Bau der Elbphilharmonie

Viel Harmonie an der Elbe

Hamburg - Es dreht sich was rund um Hamburgs Elbphilharmonie. Lange galt der teure Kulturtempel als Inbegriff für Fehlplanung.Doch inzwischen wächst die Vorfreude: Auf Barkassenfahrten blicken gut gelaunte Bürger der Stadt auf das neue Wahrzeichen.

Beethovens „Eroica“ weht vom Band über die „Lütte Deern“. Eine Rentnergruppe trinkt Sekt aus Plastikbechern. Der Skipper bietet den Herrschaften einen Gutschein für eine Tee-Erlebniswelt in der Hafencity an. „Beim Abwarten trinkt man am besten Tee“, lautet der ironische Werbespruch. Ein grauhaariger Barkassengast mit Künstlerhornbrille witzelt: „Ach, ich hatte auf eine Karte für das Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie am 11. Januar 2017 gehofft ...“ Der Skipper kontert: „Sie glauben doch wohl nicht, dass ich die hergeben würde?“ Hochkultur und maritimer Kitsch mischen sich, wenn die „Lütte Deern“ zur thematischen Bootstour rund um die Hamburger Elbphilharmonie in See sticht. Einen Sommer lang, immer sonntags.

In der mit kleinen schwarzen Punkten bedruckten Glasfront des künftigen Konzertsaales spiegelt sich die Sonne. Ein Mädchen mit weißer Spitzenbluse versucht den Effekt vom Boot aus mit seinem Smartphone einzufangen. „Wenn wir erst mal da sitzen“, seufzt eine brünette Mittvierzigerin und zeigt auf den Konzertsaal im Programmheft. An diesem Nachmittag erscheint die verlängerte Vorfreude auf die immer wieder verschobene Eröffnung wie ein dramaturgischer Kniff, eine Art retardierendes Moment, damit der Höhepunkt umso effektvoller gelingt.

Kulturtempel mit Leuchtturmeffekt

Beim Stichwort Elbphilharmonie denken viele zuerst an die Kostenexplosion auf 789 Millionen Euro. Doch jetzt - fünf Jahre nach dem ursprünglich anvisierten Eröffnungsdatum - hat sich der Tenor geändert. In der Wahrnehmung entwickelt sich die Elbphilharmonie vom Symbol für Hybris und Verschwendung hin zum Kulturtempel mit Leuchtturmeffekt.

Die Vergleiche mit dem Berliner Pleiteflughafen BER werden seltener. Kulturelle Prestigebauten gelten wieder als schick. In München will man mit Verweis auf das Hamburger Vorbild ein neues Konzerthaus im Olympiapark bauen, Paris hat gerade unter großem Medienapplaus eine Philharmonie eröffnet. Auch die Politik verbreitet Harmonie an der Elbe. Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler sagte jüngst: „Der Blick in den beeindruckenden Großen Saal zeigt, dass Hamburg sich auf ein architektonisch außergewöhnliches Konzerthaus freuen kann. Die Stadt kann mit der Elbphilharmonie ihre Bedeutung als internationaler Kulturstandort weiter ausbauen.“ Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz spricht schon von einem „Wahrzeichen für die Stadt“.

Die sanfte Jazzmusik des israelischen Bassisten Avishai Cohen aus dem Bordlautsprecher verbindet sich mit Wellenplätschern und Möwengeschrei. Am 30. September wird Cohen in Hamburg spielen. Eine Schülerin mit frechem Dutt blättert im Konzertprogramm der Saison 2015/16, das auf jedem Barkassenplatz ausliegt wie ein Gesangbuch in der Kirche. Sie beugt sich zu ihrem Freund und wundert sich: „Elbphilharmonie-Konzerte - aber das Gebäude ist doch noch gar nicht fertig...“ Tatsächlich etabliert sich die Marke schon jetzt. Man hat aus der Not eine Tugend gemacht: Weil der Generalintendant Christoph Lieben-Seutter bereits an Bord ist, organisiert er jetzt eine Art verlängerte Promotour für sein Haus: Die Elbphilharmonie-Konzerte fischen in der altehrwürdigen Laeiszhalle oder dem trendigen Mojo Club in Altona verschiedene Zielgruppen ab. Selbst für Babys gibt es spezielle Konzerte.

Weltweites Elite-Konzerthaus

Von den Landungsbrücken aus geht die Fahrt an den Musicalzelten von „König der Löwen“ und „Das Wunder von Bern“ vorbei. Die Elbphilharmonie fügt sich in die musikalische Architektur der Hamburger Hafencity ein. Auch das potenzielle Olympiagelände ist in Sichtweite - in der Hafencity mit ihren schicken modernen Luxusbauten sind die Ziele hochgesteckt. Die Elbphilharmonie, die weltweites Elite-Konzerthaus werden soll, ist nach Jahren der Skandale und des Stillstands keine Zukunftsmusik mehr: Die Außenfassade ist fast fertig, im Juli sollen die markanten roten Kräne verschwinden, von denen die Presse schon spottete, sie sollten unter Denkmalschutz gestellt werden. Der Turmbau zu Hamburg steht vor der Vollendung, bald werden sich hier Stimmen und Klänge aus aller Welt mischen.

Als besonders eindrucksvolles Beispiel für Signature Architecture bewirbt das Konzerthaus mit seinem markanten Äußeren sich selbst, ehe überhaupt die Kunst eingezogen ist. Das Gebäude erinnert an eine Welle samt Schaumkrone, die Fenster imitieren Bullaugen. Die Glaskonstruktion thront auf dem historischen Kaispeicher in der typisch hanseatischen roten Ziegeloptik. Hier lagerten bis Mitte der Neunziger noch Kaffee und Kakao.

82 Meter lange gebogene Rolltreppe

Schon der Weg zum Konzertsaal ist effektheischend: Eine 82 Meter lange gebogene Rolltreppe, die längste in einem öffentlichen deutschen Gebäude, wird die Besucher in die Höhe tragen. Auf der achten Etage öffnet ein sechs Meter großes Glassegel den Weg zu einer Galerie mit Panoramablick auf Hafen und Stadt. Das Ensemble aus Konzertsaal, feinem Hotel, Luxuswohnungen und Plaza wird die Sphären Wohnen, Gastronomie und Kultur verbinden. Die Luxusherberge ist bereits fertig und wartet unter Staubschutzdecken auf die ersten Gäste.

In 50 Metern Höhe schwebt der Konzertsaal mit 2100 Sitzplätzen, der vom japanischen Klangmeister Yasuhisa Toyota akustisch entkoppelt wurde: Damit kein Schiffshorn die Konzerte stört, wurden zwei Wandschalen ineinandergebaut. Die innere ruht auf rund 360 Federpaketen - wie ein Stoßdämpfer beim Auto. Toyota entwarf auch die „Weiße Haut“, die den Klang gleichmäßig im nach dem Weinbergprinzip gebauten Konzertsaal verteilen soll. Die aus 10 000 Gipsfaserplatten gepressten Muster erinnern an fossile Muscheln. Man will es besser machen als die Kölner Philharmonie: Dort muss der Platz über dem unterirdischen Musiksaal bei Konzerten gesperrt werden, weil Schritte die Akustik stören würden. Noch allerdings reflektiert die „Weiße Haut“ nur die laute orientalische Musik der Bauarbeiter.

„Bilbao-Effekt“

Spektakuläre Kulturbauten können ein Motor für die Stadtentwicklung sein. „Bilbao-Effekt“ nennt man dieses Prinzip nach dem dortigen Guggenheim-Museum des Architekten Frank O. Gehry. Dessen deutscher Kollege Matthias Sauerbruch prophezeite anlässlich seiner Berliner Ausstellung „kultur:stadt“ eine ähnliche Wirkung für die Elbphilharmonie. Auch das Sydney Opera House wurde anfangs mit großem Misstrauen beäugt, der Architekt Jørn Utzon hängte beinahe seinen Beruf an den Nagel. Heute ist es eins der berühmtesten Gebäude des 20. Jahrhunderts. Eine eigene Anlegestelle für Boote hat die Hamburger Elbphilharmonie übrigens schon. Jetzt müssen hier nur noch die ersten Musiker an Land gehen.

Info zu Barkassenfahrten: www.barkassen-meyer.de

Von Nina May

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