Führerschein für 17-Jährigen

Wegen Ritalineinnahme zum „Idiotentest“

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Mittel gegen ADHS: Die Substanz Methylphenidat ist in Deutschland vor allem unter dem Handelsnamen Ritalin bekannt.

Klein Escherde - Ein 17-Jähriger aus Nordstemmen soll zum "Idiotentest", weil er vom Arzt verordnetes Ritalin einnimmt. Nun soll der Jugendliche, der unter ADS leidet, ein teures Gutachten vorlegen.

Dejan Martinovic nimmt keine Drogen, er ist auch kein Alkoholiker. Dennoch muss der 17-Jährige aus Klein Escherde bei Nordstemmen (Kreis Hildesheim) ein Gutachten vorlegen, das ihm bescheinigt, dass er unbedenklich am Straßenverkehr teilnehmen kann. Vorher darf er keinen Führerschein machen. „Ich werde behandelt wie ein Drogenabhängiger“, findet der Junge. Eine Bescheinigung der Fahreignung, im Volksmund „Idiotentest“ genannt, müssen oft Autofahrer vorweisen, die bekifft oder betrunken am Steuer erwischt worden sind.

Dejan ist nicht süchtig. Er leidet unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS), das bei immer mehr Kindern, größtenteils Jungen, diagnostiziert wird. Der 17-Jährige nimmt deshalb das Medikament Ritalin. 2008 wurde die Krankheit bei ihm festgestellt, bis 2011 bekam er die Substanz Methylphenidat, die in Deutschland vor allem unter dem Handelsnamen Ritalin bekannt ist. Die Therapie schlug so gut an, dass er das Medikament absetzen konnte.

Nachdem Dejan aber aufs Gymnasium gewechselt war, hat er dann in Absprache mit seinem Arzt wieder begonnen, Ritalin zu schlucken. Seitdem kann er sich besser konzentrieren, seine schulischen Leistungen haben sich deutlich verbessert. Wahrheitsgemäß hat er beim Antrag für den Führerschein angegeben, dass er Ritalin nimmt. Die Antwort des Landkreises kam prompt: Es bestünden „Bedenken an Ihrer Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen“. Er soll ein Gutachten einholen, das das Gegenteil beweist. Kreissprecher Hans-Albert Lönneker verweist auf die entsprechenden Paragraphen der Fahrerlaubnisverordnung. Danach muss eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vorgelegt werden, wenn man ein Medikament einnimmt, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Und dazu gehört auch Ritalin.

Die Bescheinigung hat Dejan Martinovic auch vorgelegt. Ein Einfluss auf die Verkehrssicherheit „zeigte sich in der Vergangenheit nicht und ist auch für die Zukunft nicht zu erwarten“, attestierte sein Arzt, der Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Duda aus Hildesheim. Doch das reicht nicht aus. Denn eine solche Bescheinigung darf nicht vom behandelnden Arzt ausgestellt werden. Der Landkreis verlangt ein Attest vom Verkehrsmediziner. Zwischen 300 bis 500 Euo soll das kosten, hat Dejans Mutter Marion Martinovic erfahren.

„Unverhältnismäßig“ nennt Myriam Menter vom Selbsthilfeverbands ADHS Deutschland das Vorgehen des Landkreises. „Ich halte das für übertrieben“, sagte die Geschäftsführerin des Verbands, der Menschen vertritt, die unter ADS und mitunter zusätzlich auch noch Hyperaktivität (ADHS) leiden. Bis vor einem Jahr sei die Angabe von Medikamenten beim Führerscheinantrag freiwillig gewesen. Auch Dejans Arzt Duda kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. Dabei mache Ritalin nicht müde, sondern erhöhe die Konzentrationsfähigkeit. Vermutlich würden viele ADS-Patienten die Ritalin-Einnahme nun besser verschweigen. Dejan jedenfalls muss jetzt erstmal das Geld für das Fahreignungsgutachten zusammensparen.

Von Sebastian Knoppik

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