Nach Terroranschlag in Paris

Verse gegen den Hass

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Foto: Sie lassen sich das Wort nicht verbieten: Nemi el-Hassan (rechts) und Younes el-Amayra (Zweiter von links) dichten gegen Hass.

Berlin - Der Terror in Frankreich trifft auch deutsche Muslime: Sie fürchten sich vor einer Zunahme islamfeindlicher Übergriffe. Doch eine Gruppe junger Berliner hat einen Weg gefunden, mit der Angst umzugehen. Deutsche Verse gegen Intoleranz.

Am Tag des Anschlags saß Nemi el-Hassan lange vor ihrem Computer und zögerte. Was könnte sie schreiben nach dieser Attacke?, fragte sich die 21-Jährige. Als europäische Muslimin, als Berliner Medizinstudentin, als intelligente junge Frau, die mit 17 Jahren freiwillig das Kopftuch anlegte, weil sie damit „einen Prozess zum Abschluss gebracht“ hat, wie sie sagt, den Prozess der Suche nach Religion und Identität. Sie wollte das Tuch tragen, unbedingt. Und das in Fürstenwalde, Ostbrandenburg, ihrer Heimatstadt. Was also sollte sie schreiben an diesem Mittwoch, als Männer mit Kalaschnikows für sich in Anspruch nahmen, ihren Propheten gerächt zu haben?

Ein Opfer in einem fremden Land

„Heute ist ein Tag der Trauer“, schrieb sie schließlich. „Denn heute wurde sich an der gesamten Menschheit versündigt.“

Am Tag darauf ging Nemi el-Hassan zu den Uni-Vorlesungen, wie immer mit Kopftuch. Am Abend traf sie Freundinnen, auch sie Kopftuchträgerinnen, und die jungen Frauen fragten sich: War heute etwas anders? Waren die Blicke anders, die Sprüche? Nein, alles wie immer, beruhigten sie sich. Aber sie machen sich Sorgen. „Dass etwas auseinanderbricht“, sagt Nemi. „Dass sich die Gesellschaft spaltet in ein ,Wir’ und ein ,Ihr’.“ Nemis Eltern wissen, wie das ist. 1991 kamen sie aus dem Bürgerkrieg im Libanon als Flüchtlinge nach Brandenburg, mitten hinein in die ausländerfeindliche Stimmung in Ostdeutschland. Bevor ihre Tochter sich für das Tuch entschied, hat Nemis Mutter ihr erzählt, wie es damals war. Wie man sie auf offener Straße beleidigt und ihr das Tuch vom Kopf gerissen hat. Nemis Mutter war schockiert und sprachlos, ein Opfer in einem fremden Land.

„Der Prophet ist nicht jemand, der gerächt werden muss.“

Nemi ist kein Opfer. Und Angst hat sie auch nicht. „Angst ist ein schlechter Begleiter, wenn man durch die Straßen läuft“, sagt sie. Die Studentin im siebten Semester glaubt an das Gute; trotz Paris, trotz Pegida, trotz alledem. Sie sagt: „Ich bin überzeugt, dass es besser wird.“

Es sind Tage, an denen man nach Antworten sucht auf Fragen, die dieses ungeheure Verbrechen in Frankreich aufwirft. Was sind das für Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, im Namen ihrer und Nemis Religion zu töten? „Menschen mit sehr geringem Selbstbewusstsein“, sagt Nemi el-Hassan mit Verachtung. „Der Prophet ist nicht jemand, der gerächt werden muss.“

Versuchen, Vorurteile abzubauen

Ähnlich fällt ihr Urteil über die Islamfeinde in Dresden und anderswo aus. „Ihr spielt im Leben immer nur die letzte Geige“, hält sie ihnen vor, in einem Video der Poetry-Slam-Gruppe „I’slam“. Dort dichtet Nemi zusammen mit anderen jungen Berlinern. Muslimische, deutsche Verse gegen Intoleranz. Kopf der Gruppe ist Younes el-Amayra, 29. Als er die Opfer aus Paris sah, ahnte er, was alles jetzt zerstört ist. „Wir können wieder bei Null anfangen“, sagt er. „Wir versuchen, Vorurteile ab- und Brücken aufzubauen, aber nun sind die letzten Sympathien der Mehrheitsgesellschaft verflogen.“

Fein differenziert wird schon lange nicht mehr

Nicht, dass es um die Akzeptanz von Muslimen vor den Attentaten von Paris bestens bestellt gewesen wäre - der Terror des „Islamischen Staates“ und die Berichte über die Faszination, die von den Dschihadisten-Videos für einige Jugendliche ausgeht, lassen viele Menschen mit Angst und Ablehnung auf alles Muslimische blicken. Fein differenziert wird schon lange nicht mehr. „Aber so schlimm wie jetzt war es nur direkt nach dem 11. September“, sagt Younes, der in Islamwissenschaften promoviert. Die „I’slam“-Abende sollen dennoch weitergehen. Gerne auch in Dresden. „Wenn uns jemand dorthin einlädt, kommen wir sofort“, kündigt er an.

„In Schweden haben Moscheen gebrannt, hier kann es auch passieren.“

In einem Hinterhof im Berliner Stadtteil Wedding strömen junge, bärtige Männer aus der Moscheetür. Das Mittagsgebet ist gerade beendet. Hier, in der Bilal-Moschee, versammeln sich Gläubige aus unterschiedlichen Ländern, hier wird auf Deutsch gepredigt. Auch Abdul Adhim Kamouss spricht hier oft, der Imam, der im Oktober Günther Jauch in Grund und Boden redete. Wie Kamouss, Popstar des salafistischen Islam, kleiden sich auch die meisten Besucher der Bilal-Moschee traditionell in weite Gewänder. Kamouss ist nicht da. Aber ein älterer Herr mit Bart gibt Auskunft, wenn auch eher widerwillig. Seinen wahren Namen soll man nicht veröffentlichen, überhaupt ist das Misstrauen gegenüber Journalisten groß. Sie verstünden ja doch nichts vom Islam, genauso wenig wie die Politiker.

Um Paris soll es in diesem Gespräch gehen, aber der Mann will erst mal lieber über Dresden reden: „Was meinen die mit ,Islamisierung’?“, fragt er, ohne den Namen Pegida zu erwähnen, „was soll das heißen in einer Stadt mit weniger als einem Prozent Muslime?“ Dass er ursprünglich nicht mit Journalisten reden wollte, ist jetzt nicht mehr wichtig. Der Mann spricht über seine Angst. „In Schweden haben Moscheen gebrannt, hier kann es auch passieren.“ Die Bilal-Moschee ist nur ein länglicher Raum, ausgelegt mit Teppichen. „Wenn hier eine Brandbombe reinfliegt ...“, sagt er und schweigt. Und dann kommt er doch noch auf Paris zu sprechen: „Das war nicht in meinem Namen oder dem meines Propheten“, sagt er. „Das waren Verrückte.“

Von Jan Sternberg und Simon Benne

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