Gefahr durch Tiere

Wildes Niedersachsen

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Foto: Schafzüchterin Elli Hasselmann hat mehrere Schafe an ein Rudel Wölfe verloren.

Bergen - Wolf, Luchs und Biber sind längst wieder in Niedersachsen angekommen – und das freut nicht jeden. Gibt es Grund zur Besorgnis?

Die Spuren sind eindeutig. „Das sind Bilderbuchabdrücke!“, ruft Jörg-Rüdiger Tilk begeistert. Er beugt sich über die Fährte im feuchten Sand, vermisst mit seinem Zollstock Pfote (neun Zentimeter) und Schrittlänge (1,16 Meter). Drei Wölfe, das überblickt er im Nu, waren hier auf dem Truppenübungsplatz Bergen vor ein paar Stunden im geschnürten Trab unterwegs. Tilk kennt sich aus, er ist Naturschutzfachmann beim Bundesforstamt – und Wolfsberater. Seit die hierzulande 150 Jahre lang ausgestorbenen Wölfe wieder da sind, hat das Land Niedersachsen zusammen mit der Landesjägerschaft und dem Naturschutzbund Nabu mehr als 40 solcher Berater ernannt. Sie sollen die Rückkehr der wilden Tiere dokumentieren. Und die in der Bevölkerung weitverbreiteten Ängste zerstreuen.

Wildnis in Deutschland – die Zeit schien bis kurz vor Ende des vergangenen Jahrhunderts vorbei zu sein. Abgesehen von angestammten Nationalparks wie im Bayerischen Wald, hatten Land- und Forstwirtschaft Äcker, Wiesen und Wälder in ihrem Sinne geordnet und aufgeräumt, Flüsse begradigt und damit die Lebensräume vieler Tiere und Pflanzen gründlich zerstört. Doch gerade noch rechtzeitig gelang es Naturschützern, Alarm zu schlagen und vor dem Aussterben zahlreicher Arten zu warnen. Europaweit wurden daraufhin Biotope angelegt, sodass sich beispielsweise der – von Landwirten wegen seiner zu Überschwemmungen führenden Dammbauten gefürchtete – Biber wieder ausbreiten konnte. Auswilderungsprogramme, wie ab dem Jahr 2000 im Nationalpark Harz für den Luchs, brachten auch große Raubtiere ins Land zurück. Die Wölfe kamen nach der Grenzöffnung im Osten von selbst – aus Polen über die Lausitz bis hinüber nach Niedersachsen, unter anderem ins Wendland und in den Solling.

Zwei Rudel haben auf den Truppenübungsplätzen in der Heide in den vergangenen beiden Jahren ein Zuhause gefunden. Im Norden bei Munster haben Tilk und andere Wolfsberater anhand von Sichtungen, Fotos, Fährten und genetischen Spuren aus Speichel, Blut und Urin ein Elternpaar und insgesamt sieben Welpen, im Süden bei Bergen vermutlich ein Geschwisterpaar mit vier gemeinsamen Jungen nachgewiesen. In dem riesigen unbewohnten Gebiet finden die Tiere beste Bedingungen vor. Dennoch streifen die Rudel gelegentlich auch über Waldwege und Äcker in den angrenzenden Kreisen Uelzen, Heidekreis und Celle, was in den Dörfern Besorgnis hervorruft. Mindestens alle paar Wochen werden Nutztiere gerissen, mal Gehegedamwild, meist Schafe.

Vor vier Monaten wurde Wolfsberater Tilk zur Herde von Elli Hasselmann in Meißendorf (Kreis Celle) dicht am Übungsplatz gerufen. Als er eintraf, hatten sich schon alle fünf Schafhalter aus dem Ort dort versammelt. Die Sache hatte sich in Windeseile herumgesprochen. Eine Nachbarin hatte die Schafsleichen entdeckt. Eine andere erzählte, sie habe nachts um eins die Wölfe heulen gehört. Allen bot sich ein grausiges Bild: Acht Schafe lagen tot auf der Weide verstreut, zwei weitere hatten Verletzungen erlitten, denen sie später erlagen. Tilk war gleich überzeugt: „Das Rudel muss von einem Trecker oder Auto gestört worden sein, Wölfe töten nicht einfach zum Spaß und lassen die Beute dann liegen.“ Für Elli Hasselmann war und ist das kein Trost. Der Schock sitzt der 68-Jährigen noch im Nacken. „Der Wolf tötet mit Kehlbiss“, erinnert sie sich schaudernd. „Eins der Schafe stand mit offener Luftröhre da.“

Förster Tilk hat damals mit Kollegen alles haarklein dokumentiert. Einen ganzen Tag lang haben sie im Dauerregen den Schafen den Pelz abgezogen, Bisswunden vermessen, Speichelproben genommen und ans Forschungsinstitut Senckenberg in Hessen geschickt. Der „Wolfsnachweis“ ist Voraussetzung dafür, dass Elli Hasselmann vom Land für ihre toten Schafe entschädigt wird. Auch für Schutzzäune oder einen Herdenhund können sie und andere Schafhalter Geld aus der Landeskasse beantragen. Sie werde vom Frühjahr an die empfohlenen ­höheren, stromführenden Weidezäune benutzen, sagt die Meißendorferin. Hinzu kommt: Der Wassergraben, der die Schafe auf der einen Seite der Wiese von der Flucht abhält, ist für Wölfe kein Hindernis. Manche Weide benötigt deshalb zusätzliche Zäune. Elli Hasselmann behilft sich zunächst damit, ihre Schafe jeden Abend zum Hof zu holen. „Aber auch da habe ich immer Angst, dass der Wolf kommt“, sagt sie. Naturromantik und Artenvielfalt seien schön und gut, meint die ehemalige Mathematiklehrerin. „Aber auf diese eine Art, den Wolf, kann ich gut verzichten.“ Wie etliche Züchterkollegen hätte sie nichts dagegen, wenn Wölfe wie einst wieder erlegt werden dürften.

Mancher Schaf- oder Damwildhalter hat sich dagegen inzwischen damit abgefunden, dass die Wölfe zurück sind – und nicht nur bleiben, sondern sich auch vermehren werden. Bei Informationsveranstaltungen quer durchs Land klären die Wolfsberater darüber auf. „Wir haben noch Platz für etliche Rudel“, versichert Bundesförster Tilk. Doch überall bekommen Leute wie er auch reichlich Gegenwind. Obwohl die Landesjägerschaft offiziell in das Wolfsprogramm eingebunden ist, sprechen Weidmänner untereinander gern mal vom „Hass auf die Naturschützer“ und prahlen damit, einen Wolf erlegen zu wollen, wenn sie es denn geheim halten könnten. In Leserbriefen warnen vermeintliche Kenner Wanderer vor den Wegen im Wolfsland. Dabei wurde, sagt Tilk, nur mal ein Soldat von Welpen aus Neugier ein Stück verfolgt; im tollwutfreien Deutschland seien Angriffe auf Menschen nicht zu befürchten.

Zu viele Rehe bedrohen mit ihrem Bäume zerstörenden Verbiss die Wälder, meint Friedhart Knolle vom Nationalpark Harz. So freut er sich nicht nur über die Wölfe. Von den vor vierzehn Jahren im Harz ausgewilderten Luchsen kann der Geologe und Naturschützer berichten, dass sie sich mittlerweile bis an die Weser zum Ith und Hils verbreitet haben. Vor allem im Elm gebe es zudem wieder Wildkatzen, denen von Naturschützern angelegte Tunnel und Grünbrücken helfen, selbst Autobahnen zu überwinden und sich die Wälder des nahen Braunschweiger Lands zu erschließen. „Nur so können sie sich mit Wildkatzen anderswo mischen und bleiben die Populationen gesund.“ Von der Elbe her fänden die – inzwischen nicht mehr bejagten – Biber in renaturierte Flussauen zurück. Nicht zuletzt am Ufer der Leine, etwa in Neustadt am Rübenberge und im Süden Hannovers, werden sie und ihre kunstvollen Bauten gesichtet.

Der lange Weg zurück

Der Wolf: In zehn Regionen Niedersachsens sind mittlerweile Wölfe bestätigt. Nachwuchs wurde zuerst auf den Truppenübungsplätzen Munster (2012) und Bergen (2013) nachgewiesen, ein weiteres Rudel lebt im Wendland. Dort, bei Gartow, war 2011 ein erstes Wolfsfoto gelungen. Nachweise gibt es auch aus den Kreisen Celle, Uelzen, Lüneburg, Gifhorn, Cuxhaven und Emsland. gs Der Luchs: Seit dem Jahr 2000 läuft das bei der Nationalparkverwaltung Harz angesiedelte Luchsprojekt. Bis 2006 wurden insgesamt 24 mit Peilsendern versehene Luchse ausgewildert, die dazu beigetragen haben, dass sich die Art wieder in der Harzregion etabliert hat; inzwischen hat sie sich bis ins Weserbergland ausgebreitet. Rund 70 Luchse wurden seit 2002 in freier Wildbahn geboren. gsDer Biber: Er ist das größte europäische Nagetier. Rund 500 Biber sollen nach Angaben des Naturschutzbundes Nabu mittlerweile wieder in Niedersachsen leben. Sie breiten sich von der Elbe und vom Emsland her aus. Doch auch rund um Hannover fühlt sich das hierzulande über Jahrzehnte ausgestorbene Tier wieder wohl: Etwa 50 Biber in 15 Revieren sollen schon in den Leineauen der Region Hannover heimisch geworden sein.gs

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