Folgenreiche Verwechselung

Die verschollenen Bürger von Marl

Marl

Hannover/Marl - Ein seltsamer Bevölkerungsschwund im Kreis Diepholz beschäftigt die Gerichte. Im kleinen Ort Marl werden immer weniger Bürger gezählt – auch wenn niemand fortzieht. Schuld ist eine Verwechselung mit einer Stadt in Nordrhein-Westfalen.

Plötzlich waren Hunderte Einwohner aus der Bevölkerungsstatistik verschwunden. Das muss um das Jahr 2008 gewesen sein, erinnert sich Ludwig Wiegmann (FDP), der Bürgermeister des kleinen Örtchens Marl am Dümmer. „Wir hatten doch immer um die 700.“ Doch das Landesamt für Statistik meldete der Gemeinde im Kreis Diepholz seit Jahren nur noch etwa 500 Einwohner; mal 499, mal 576 wie zuletzt, aber eben deutlich weniger als früher.

Man war ratlos in Marl, zumal der Bevölkerungsschwund auch Folgen für die Finanzen der Kommune hat: Zwischen 26.000 und 46.000 Euro im Jahr fehlen dem kleinen Örtchen plötzlich aus der Gemeindeumlage, sagt Wiegmann. „Unterm Strich macht das über die Jahre mehrere Hunderttausend Euro“ - ziemlich viel für das kleine Marl. Vor dem Verwaltungsgericht Hannover wollte die Gemeinde das fehlende Geld rückerstattet haben - und verlor am Montag. Marl will in Berufung beim Oberverwaltungsgericht in Lüneburg gehen.

Dass die Zahlen falsch sind, sei unbestritten, sagt der Anwalt des Dorfes, Eckhard David. „Nicht mal das Landesamt für Statistik leugnet das.“ Schon seit der Landtagswahl 2008 dürfte das auch schwierig sein. 499 Einwohner in der offiziellen Statistik standen damals 584 Wahlberechtigte gegenüber. „Damit war klar, dass da was nicht stimmt“, sagt Bürgermeister Wiegmann. Woran das aber lag, war lange nicht klar.

Inzwischen weiß Wiegmann, wo der Fehler liegt. Das Problem hat seinen Ursprung in einer anderen Stadt; viel größer, viel finanzkräftiger: Marl in Nordrhein-Westfalen (NRW). Immer wenn von dort jemand wegzieht, läuft Marl in Niedersachsen Gefahr, einen Einwohner zu verlieren, erklärt Anwalt David. „Und da ziehen häufiger Menschen weg.“ Der neue Wohnort schickt dann eine sogenannte Wegzugsermittlung an das Statistikamt im jeweiligen Bundesland - und häufig wird dabei das kleine Marl am Dümmer mit dem großen Marl in NRW verwechselt. Anwalt David vermutet, es liegt am Gemeindeschlüssel, einer Art Kennziffer jeder Kommune: Der Gemeindeschlüssel von Marl am Dümmer ist niedriger als der von Marl in NRW. Unaufmerksame Verwaltungsbeamte wählen dann einfach das erste Marl in der Maske aus. Ein unachtsamer Mausklick in Köln oder Frankfurt - schon fehlt am Dümmer ein Einwohner.

Obwohl das bekannt ist, hatte Marl vor dem Verwaltungsgericht keine Chance - das Recht sieht die Korrektur der Falschmeldungen einfach nicht vor. Dieselbe Erfahrung musste schon das kleine Schwerin in Brandenburg machen, das dasselbe Problem mit Wegzügen aus der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern hat, die ebenfalls Schwerin heißt. Es gebe keine Anspruchsgrundlage für eine Korrektur, beschied das Verwaltungsgericht Cottbus damals.

Auf Hilfe aus den Städten und Gemeinden, die für die Falschmeldungen verantwortlich sind, kann Marl offenbar nicht hoffen. „Die haben gar kein Interesse an der Korrektur“, sagt Anwalt David, und sie sind dazu auch nicht verpflichtet. „Aus großen Städten wie Frankfurt heißt es auch schon mal, belästigt uns nicht wegen einem Einwohner.“

Es ist ein Frage der Perspektive: Frankfurt hat fast 700 000 Einwohner, da kommt es auf den einen mehr oder weniger nicht an. Marl am Dümmer dagegen hat seit der Volkszählung von 2011 wieder 703 Bürger - aber mit jedem Wegzug aus Marl in NRW drohen es wieder weniger zu werden.

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