Pädagogik

Wenn die Schule auf den Hund kommt

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Gelassen bleiben: Mit Paul läuft der Unterricht in den fünften Klassen viel besser.

Hildesheim - An einem Hildesheimer Gymnasium lernen die Schüler jetzt mit Hund. Wenn Labrador Paul in die Klasse kommt, ist es gleich viel ruhiger und die Stimmung viel besser.

Was läuft schief in der Klasse? „Mich stört es, wenn Kinder einfach schreien, ohne dass der Lehrer sie drangenommen hat“, klagt Georg. Paula ist genervt, wenn andere im Unterricht kippeln. Und Johannes hat es satt, dass viele in den Pausen nur auf ihr Handy starren und spielen. Die Fünftklässler sitzen im Kreis und sagen sich ins Gesicht, was sie stört. Nur der Jüngste in der Runde guckt betont gelangweilt. Mit einem Schnaufen sackt er auf den Boden und legt den Kopf ab. Den Blick ins Unendliche gerichtet, beginnt er zu dösen - und das mitten im Unterricht.

Für Thorben Trüter ist das ein gutes Zeichen. Der Lehrer weiß: Sobald Paul entspannt ist, stimmt das Klima in der Klasse. Paul ist ein Labradorrüde. Doch er gehört in dieses Klassenzimmer und das seit Jahren. In jeder Woche verbringt er zwei oder drei Tage im Andreanum, um dort die Atmosphäre zu verbessern. Das funktioniert auch in dieser Stunde. Gerade muss sich Carlo rechtfertigen, weil er und andere sich in der Pause mit zusammengerollten Matheheften geschlagen haben. „Das war doch nur Spaß, wir haben uns ja nicht wehgetan“, verteidigt sich Carlo. Den Tadel seiner Mitschüler akzeptiert er dennoch. In diesem Moment erhebt sich der Hund, trottet ein paar Schritte weiter, bleibt vor Carlo stehen - und der krault ihm Rücken und Hals. Käme Aggression in die Debatte, würde sich Paul einschalten. „Wenn es zu laut wird, steht er auf, beginnt mit Stresshecheln und lässt die Ohren hängen“, sagt Trüter. Vor fünf Jahren brachte er seinen Hund zum ersten Mal mit in die Schule. Und in diesem Schuljahr hat es das zehn Jahre alte Tier erstmals auf das große Poster geschafft, das die Porträts von sämtlichen Andreanums-Mitarbeitern zeigt. Paul ist der Schulhund, und wenn Trüter mit ihm durch die Gänge geht, wird der Vierbeiner oft als Erster begrüßt. „Er zaubert vielen Kindern ein Lächeln aufs Gesicht“, sagt der Lehrer.

Erfahrung mit Tieren im Unterricht haben vor allem Förderschulen. Das Andreanum ist das einzige Gymnasium, das auf die Mithilfe eines Vierbeiners setzt. Am effektivsten wirkt Paul in den fünften Klassen - die Kleinen sind am ehesten bereit, Rücksicht auf das empfindliche Gehör des Hundes zu nehmen, nicht zu schreien und Tische beim Umstellen anzuheben, statt sie über den Boden zu ziehen.

Doch Paul hat noch andere Einsatzgebiete. Im Deutschunterricht beschreiben die Kinder die Farbnuancen seines Fells, im Sport rennt das Tier beim Sprint motivierend vorweg, beim Schlagballwerfen apportiert er. Und für die Pausen sind Schüler zum Gassidienst eingeteilt. „Das stärkt das Sozialgefüge, die Kinder achten darauf, dass jeder mal den Stock werfen darf.“

Als der Deutschlehrer seine Idee vom Schulhund zum ersten Mal vorstellte, musste er sich von einigen Kollegen Hohngelächter und Sprüche anhören. „Dann bringe ich meinen Kanarienvogel mit, vielleicht bewirkt das auch etwas in der Klasse“, flachste einer. Doch mittlerweile ist der Hund akzeptiert. Auch deshalb, weil Paul nicht ein einziges Mal Probleme gemacht hat: Nie hat er ein Kind angeknurrt oder gar gebissen. „Ein Labrador ist von Natur aus gutmütig und versucht, jedem Menschen zu gefallen“, sagt sein Besitzer. Hinzu kommt eine sehr gute Erziehung. „Der bellt nur auf Kommando“, berichtet Finn, einer der Fünftklässler, die Paul in der Pause ausführen. Der Hund kann sogar ein Kunststück. „Man kann ein Bein nach vorn setzen und ‚schwupps‘ rufen, dann läuft er zwischen den Beinen durch“, berichtet Finn stolz. Die Kinder streicheln den Hund gern, ein Kuscheltier ist er jedoch nicht. So wohl sich Paul im Andreanum fühlt - den Trend zu längeren Schultagen mag er nicht. Am Donnerstag, wenn sein Besitzer bis 17 Uhr im Andreanum ist, bleibt der Hund zuhause. „So ein Schultag ist für ihn ganz schön anstrengend“, sagt Trüter, „mittags ist Paul einfach geschafft.“

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