Gebürtiger Göttinger erhält Medizin-Nobelpreis

Visionär mit Super-Gedächtnis

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Foto: Der gebürtige Göttinger Thomas Südhof hat den Nobelpreis für Medizin erhalten. Der 57-Jährige lebt und forscht seit 30 Jahren in den USA.

Stockholm/Hannover - Ein ehemaliger Waldorfschüler aus Göttingen wird mit dem renommiertesten Wissenschaftspreis der Welt ausgezeichnet. Thomas Südhof erforscht seit Jahrzehnten die Signalübertragung im Nervensystem. Der 57-jährige Biochemiker hat große Teile seiner Kindheit und Jugend in Hannover verbracht.

Er ist nicht zu Hause geblieben und hat auf den Anruf aus Stockholm gewartet. Dass er den Medizin-Nobelpreis erhält, erfuhr der Neurowissenschaftler Thomas Südhof (57) auf dem Weg zu einem Zellbiologie-Kongress in Andalusien. "Wir sind alle außer uns", sagt Nils Brose, Direktor am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin, der mit Südhof in Dallas und Göttingen zusammengearbeitet hat.

In Fachkreisen galt der vielfach ausgezeichnete Biochemiker und Neurobiologe schon länger als Aspirant für den wichtigsten Wissenschaftspreis weltweit. Südhof habe als erster erkannt, welche methodischen Ansätze nötig sind, um die Synapsen zu verstehen, sagt Brose. In seinem Labor an der renommierten Stanford Universität in Kalifornien erforscht der gebürtige Niedersachse unter anderem die molekularen Grundlagen von Krankheiten wie Alzheimer oder Autismus.

Südhof wuchs in Göttingen und Hannover auf, in Hannover machte er an der Waldorfschule 1975 Abitur. Er habe sich als Schüler für sehr viele Fächer interessiert, mit Ausnahme von Sport, beschreibt der Spitzenforscher in einer kurzen Autobiografie, die 2010 anlässlich der Verleihung des norwegischen Kavli-Preises veröffentlicht wurde. Der 57-jährige Biochemiker hat große Teile seiner Kindheit und Jugend am Fuße des Gehrdener Berges verbracht. „Wir haben an der Hermann-Löns-Straße gewohnt, ja genau stimmt", bestätigt seine Schwester Gudrun Südhof-Müller. Ebenso wie ihr jetzt berühmter Bruder hat sie Medizin studiert, praktiziert als Fachärztin für Allgemeinmedizin in Hemmingen. Dass beide von von 1963 bis etwa 1973 in Gehrden wohnten – direkt am beginnenden Hang des Gehrdener Berges und in direkter Nachbarschaft zum Klinikum Robert Koch – hat einen Grund: Der Vater Heinrich Südhof war der erste Chefarzt und ärztliche Direktor des frisch eröffneten Gehrdener Krankenhauses. „Er war schon vor der offiziellen Eröffnung dabei, etwa seit Ende 1963", weiß Wolfgang Grotstück, der Kaufmännische Direktor des Klinikums.

Thomas Südhof zweier Ärzte studierte in Göttingen Medizin und forschte für seine Doktorarbeit am Max-Planck-Institut für physikalische Chemie. Bereits 1983 zog er in die USA und arbeitete in Texas im Labor von Michael Brown and Joseph Goldstein, die 1985 den Nobelpreis bekamen. Von 1995 bis 1998 kehrte der Wissenschaftler in seine Heimat zurück und baute am Göttinger Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin ein Labor auf. Sein Lebensmittelpunkt blieb aber Amerika.

Nach Meinungsverschiedenheiten mit der neuen Führung der Max-Planck-Gesellschaft sah Südhof seine berufliche Zukunft dann doch wieder in den USA, wie er 2010 schrieb. Die wissenschaftlichen Bande zu den Göttinger Kollegen habe er aber nie verloren, erklärten die niedersächsischen Forschungsinstitute am Montag. Südhof begann als Biochemiker, er ist Zellbiologe, Genforscher, Physiologe und Hirnforscher. Nils Brose ist schon lange von der akribischen Arbeitsweise des Medizin-Nobelpreisträgers beeindruckt. So kenne der 57-Jährige beispielsweise die Projekte der Doktoranden in seinem Labor in- und auswendig. "Er hat ein außerordentliches Gedächtnis. Das habe ich sonst noch nirgendwo gesehen." Die traditionsreiche Studentenstadt in Südniedersachsen bietet offenbar einen guten Nährboden für künftige Spitzenforscher. Thomas Südhof ist nach Hochschulangaben der 45. Nobelpreisträger, dessen wissenschaftliche Laufbahn mit der Universität Göttingen verknüpft ist.

So begründete das Nobel-Komitee die Entscheidung:

"Ohne diese wunderbar präzise Organisation würde die Zelle im Chaos versinken", schreibt das Nobel-Komitee. "Ein defektes Vesikel-Transportsystem kommt in einer Reihe von Krankheiten vor", erläuterte die Vorsitzende des Komitees, Juleen Zierath. Das Transportsystem spielt etwa eine Rolle bei der Nervenleitung und im Hormonsystem oder bei Immunkrankheiten. "Tetanus ist etwa eine Krankheit, die diesen Vesikel-Transport beeinflusst", sagte Jan-Inge Henter von der Nobel-Jury.

Sein Kollege Göran Hansson ergänzte: "Sie (die Entdeckung) hat bislang nicht zu Medikamenten geführt, aber zu Diagnosen." Am Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Nobelpreises benannt. Die feierliche Überreichung findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel. Im vergangenen Jahr hatten der Brite John Gurdon und der Japaner Shinya Yamanaka die Auszeichnung für ihre Arbeiten zur Verjüngung erwachsener Zellen erhalten.

Die Medizin-Nobelpreisträger seit 2003

Der Medizin-Nobelpreis wird seit 1901 verliehen. Die erste Auszeichnung ging damals an den deutschen Bakteriologen Emil Adolf von Behring für die Entdeckung der Serumtherapie gegen Diphtherie. Die Preisträger der vergangenen zehn Jahre waren:

2012 : Der Brite John Gurdon und der Japaner Shinya Yamanaka für die Rückprogrammierung erwachsener Körperzellen in den embryonalen Zustand. 2011 : Bruce Beutler (USA) und Jules Hoffmann (Frankreich) für Arbeiten zur Alarmierung des angeborenen Abwehrsystems. Ralph Steinman aus Kanada entdeckte Zellen, die das erworbene Immunsystem aktivieren. Er war kurz vor der Verkündung gestorben und bekam den Preis posthum. 2010: Der Brite Robert Edwards für die Entwicklung der Reagenzglas-Befruchtung. 2009 : Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak (alle USA) für die Erforschung der Zellalterung. 2008 : Harald zur Hausen (Deutschland) für die Entdeckung der Papilloma-Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen, sowie die Franzosen Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier für die Entdeckung des Aidserregers HIV. 2007 : Mario R. Capecchi, Oliver Smithies (beide USA) und Sir Martin J. Evans (Großbritannien) für eine genetische Technik, um Versuchsmäuse mit menschlichen Krankheiten zu schaffen. 2006 : Die US-Forscher Andrew Z. Fire und Craig C. Mello für eine Technik, mit der sich Gene gezielt stumm schalten lassen. 2005 : Barry J. Marshall und J. Robin Warren (beide Australien) für die Entdeckung des Magenkeims Helicobacter pylori und dessen Rolle bei der Entstehung von Magengeschwüren. 2004 : Richard Axel und Linda Buck (beide USA) für die detailgenaue Enträtselung des Geruchssinns.2003 : Paul C. Lauterbur (USA) und Sir Peter Mansfield (Großbritannien) für ihre wesentlichen Beiträge zur Anwendung der Kernspintomographie in der Medizin als neuartiges und schonendes Diagnoseverfahren.

dpa/Ingo Rodriguez

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