede Steckdose, um ihre Telefone aufzuladen, stehen an für die Suppe, die ein Café vorbeigebracht hat. Die Krankenschwester Johanna Kreutzburg verteilt sie, schenkt Kaffee aus, bietet Wasser an. „Mit oder ohne Kohlensäure?“, fragt sie höflich.

„Ich fand das so ungerecht“, sagt die 23-Jährige. So hat sie ihren Schlafsack eingepackt und fuhr zur Kirche. Den Schlafsack hat sie schon aus den Augen verloren, er wird einen der Männer für die Nacht wärmen. Für den folgenden Tag hat sie sich mit den Afrikanern zum Basketballspielen verabredet.

Wie lange die Kirche den Ausnahmezustand durchhalten kann? Pastor Wilm überlegt kurz. Dann fällt ihm ein Satz ein, den sie in Westafrika auf so eine Frage antworten würden. Wilm hat eine Zeit lang dort gelebt. „God will provide“, sagt er dann. Frei übersetzt bedeutet das: Der Herrgott wird’s richten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare