Immer mehr Kinder erkranken

Wenn aus dem Seelenschnupfen eine Depression wird

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Niedergeschlagen und lustlos: Viele Kinder ziehen sich in sich selbst zurück.

Hannover - Noch vor 30 Jahren waren Wissenschaftler der Meinung, dass Kinder nicht depressiv werden. Aber das stimmt nicht. Und mit der erhöhten Aufmerksamkeit steigt zwangsläufig auch die Zahl der Erkrankungen.

Der vierjährige Paul schläft schlecht, isst wenig und sitzt im Kindergarten oft teilnahmslos am Rand, während die anderen spielen. Die zehnjährige Mia kommt traurig aus der Schule, schließt sich stundenlang in ihrem Zimmer ein und hat häufig Bauch- oder Kopfschmerzen. Paul und Mia haben Depressionen.

Allein in Niedersachsen ist die Zahl der schweren Depressionsfälle bei den Zehn- bis 19-Jährigen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, in den vergangenen zwölf Jahren um das Siebenfache gestiegen, wie die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) jetzt bekannt gab. Im Bundesschnitt hat sich die Zahl der stationären Behandlungen versechsfacht. Das Sozialministerium verweist auf einen ähnlichen Trend: Der Anteil derjenigen Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die stationär behandelt wurden, stieg von 2010 bis 2012 von neun auf zwölf Prozent. Mehr als zwei Drittel der Erkrankten sind Mädchen. Hauptgrund für den Anstieg sei vermutlich eine erhöhte Sensibilität, meinen Experten. „Heute ist es kein Makel mehr, wenn jemand an einer Depression erkrankt ist“, sagt DAK-Landeschefin Regina Schulz. Es gebe gute Therapiemöglichkeiten.

Viel Bewegung an der frischen Luft, Sonnenlicht und therapeutische Gespräche könnten Kindern helfen, sagt Burkhard Neuhaus, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der hannoverschen Kinderklinik Auf der Bult. Psychopharmaka würden bei so jungen Patienten nur im Ausnahmefall eingesetzt. Wie erkennt man eine Depression? Hellhörig werden sollten Eltern, wenn Kinder den Spaß am Leben verlören, sagt Neuhaus. Wenn sie wochenlang niedergeschlagen seien oder gar Selbstmordabsichten äußerten, deute dies auf eine Depression. Vorübergehende Stimmungstiefs seien dagegen nicht unbedingt ein Alarmzeichen. Gerade bei Jugendlichen in der Pubertät seien schnelle Stimmungsschwankungen normal, sagt Neuhaus. „Da ist man in einem Augenblick zu Tode betrübt und im nächsten Moment dann wieder himmelhoch jauchzend.“

Auch der Chefarzt der Kinder- und ­Jugendpsychiatrie in der Brandenburger Asklepios-Fachklinik, Ulrich Preuß, weist darauf hin, dass ein „kurzfristiger Seelenschnupfen“ kein Drama ist. Eltern, die ihre Kinder dauerhaft überforderten, aber schon. Freunde seien gut. Eltern, die für ihre Kinder Freund statt Leitfigur sein wollten, dagegen nicht. Wer sich überfordert fühlt, kann seelenkrank werden. Die Gründe dafür können vielfältig sein: Eltern, die Kinder als Gleichrangige behandeln, ihre Wünsche auf den Nachwuchs projizieren (der Vater, der seinen dicklichen Sohn zum Joggen schleppt) oder auch Schulstress.

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