Landesbischof Ralf Meister

„Weihnachten sollte uns nicht beruhigen“

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Foto: Landesbischof Ralf Meister.

- Der feingeistige Theologe und Landesbischof Ralf Meister hält sich mit politischen Einsprüchen weitgehend zurück, markiert aber hier und da grundsätzliche Positionen der Kirche. Ein Gespräch über provokante Grußbotschaften und den „Mann des Jahres“.

Herr Bischof Meister, Sie haben eine Weihnachtskarte verschickt, die man auch als Provokation empfinden kann – sie zeigt Bootsflüchtlinge vor der Insel Lampedusa.

Ja, einige haben das als Provokation verstanden. Dabei will ich auf eine der zentralen Weihnachtsbotschaften hinweisen: die Herbergssuche. Die existenzielle Frage: Wo können wir bleiben, wenn wir in Not sind? Die allermeisten Menschen bei uns müssen sich diese Frage nicht stellen: Sie leben geborgen, sie können positiv beschreiben, was Heimat ist. Zugleich sind 45 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Das muss man sich klarmachen und auch als eine Anfrage aus der Weihnachtsbotschaft verstehen. Bei aller guten Laune zum Fest: Die Botschaft, dass Gott in Jesus in die Welt kommt, hat nicht zuerst eine beruhigende sondern eine beunruhigende Dimension.

45 Millionen Flüchtlinge weltweit, das kann Beklemmungen auslösen und den ängstlichen Einspruch: Wir können doch nicht alle aufnehmen ...

Richtig, Deutschland kann nicht alle aufnehmen. Doch es ist für uns alle eine politische und gesellschaftliche Herausforderung zu überlegen, was man tun kann, damit die Menschen nicht, wie vor Lampedusa geschehen, im Meer ertrinken. Wir müssen überlegen, wie wir ganz praktisch helfen können – durch Spenden, durch internationale Organisationen vor Ort, durch Kirchengemeinden, die Wohnungen für Flüchtlinge suchen. Es ist schon wichtig, ganz konkrete Hilfen zu bieten – da gibt es auch eine Reihe von evangelischen und katholischen Initiativen.

Aber dennoch macht so ein Foto von Menschen, die einfach ins Meer springen, ein schlechtes Gewissen.

Natürlich zeigt das Schicksal der Lampedusa-Flüchtlinge, wie weit wir entfernt sind von einer gerechten Welt. Diese Bilder bleiben eine innere Herausforderung, eine Frage an unser Gewissen. Natürlich ist es auch eine Anfrage an die westliche Welt, in der wir leben, die so viel beschützter und geborgener ist. Und an die Maßstäbe, die wir setzen.

Wie meinen Sie das?

Wir können zwar keine absolut gerechte Welt schaffen, aber die Gerechtigkeit Gottes fordert uns heraus, so weit es geht für gerechtere Verhältnisse zu sorgen. Es gibt einen klaren Maßstab in der Szene vom Weltgericht, in der Christus sagt: „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ Die Lieblichkeit mancher Krippendarstellung enthebt uns nicht der Verantwortung, nach der wir einmal gefragt werden.

Mit Blick auf Lampedusa muss man da nicht zum Zyniker werden? Die Afrikaner, die im Mittelmeer ertranken, bekamen in Italien immerhin ein Staatsbegräbnis ...

Das ist zynisch. Aber die Abgrenzung ist letztlich auch ein Ergebnis der Harmonisierung des europäischen Asylrechts. Die große Diskussion um das Asylrecht, die wir 1994 erlebt haben, gipfelte im Konzept der europäischen Grenzen, in einem abgesicherten Europa.

Damals hieß es, bloß keine neuen Flüchtlinge: Das Boot sei schon voll.

Ich erlebe heute eine andere Diskussion. Sicher, auch innereuropäische Wanderungen, etwa aus Bulgarien und Rumänien, bringen Schwierigkeiten mit sich. Aber jeder, der noch ein bisschen Herz hat, schaut erschüttert auf die Geschehnisse vor Lampedusa und übrigens auch auf die syrischen Flüchtlinge und sagt: Das darf nicht sein. Das können wir nicht zulassen. Ich erlebe jedenfalls nicht, dass die Flüchtlingsfrage wie in den neunziger Jahren das Land spaltet und dass die Stammtische die Diskussion prägen. Ich erlebe viel Mitgefühl und auch politische Ratlosigkeit.

Einer, der sofort nach dem Schiffsunglück nach Lampedusa eilte, war Papst Franziskus. Ein amerikanisches Nachrichtenmagazin hat ihn jetzt zum „Mann des Jahres“ ernannt. Wird man da als Protestant nicht ein wenig eifersüchtig? So eine gute Presse haben deutsche Landesbischöfe selten.

Nein, es wäre völlig falsch, wenn man daraus eine Kränkung des Protestantismus machen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Das ist doch ein großes Glück, dass dieser ein wenig unorthodoxe Bischof von Rom, Papst Franziskus, so ein gewaltiges Interesse auf genuin christliche Ziele lenkt. Dass er auch Neugier und Interesse auf das Leben der Kirche weckt.

Er tritt ja auf wie der deutsche Reformator Martin Luther.

Diesen Vergleich würde ich jetzt noch nicht ziehen. Aber er will Traditionen und Positionen der Kirche infrage stellen, etwa die Macht der Kurie, die Stellung der Bischöfe zu Rom, ja auch zum Papstamt. Deshalb könnte er ein Reformator der katholischen Kirche werden. Aber interessanter finde ich noch, welche Anfragen er an unsere Weltwirtschaftsordnung stellt. Wie er die Dignität des Geldes infrage stellt.

Was läuft in unserem System falsch?

Bei uns müssen die Alarmglocken klingeln, wenn wir merken, dass Geld kein bloßes Tauschmittel mehr ist, sondern selbst zum Heilsmittel avanciert und als etwas Heiliges betrachtet wird.

Nun ist die Kirche selbst gut mit Geld ausgestattet.

Ja, die Kirche muss sich die Frage nach ihrem Umgang mit Geld selbst stellen. Wo verwirkt sie mit ihrer Ausstattung, mit ihrem Handeln den jesuanischen Anspruch, anderen zu dienen. Das schließt zum Beispiel Protzbauten aus, die vorrangig Einzelnen und nicht der Gemeinschaft dienen. Und diese kritische Haltung zum Geld erfordert eine absolute Transparenz: Die sinnvolle Ausgabe jeden Cents muss bekannt sein und belegt werden.

Zur Person

Ralf Meister ist seit knapp drei Jahren Bischof der hannoverschen Landeskirche – und damit der Nachfolger Margot Käßmanns. Der 51 Jahre alte Lutheraner wurde in Hamburg geboren und war vor seiner Wahl zum hannoverschen Landesbischof Generalsuperintendent in Berlin. Seit Ende 2011 ist Meister auch Sprecher aller evangelischer Kirchen in Niedersachsen. Der feingeistige Theologe hält sich mit politischen Einsprüchen weitgehend zurück, markiert aber hier und da grundsätzliche Positionen der Kirche.

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