Kinder auf Knastbesuch

„Da werden Männer weich“

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Kleve - Kinder sind mit bestraft, wenn der Papa in den Knast kommt. Bald steht der Weihnachtsbesuch hinter Gittern an. Das ist hart, aber wichtig.

Der Mann leidet. Zuerst versagt ihm die Stimme. Nach einem Räuspern spricht er weiter: Von seinen beiden kleinen Kindern, die er nur noch alle zwei Wochen sieht. Davon, dass er im Gefängnis saß, als sein Sohn vor einem Jahr zur Welt kam. Tränen rollen dem kräftigen Mann dabei über die Wangen. Und er macht gar keinen Versuch, sie zurückzuhalten. Christoph hat als Kurier Drogen über die Grenze gebracht und sitzt deshalb eine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Kleve ab. 14 Monate sind erst rum - von langen sechseinhalb Jahren.

Reiner Rosenberg weiß, wie es hinter der Fassade der harten Kerle aussieht. „Ich erlebe viele Männer, die ganz, ganz weich werden, wenn es um die Kinder geht“, sagt der katholische Gefängnisseelsorger, der selbst drei Kinder hat und dem die Häftlinge vertrauen.

Vor dem Knast gab es dieses normale Familienleben: Frau, Tochter, Christoph arbeitete als Tierpfleger in den Niederlanden. Irgendwann hat er dann angefangen, Drogen mit rüberzubringen. Festnahme, Urteil, Knast - ein "Schock fürs Leben", wie er selbst sagt. Seine Frau war damals schwanger mit dem Jungen. Der jetzt vierjährigen Tochter erzählen die Eltern, dass der Papa arbeiten muss. Sie wollen die Hänseleien später in der Schule vermeiden.

„Ich lebe von Besuch zu Besuch“, sagt der Niederrheiner: Alle zwei Wochen dieses Treffen im „Kinderzimmer“ - immer mit Aufsicht, nie allein. Aber immerhin: Keins von diesen nüchternen, unpersönlichen Besuchszimmern. Die Vätergruppe im Gefängnis hat das „Kinderzimmer“ geplant und umgesetzt: bunte Sessel, Kindertisch und Kinderstühle, die Schatzkiste mit Spielzeug. Wenn man die blickdichten Gardinen zur Seite zieht, guckt man gegen Gitter.

Weihnachten wird Christoph seine Familie sehen. Im Gefängnis. Seine kleine Tochter wird ihn dann wohl wieder fragen, wann er denn nach Hause kommt. „Sie vermisst mich sehr“, sagt der Mann.

„Den meisten Vätern wird klar, dass die Familie die Bestraften sind“, sagt Anstaltsleiter Klaus-Dieter Schweinhagen: Die Kinder leiden, viele verändern sich: Sie verschließen sich, lassen in der Schule nach, werden verhaltensauffällig.

„Kinder haben ein extremes Bedürfnis, mit dem inhaftierten Elternteil zusammen zu sein“, sagt der Sprecher des NRW-Justizministeriums, Peter Marchlewski. Aus diesem Grund förderten die Gefängnisse in Nordrhein-Westfalen den Kontakt der Häftlinge zu ihren Kindern und entwickelten in der Regel eigene Maßnahmen. Das ungewöhnliche „Kinderzimmer“ in Kleve sei eine davon.

Der Kontakt zur Familie spiele bei der Entlassung eine wichtige Rolle. Studien gingen davon aus, dass ein Gefangener mit einem funktionierenden sozialen Umfeld ein deutlich geringeres Rückfallrisiko habe. Wohnung, Arbeitsplatz, Familie und Freunde wirkten sich positiv aus. Das sieht natürlich auch der Klever Anstaltsleiter Schweinhagen, trotz der vielen Überstunden, die dadurch entstehen.

Christoph spricht mit anderen Männern in der Vätergruppe - eine Multi-Kulti-Gruppe: „Man ist froh, dass es einem nicht alleine so geht“, sagt er. Das mache die Situation etwas leichter. Eines weiß er: Er will später nicht mehr rückfällig werden.

Immerhin hat er zwei Ausbildungen: Als Groß- und Außenhandelskaufmann und als Tierpfleger. Abitur möchte er im Gefängnis machen, sagt er und guckt auf die Wand des „Kinderzimmers“, die ein früherer Häftling bemalt hat: Ein See, gesäumt von Bergen, Blumen, Schmetterlingen. Ein Traum von Freiheit.

dpa

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