„Birdman“ triumphiert mit vier Oscars

Viel Politik, wenig Glamour

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Die Hollywood-Satire „Birdman“ ist der große Gewinner der Oscar-Nacht. Die Komödie von Regisseur Alejandro G. Iñárritu wurde als bester Film ausgezeichnet.

Hollywood - Großer Gewinner bei der 87. Oscar-Verleihung ist die Hollywood-Satire „Birdman“. Die Komödie von Regisseur Alejandro G. Iñárritu bekam vier Oscars. Aber insgesamt war die Oscar-Verleihung nicht so glamourös wie in den Vorjahren – dafür aber viel politischer.

Am Ende war es eine geradezu skurrile Oscar-Nacht: Da bespiegelte sich das egomanische Hollywood in der Showbiz-Satire „Birdman“ nach Kräften selbst und gönnte dem Film des Mexikaners Alejandro González Iñárritu erwartungsgemäß die wichtigsten Trophäen - und wurde gleichzeitig doch immer wieder darauf gestoßen, dass es ein Leben jenseits von Karriereknick, Schönheits-OP und Boxoffice geben muss.

Ob Rassismus gegenüber Schwarzen, Diskriminierung von Frauen, Umgang mit Kranken und Depressiven, die Verfolgung von Whistleblowern: All diese Themen spielten eine Rolle bei der 87. Oscar-Verleihung, weil sie auch eine Rolle in den Filmen selbst spielten. Es war, als würde die Wirklichkeit mit jeder weiteren Auszeichnung ins Dolby Theatre hineinsickern und die versammelten Stars momenteweise aus dem Dämmermodus holen, in den sie bei einer viel zu routinierten Show zu sinken drohten. Beispielhaft dafür war Lady Gaga, die in weißer Schlabberrobe „The Sound of Music“ trällerte. Spätestens da war klar: Die Politik und nicht der Glamour bestimmten diesen Abend.

Der vielleicht bewegendste Moment: Der Auftritt von Common and John Legend mit ihrem Lied „Glory“ aus dem Bürgerrechtsdrama „Selma“. Der halbe Saal vergoss Tränen im Stehen, allen voran Produzentin Oprah Winfrey und Hauptdarsteller David Oyelowo, der in dem Drama als Martin Luther King zu sehen ist. Legend erinnerte daran, dass heute in den USA mehr Schwarze im Gefängnis säßen als einst in der Sklaverei. „Wir sind bei Euch. Marschiert weiter!“, rief er.

Nur ein Oscar für „Selma“

Da war also das Thema Rassismus wieder, dem sich Hollywood nicht wirklich stellen mag. Im Vorfeld hatte es eine heftige Debatte darüber gegeben, wieso weder Oyelowo noch seine Regisseurin Ava Duverney nominiert worden waren. Der einzige Oscar für „Selma“ an diesem Abend war denn auch der an Legend und Common.

Eingangs schien es noch, als würde der frisch angeheuerte Oscar-Gastgeber Neil Patrick Harris dieses Versagen mit entwaffnender Direktheit auffangen wollen. Mit einem lockeren Spruch hatte der „How I met your Mother“-Star sogleich die Benachteiligung Andersfarbiger angetippt („Tonight we honor Hollywood’s best and whitest — sorry, brightest.”), aber mehr hatten ihm seine Gagschreiber dann offenbar nicht ins Skript notiert.

Unsensible Moderatorenleistung

Später schaffte es Harris tatsächlich, einen Witz auf Kosten des Kleides von Produzentin Dana Heinz Perry zu machen, die Sekunden zuvor über den Selbstmord ihres Sohnes geredet hatte. Am trefflichsten für diese insgesamt unsensible Moderatorenleistung war deshalb die „Birdman“-Persiflage, in der Harris in weißer Unterhose auf der Bühne auftauchte: In diesem Moment führte er des Kaisers neue Kleider vor.

So steuerte die gut dreieinhalbstündige Oscar-Show mehr oder weniger erwartungsgemäß ihrem Finale entgegen. Wes Andersons sympathische Komödie „Grand Budapest Hotel“ siegte eindrucksvoll in gleich vier Nebenkategorien und ließ die deutschen Koproduzenten im Studio Potsdam-Babelsberg jubeln. Wim Wenders („Das Salz der Erde“) dagegen musste sich Laura Poitras und ihrer Edward-Snowden-Doku „Citizenfour“ beugen - immerhin auch eine deutsche Kopruduktion. Der aus Deutschland stammende Filmkomponist Hans Zimmer blieb mit „Interstellar“ ohne Oscar.

„Boyhood“ geht beinahe leer aus

Julianne Moore holte sich den Goldjungen mit dem Alzheimer-Drama „Still Alice“ (Kinostart: 5. März), Eddie Redmayne gewann in der Rolle des ALS-kranken Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“. Der Auslands-Oscar ging an das Schwarzweißdrama „Ida“ über die tiefen Narben des Holocaust in der polnischen Geschellschaft. Die größte Überraschung vielleicht: die drei Oscars für das Musikerdrama „Whiplash“ (darunter den für Nebendarsteller J. K. Simmons), den erst zweiten Spielfilm von Regisseur Damien Chazelle.

Das Drama „Boyhood“ übers schwierige Erwachsenwerden, von Richard Linklater über zwölf Jahre gedreht und vorab als Favorit gehandelt, ging dagegen beinahe leer aus. Allein Patricia Arquette wurde als beste Nebendarstellerin gekürt. Umso fulminanter fiel ihre Rede aus, in der sie alle Mütter dieser Welt würdigte. Und dann forderte sie: „Es ist an der Zeit, dass wir Frauen endlich gleiche Löhne und gleiche Rechte bekommen.“ Da sprang Meryl Streep begeistert von ihrem Sitz auf.

Und dann schlug die große Stunde von Iñárritu: Die Preise für die beste Regie und den besten Film gingen auf sein persönliches Konto (zwei weitere gab's für die Kamera und das Originaldrehbuch). Und was tat der Mexikaner bei seinem wichtigsten Auftritt auf der Bühne - und nachdem ihn Laudator Sean Penn mit gänzlich unwitzigem Zungenschlag als „Hurensohn mit Green Card“ bezeichnet hatte? Er erinnerte an das bittere Los der illegalen Einwanderer: Hoffentlich bekämen diese irgendwann denselben Respekt wie jene, die die USA zu einer großen Einwanderer-Nation gemacht hätten.

Bei dieser 87. Oscar-Verleihung wurde vermutlich viel mehr auf offener Bühne gesagt, als Hollywood hören wollte.

Lady Gaga überrascht

Lady Gaga hat bei der Oscar-Verleihung vielen die Show gestohlen. Und das lag nicht nur an ihrem ausladenden weißen Kleid mit den roten Gummihandschuhen. Es war ihr Auftritt mit dem Stück „Sound of Music“ – eine Hommage an den erfolgreichen und prämierten Musicalfilm. Dabei zeigte sie nämlich, dass sie mehr drauf hat, als ein skandalträchtige Rockröhre zu sein.

Überraschte mit Outfit und Gesang: Lady Gaga.

Quelle: afp 5719038

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