Nach Brandanschlag

Vorführung beim Haftrichter verzögert sich

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Foto: Nach einem Brandanschlag in Salzhemmendorf hat die Polizei drei Verdächtige festgenommen.

Salzhemmendorf - Die Vorführung der drei Verdächtigen bei einem Haftrichter des Amtsgerichts Hannover hat sich am Sonnabend verzögert, wie Staatsanwältin Kathrin Söfker der HAZ am Nachmittag mitteilte: "Das wird sich in den Abend ziehen." Grund für die späte Vorladung seien weitere polizeiliche Vernehmungen.

Zudem habe der Haftrichter noch eine Menge anderer Fälle abzuarbeiten. Söffker betonte, dass das eingeleitete Strafverfahren wegen des Verdachtes der schweren Brandstiftung noch keine abschließende juristische Wertung sei. Die könne erst abgegeben werden, wenn die Ermittlungen vollständig abgeschlossen seien. Schwere Brandstiftung sei eine schwere Straftat, die eine Freiheitsstrafe von einem bis zu fünfzehn Jahren nach sich ziehen könnte. Befragt zu den Motiven der mutmaßlichen Brandstifter sagte die Staatsanwältin nichts.

Nach dem Brandanschlag auf eine Asylunterkunft in Salzhemmendorf hatte die Polizei die mutmaßlichen Täter noch am Freitagabend gefasst. Zwei 24 und 30  Jahre alte Männer aus dem Kreis Hameln sowie eine 23 Jahre alte Frau aus Springe wurden festgenommen. Der 24-Jährige hatte die Tat gestanden und die Ermittler zu den zwei weiteren Tatverdächtigen geführt. Ob inzwischen alle drei gestanden haben, ist noch unklar. Bevor der Haftrichter seine Entscheidung fällt, haben alle drei heute die Gelegenheit sich zu den Vorwürfen zu äußern, sagte die Staatsanwaltschaft Hannover auf Anfrage der HAZ.

Tief verwurzelt in der rechtsextremen Szene sind die Täter aber wohl nicht. Es gebe keine Erkenntnisse über Mitgliedschaften in rechten Organisationen oder Verbindungen dahin. Der 30-Jährige ist unter anderem wegen Sachbeschädigung polizeibekannt. Gegen die 23-Jährige aus Springe liegt bei der Polizei gar nichts vor. Sie ist offenbar die Freundin des jüngeren Täters. Die Polizei ist ihnen auf die Spur gekommen, weil alle drei in einem Auto saßen, das Zeugen in der Nacht mit laufendem Motor vor der Flüchtlingsunterkunft gesehen hatten. Wer den Brandsatz warf, war zunächst nicht bekannt.

Nach den Festnahmen am Abend erklärte ein Polizeisprecher, der 24-jährige Verdächtige aus Salzhemmendorf sei bereits in der Vergangenheit wegen Propagandadelikten aufgefallen. Er soll etwa den Hitler-Gruß gezeigt haben.

Schwere Brandstiftung oder versuchtes Tötungsdelikt?

Die Tat hat breite Empörung ausgelöst. Gegen zwei Uhr am Freitagmorgen hatten die Täter einen Molotowcocktail durch ein geschlossenes Fenster ins Erdgeschoss der alten Villa geschleudert. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen des Verdachts auf schwere Brandstiftung. Es werde aber geprüft, ob auch ein versuchtes Tötungsdelikt infrage komme, sagte Polizeisprecher Petersen. „Das war versuchter Mord“, hatte dagegen schon am Vormittag Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bei einem Besuch des von Asylbewerbern bewohnten Hauses erklärt.

In dem Gebäude leben laut Polizei 40  Menschen, darunter Asylbewerber aus Afrika und Syrien sowie auch deutsche Mieter. Dass die 34-jährige Bewohnerin der Erdgeschosswohnung mit ihren drei Kindern in einem Nebenraum schlief, rettete der Frau aus Simbabwe vermutlich das Leben. Die Familie wurde an einen anderen Ort gebracht.

Freitagnachmittag demonstrierten gut 2000 Menschen in der 10.000-Einwohner-Gemeinde, unter ihnen Niedersachsens Migrationsbeauftragte Doris Schröder-Köpf oder die SPD-Landtagsfraktionsvorsitzende Johanne Modder. Hamelns Landrat Tjark Bartels (SPD) hatte zu der Demonstration aufgerufen. Bartels stellte klar, dass der Landkreis nicht mit der Aufnahme von Flüchtlingen überfordert sei. „Wir werden noch lange nicht an die Grenzen unserer Kapazität stoßen.“

In der Nacht hatte die Feuerwehr den Brand im Erdgeschoss des Hauses schnell gelöscht. Der Brandsatz verrußte zwar sehr stark das Zimmer, in dem er einschlug, konnte aber nach Aussage des Hamelner Polizeichefs Ralf Leopold nicht das Gebäude in Brand setzen. Dass kein größerer Schaden entstand, sei reiner Zufall. Die Polizei war nach acht Minuten vor Ort – die Täter konnte sie aber zunächst nicht fassen.

Ministerpräsident Weil äußerte die Hoffnung, dass die Täter „einer wirklich harten Bestrafung zugeführt“ werden. „Wir lassen uns das weltoffene Deutschland nicht kaputtmachen.“ Das Innenministerium sieht sich trotz der Tat nicht in der Lage, künftig alle Asylunterkünfte in Niedersachsen zu schützen, von denen es etwa 500 gibt.

Salzhemmendorfs Bürgermeister Clemens Pommerening verurteilte die Attacke. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass so ein feiger Anschlag möglich ist. Es gibt bei uns eine echte Willkommenskultur, die Bevölkerung steht zu den Flüchtlingen“, betonte der parteilose Kommunalpolitiker.

Von Michael B. Berger, Isabel Christian und Karl Doeleke

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