Massiver Polizeieinsatz

Verletzte nach Tränengaseinsatz - Wird "Stuttgart 21" durchgeknüppelt?

- Der Konflikt um das Bahnprojekt Stuttgart 21 eskaliert. Bei der Räumung des Schlossgartens sind am Donnerstag zahlreiche Demonstranten verletzt worden. Nach Informationen von Rettungskräften und Aktivisten erlitten bis zu 400 Menschen leichte Augenverletzungen, als sich die Polizei mit Tränengas, Pfefferspray und Wasserwerfer einen Weg durch die Menge bahnte.

Der „Tag X“ beginnt fast noch unbeschwert. Mehr als 1000 Schüler strömen am Donnerstagmorgen von ihrer Demo gegen das umstrittene Milliardenprojekt „Stuttgart 21“ in den Schlossgarten, weil sie gehört haben, dass die Polizei den Park für Baumfällarbeiten räumen will. Mit Trommeln, Trillerpfeifen und Trompeten stellen sich Hunderte Schüler vor den Polizeilastwagen mit den Absperrgittern. Zwei Dutzend junge Leute klettern sogar noch auf einen Lkw und den Anhänger – der eine oder andere raucht lässig eine Zigarette. Doch dann ist der Spaß vorbei.

Spezialeinsatzkräfte der Polizei räumen den Lkw, Wasserwerfer gehen in Stellung, Schüler werden mit Tränengas beschossen und mit Polizeipferden in Schach gehalten. Es ist das Startsignal für einen der größten Polizeieinsätze in der Geschichte des Landes – mit mehr als 600 Beamten, die auch aus Bayern, Rheinland-Pfalz und NRW kommen. Sie sperren einen Teil des Schlossgartens ab, damit dort 300 Bäumen gefällt werden können. Die Bäume sollen der Baustelle für das Grundwassermanagement weichen. Damit wird der Umbau des Hauptbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation vorbereitet.

Der Einsatz gegen Jugendliche hat sich schnell bei den inzwischen per Rundmail alarmierten Aktivisten herumgesprochen und treibt vielen die Zornesröte ins Gesicht. „Wir sind friedlich – was seid ihr?“, rufen Hunderte in Sprechchören. Als sich mehrere Dutzend Demonstranten vor den Lastwagen mit den Sperrgittern setzen, eskaliert die Lage. Um 12.48 Uhr setzt die Polizei erstmals die Wasserwerfer in Marsch und versprüht dazu massenhaft Pfefferspray. Dennoch kommt der Lkw nur zentimeterweise voran, weil sich hinten immer neue Aktivisten hinhocken.

„Es ist eine Art Stellungskrieg“, sagt Matthias von Herrmann, ein Sprecher des Aktionsbündnisses. Böse erwischt hat es unter anderem die frühere ver.di-Landeschefin Sybille Stamm. Sie habe neben Demonstranten gestanden, die sich an einen Zaun gekettet hatten, und sei ohne Vorankündigung von Polizisten zu Boden geworfen, getreten und mit Tränengas besprüht worden. „Das habe ich seit ’68 nicht erlebt“, sagt Stamm.

Hinter den Fronten entsteht im Laufe des Nachmittags eine Art Lazarett für Verletzte. Bis zu 400 Menschen hätten Augenreizungen oder Verletzungen erlitten, heißt es bei den Parkschützern. Auch Rettungssanitäter nennen diese Zahl. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so wehtut“, erzählt die 41-jährige Patricia, die bei der Sitzblockade den Wasserstrahl ins Gesicht bekam. Doch aufgeben will kaum jemand. Herrmann hofft darauf, dass noch viel mehr Menschen in den Schlossgarten kommen: „Masse zählt, weil die Polizei nicht Tausende Leute räumen kann.“

Das sieht die Polizei offenbar anders. Gestern Abend jedenfalls begannen Polizisten, Demonstranten von den Bäumen zu holen. Spezialkräfte setzten einen Kran mit Hebebühne ein. Außerdem versuchten Beamte vier Aktivisten, die sich um einen Baum herum angekettet hatten, loszueisen. Noch in der Nacht sollte mit dem Fällen begonnen werden. Allerdings verzeichneten die Demonstranten am Abend einen weiteren Zulauf zum Schlosspark.

Der massive Einsatz der Polizei löst bei der Opposition im Landtag, bei den Gewerkschaften und Kulturschaffenden eine Welle der Empörung aus. „Das ist beschämend für das ganze Land Baden- Württemberg“, sagt SPD-Generalsekretär Peter Friedrich. Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) versuche nun, das Milliardenprojekt durchzuknüppeln. „Mit einer brutalen Bulldozer-Politik wird die Auseinandersetzung nur schärfer und noch schwieriger werden“, sekundiert Grünen-Chef Cem Özdemir in Berlin.

CDU-Fraktionschef Peter Hauk hat dagegen kein Verständnis für die Blockaden und Proteste gegen den Umbau des Hauptbahnhofs. Es sei unverantwortlich, dass Eltern ihre Kinder als Demonstranten in die erste Reihe stellten. Die Regierung werde sich den Protesten keinesfalls beugen. „Ich wehre mich dagegen, mich unter das Diktat von Altkommunisten und Altlinken zu stellen, die in den letzten Wochen die Rädelsführer des Protestes waren.“ Hauk schließt aus, dass die Proteste Erfolg haben: „In einem Rechtsstaat muss man darauf achten, dass Entscheidungen nicht nur getroffen, sondern auch umgesetzt werden.“

Julia Giertz 
und Henning Otte

647793

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare