Schlachtbranche

Vorgesetzte erpressen Leiharbeiter

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Foto: Zuarbeiter eines Fleischunternehmens arbeiten am Fließband. Wegen „vermeintlicher“ Fehler erpressten Vorgesetzte von Leiharbeitern in Cloppenburg „Strafgelder“.

Cloppenburg - Sie arbeiten hart, verdienen wenig und können sich kaum gegen Schikane wehren. Osteuropäische Leiharbeiter in Niedersachsens Fleischbranche sind offenbar Opfer von Erpressungen durch Vorgesetzte geworden.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat zwei 52 und 30 Jahre alte Männer angeklagt. Sie sollen den ihnen unterstellten Schlachtern in Essen im Landkreis Cloppenburg mit Entlassung gedroht haben, sollten sie nicht zahlen. Das bestätigte der Oldenburger Staatsanwalt Martin Rüppell auf Anfrage der HAZ.

Einer der angeschuldigten Männer war als Schichtleiter in dem Schlachthof eingesetzt, der andere als Vorarbeiter. „Sie sollen von Werkvertragsarbeitern des Schlachthofes wegen vermeintlicher Arbeitsverfehlungen ,Strafgelder‘ in Höhe von 100 bis 1000 Euro verlangt haben“, sagte Staatsanwalt Rüppell. Das Geld sollen die Männer unter sich aufgeteilt haben. Das Amtsgericht Cloppenburg muss noch über die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheiden.

Audra Brinkhus-Saltys vom Netzwerk „Menschenwürde in der Arbeitswelt“ glaubt nicht, dass solche Erpressungen Einzelfälle sind. „Das ist ein übliches Verfahren“, sagt Brinkhus-Saltys. Leiharbeiter aus der Region wenden sich mit ihren Sorgen an das Netzwerk. Immer wieder hat Brinkhus-Saltys es auch mit Schlachtern zu tun, denen aus nichtigen Gründen Teile ihres Lohns vorenthalten werden. „Man kann die Arbeiter willkürlich bestrafen, weil sie keinen Kündigungsschutz haben.“

Das haben der 52 Jahre alte Schichtleiter und der 30-jährige Vorarbeiter offenbar ausgenutzt. Geringe Verfehlungen der Arbeiter reichten laut Anklage aus. Die „Strafgelder“ sollen am Monatsende bei der Barauszahlung einbehalten worden sein. Dafür reichte offenbar, dass ein Schlachter ohne besondere Arbeitskleidung durch ein Kühlhaus gelaufen ist. Einem anderen soll zum Verhängnis geworden sein, dass er Schinken leicht mit dem Messer beschädigt hat. Wer nicht zahlte, war seinen Job los.

Die Fälle liegen bereits eine Weile zurück. Doch laut Brinkhus-Saltys finden solche ungerechtfertigten Lohnabzüge auch heute noch statt. Offenbar ist das ein Weg, den inzwischen tariflich vereinbarten Mindestlohn von 7,75 Euro zu umgehen. „Ich kenne Fälle von Abzügen, in denen nicht einmal ein Grund genannt wird.“

Neuerdings sind in den Arbeitsverträgen pauschale Klauseln enthalten, die Geldbußen für nicht näher benannte Verfehlungen enthalten, berichtet Johannes Brinkhus, der als Rechtsanwalt ehrenamtlich für das Netzwerk arbeitet. „In schlimmsten Fall kann ein ganzer Monatslohn einbehalten werden.“ Rechtlich einwandfrei sei das nicht, sagt der Rechtsanwalt. „Doch die Leute haben so viel Angst, dass sie nicht bereit sind, ihre Arbeitgeber zu verklagen.“

Von Karl Doeleke

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