Armut in Amerika

Welcher Aufschwung?

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Foto: Vier von fünf Amerikanern sinken vor Erreichen ihres 60. Lebensjahres zumindest zeitweise an die Armutsgrenze

Roanoke - Sie sind arm, und sie sind viele: 15 Prozent der Amerikaner leben an der Armutsgrenze – und immer mehr Kinder stocken das Familieneinkommen auf.

Die Äpfel liegen gut in der Hand. Mit geübtem Griff pflückt Juan das Obst vom Baum. „Die Golden Delicious haben eine vernünftige Größe“, sagt der Junge, „dann füllen sich die Körbe schneller.“ Juan nimmt die kleine Trittleiter, stellt sie unter den nächsten Baum und verschwindet fast in dem dichten Laubwerk. Über seiner linken Schulter hängt ein breiter Sack, den er seit acht Uhr morgens im Viertelstundentakt in einem großen Container zwischen den Plantagenbäumen entleert. Der Arbeitstag des 14-Jährigen endet um vier Uhr nachmittags – ebenso wie für alle anderen Wanderarbeiter auf der weitläufigen Apfelfarm im Südwesten des US-Bundesstaates Virginia.

Juan fällt auf den ersten Blick unter den Arbeitern nicht auf. Mit seiner kräftigen Statur, dem breitkrempigen Hut und der grauen Arbeitshose sieht er viel älter aus. Erst wenn man ihm genauer ins Gesicht schaut, erkennt man, dass er in der Arbeiterkolonne fehl am Platz ist – ebenso wie zwei 14-jährige Mädchen, die neben ihm arbeiten. Über Äpfel lernen diese Kinder viel. Doch systematisches Lernen ist ihnen fremd. Zur Schule gehen sie nur, wenn sie gerade nicht arbeiten müssen. Kinderarbeit im reichsten Land der Welt? In einem Land, in dem gesetzlich festgeschrieben ist, dass Kleinkinder nur in schwer entflammbaren Pyjamas zum Schlafen hingelegt werden dürfen?

Es passt nicht. Aber es ist eine Wirklichkeit, die schon längst nicht mehr nur die – illegal – Zugewanderten aus Lateinamerika betrifft. Ob auf der Farm oder an der Baustelle oder im Lager des Supermarkts – die Kinderarbeit ist der dramatischste Ausdruck lähmender Armut in den USA. Mehr als zwei Millionen Jobs sind im vergangenen Jahr geschaffen worden, die Unternehmen schreiben wieder Riesengewinne, die Wirtschaft wächst – aber bei der amerikanischen Durchschnittsfamilie kommt nichts davon an. Und bei denen, die sowieso schon arm sind, erst recht nicht.

Juan muss nicht lange darüber nachdenken, warum er an diesem heißen Spätsommertag am Schuften ist: „Ich will meinen Eltern helfen. Sie haben es nicht leicht.“ Seit zwei Jahren geht der Junge mit seinem Vater zur Plantagenarbeit – immer in den Schulferien, meistens sonnabends und immer öfter eben auch an regulären Schultagen. Im Verhältnis zu den anderen Kindern, die während der Erntezeit sechs Tage die Woche auf dieser Farm arbeiten, geht’s Juan blendend. Und er ist, anders als seine kleinen Arbeitskollegen, kein „illegaler Einwanderer“. „Meine Eltern stammen aus Mexiko, aber ich wurde hier geboren. Ich bin Amerikaner!“, sagt er selbstbewusst. Sein Zuhause ist ein alter Wohncontainer. Nach einem Unfall ist die Mutter gehbehindert, vieles hat sich seither geändert: „Mein Vater muss so viele Rechnungen bezahlen. Es reicht einfach manchmal nicht, um über die Runden zu kommen. Da muss ich doch was beitragen, auch wenn ich manchmal einen Schultag verpasse“, sagt der Junge in ernstem Ton.

400.000 Kinder unter 16 Jahren arbeiten auf Feldern

Kinderarbeit ist in den USA grundsätzlich verboten. Allerdings gelten Ausnahmen für die Landwirtschaft: Ab dem zwölften Lebensjahr ist es Kindern freigestellt, der Familie zu helfen. Die Regelung war ursprünglich nur für Farmer gedacht, die ihr eigenes Land bewirtschaften und in der Erntezeit kurzzeitig Hilfe benötigen. Da der Begriff Farmer jedoch nicht an Eigentum von Grund und Boden gekoppelt ist, nennen sich mittlerweile auch unzählige Wanderarbeiter einfach Farmer – und lassen ihre Kleinen auf den Feldern des reichen Nordens rackern. Und das nicht nur in den Sommerferien: Zwischen Virginia und Kalifornien finden sich das ganze Jahr über Plantagen, auf denen Erntezeit ist. Nach Schätzungen des Landwirtschaftsministeriums arbeiten zurzeit etwa 400.000 Kinder unter 16 Jahren auf den Feldern und in den Agrarfabriken Amerikas.

Die Rezession nach der Bankenkrise 2007 hat die Mittelklasse aus der Bahn geworfen; vor allem Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation haben bis heute nicht wieder Fuß fassen können. Fast 50 Millionen US-Amerikaner müssen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze auskommen. Nach neuen Berechnungen des Census Bureaus in Washington sind 15 Prozent der Amerikaner arm – zuzüglich mehrerer Millionen Menschen, die ohne gültige Papiere in den USA in höchst prekären Verhältnissen leben. Der Anteil der Armen in der Gesamtbevölkerung liegt damit etwa wieder so hoch wie Mitte der sechziger Jahre, als Washington unter dem Schlachtruf „War on Poverty“ gegen das Drama im eigenen Land ankämpfte. Und doch haben die USA heute eine Armutsrate, die eher mit der von Rumänien als der von Kanada oder Deutschland zu vergleichen ist.

Die Statistiker des Census Bureaus sehen die Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie bei einem jährlichen Haushaltseinkommen von etwa 23 000 Dollar. Fast jeder dritte Afroamerikaner und Latino lebt an dieser Grenze. 13 Prozent der Weißen und Asiaten zählen zu den Armen. Und: Vier von fünf Amerikanern sinken vor Erreichen ihres 60. Lebensjahres zumindest zeitweise an die Armutsgrenze, benötigen staatliche Hilfe. Auch, das ist neu, 80 Prozent der weißen Amerikaner geraten in so eine Notlage. Besonders drastisch aber lesen sich die Zahlen, die die wachsenden Einkommensunterschiede dokumentieren. In den USA sind krasse materielle Unterschiede schon immer eher akzeptiert als in Europa. Doch jetzt werden sogar die Experten nervös.

Armutsfaktor Gesundheit

Ein Jahr Aufschub haben die Republikaner im Senat gefordert, aus Kostengründen. Ein Jahr Aufschub für den wichtigsten Teil der Gesundheitsreform, die wie kaum ein anderes Programm das Risiko senkt, in Armut zu fallen. Doch der ideologische Streit um die Reform ist am Tag, an dem ihr wichtigster Teil in Kraft treten soll, nicht beendet. Dabei betrifft eine der wenigen guten Nachrichten im September den Bericht des Census Bureaus, der US-Statistikbehörde, eben diese Reform. Die Zahl der Menschen mit Krankenversicherung wächst seit 2011 langsam, aber stetig, von 260 Millionen auf 263 Millionen im Jahr 2012. Entscheidend ist aber diese Zahl: 24,9 Prozent der Familien mit einem Haushaltseinkommen unter 25 000 Dollar hatten 2012 keine Krankenversicherung – bei den Familien mit einem Einkommen von mehr als 75 000 Dollar waren es nur 7,9 Prozent. Für die Berichterstatter des Census Bureaus ist das ein klarer Hinweis, dass der Verzicht auf eine Versicherung keineswegs freiwillig ist, sondern in den meisten Fällen von der Not diktiert. Dieses Problem soll laut Plan die nächste Etappe der „Obamacare“ vom heutigen Dienstag an angehen: Die rund 48 Millionen nicht versicherten US-Bürger, insgesamt fünfzehn Prozent der Bevölkerung, sollen dann mit Hilfe neuer Agenturen, der „Versicherungsbörsen“, eine passende, bezahlbare und im Bedarfsfall vom Staat bezuschusste Krankenversicherung abschließen können. Keine Versicherung soll Menschen mit Vorerkrankung mehr ablehnen dürfen. Von 2014 an sollen alle US-Amerikaner krankenversichert sein. Und damit das Risiko, wegen Krankheit in Armut zu fallen, drastisch senken.sus

Nach Einschätzung von Emmanuel Saez von der Universität Berkeley in Kalifornien wächst das Vermögen der Reichsten in einem atemberaubenden Tempo: Das oberste eine Prozent der Familien verdient jährlich 31 Prozent mehr als vor der Rezession. In der Gesamtbevölkerung liegt der Vermögenszuwachs bei 0,4 Prozent. Laut Saez erwirtschaften die obersten zehn Prozent der Familien die Hälfte des Gesamteinkommens der Amerikaner: „Das ist der höchste Prozentsatz, der jemals, seit Beginn der Aufzeichnungen 1917, gemessen wurde.“Saez’ Kollege Nicholas Carnes von der Duke-Universität wartet in diesen Tagen mit einer anderen Unwucht auf: Nach Berechnungen des Professors können sich drei Prozent der amerikanischen Familien als Millionäre bezeichnen. Unter den 100 Senatoren in Washington aber gibt es 60 Millionäre. Auch die Mehrzahl der Abgeordneten im Repräsentantenhaus, im Obersten Gericht, dem Supreme Court, sind Dollar-Millionäre – wie auch der Präsident.

Kein Wunder, dass ein Großteil der Mittelklasse sich „von Washington“ nicht mehr vertreten fühlt. Denn auf der anderen Seite ist inzwischen jeder achte Amerikaner auf „food stamps“ angewiesen, auf Gutscheine, mit denen Lebensmittel eingekauft werden können. Diese Gutscheine sollen den Menschen in Krisenzeiten helfen, über die Runden zu kommen. Sie sollen laut Gesetzgeber aber kein Ersatz für Einkommensarbeit sein.

Auch Juans Familie kann sich nicht mit ihrer Hände Arbeit allein ernähren. Für den jungen Erntehelfer aus Virginia ist es immer ein schöner Tag, wenn seine Eltern die monatlichen Gutscheine erhalten: „Wir fahren dann in die Stadt und kaufen im Supermarkt ein. Dann ist unser Einkaufswagen richtig voll!“

Die Regierung weiß, dass die Ungleichheit im Land zu einem eigenen Krisenfaktor wird. „Wir sind nicht da, wo wir sein wollen“, sagte Finanzminister Jacob Lew. „Zu viele Amerikaner können keine Arbeit finden – und das, was einmal die Mittelklasse war, ist völlig ausgehöhlt.“ Vor wenigen Tagen hat das von der republikanischen Opposition dominierte Repräsentantenhaus dennoch für eine Kürzung der „food stamps“ gestimmt – mit der Begründung, dass der Anreiz, sich einen besseren Job zu suchen, wieder steigen müsse.

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