Niedersachsens Nordseeküste

Windräder vertreiben Urlauber

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Hannover - An Niedersachsens Nordseeküste wird der kräftige Wind besonders gern zur Energiegewinnung genutzt. Für den Tourismus sind Windparks allerdings störend – das hat eine am Mittwoch veröffentlichte Studie der Leibniz-Universität Hannover ergeben.

Die Analyse des Instituts für Wirtschaftsgeografie zeigt, dass sich Windkraftanlagen generell negativ auf den Tourismus im Umland auswirken können – und zwar bis zu 20 Kilometer weit. „An der Küste wiederum weichen Urlauber häufig in direkte Nachbargemeinden aus“, sagt Juniorprofessor Tom Brökel.

Gemeinsam mit Christoph Alfken hat der 37-Jährige über fünf Jahre reichende Statistiken zu Windanlagen und Gästeübernachtungen in Beziehung gesetzt. Frühere Untersuchungen, die sich stets nur auf bestimmte Gegenden bezogen, hätten schon angedeutet, dass mit Windkraftanlagen gespickte Regionen als nicht besonders attraktiv für Touristen gelten. Von einer „Verspargelung“ der Landschaft sei häufig die Rede. Die nunmehr erste umfassende Datenanalyse zum Thema bestätige den negativen Zusammenhang. Allerdings sei der Effekt noch nicht konkret zu spüren, da Niedersachsen wie Deutschland insgesamt steigende Touristenzahlen verzeichne. „Ohne Windkraftanlagen hätten sie aber vielerorts höher sein können“, lautet ein Ergebnis der Studie.

Die Wissenschaftler haben bundesweit die 100 Regionen mit den meisten Windkraftanlagen mit den 100 am wenigsten von Windrädern betroffenen Regionen verglichen – jeweils mit Bezug zu den Übernachtungszahlen in Hotels, in Pensionen ab zehn Gästebetten sowie auf Campingplätzen. Von den 100 windkraftreichsten Regionen Deutschlands, in denen es zugleich auch Gästebetten gibt, liegen 34 in Niedersachsen. Kein anderes Bundesland hat mehr Gemeinden in dieser Liste.

Die Studie mit dem Namen „Gone with the wind“ zeigt, dass küstenferne Regionen besonders unter dem negativen Effekt der Windkraftanlagen zu leiden scheinen, viele Touristen meiden solche Gegenden ganz. In Küstenregionen sei der Zusammenhang komplexer: Dort hielten sich Übernachtungsgäste konkret von Gemeinden fern, die sehr dicht mit Windkraftanlagen besiedelt sind und in denen der Ausbau voranschreitet. Als störend empfänden vor allem Ältere das veränderte Landschaftsbild, meinen die Forscher.

Küstenregionen mit vielen Windrädern sind etwa die Kreise Aurich, Wittmund und Friesland. Mancherorts versucht man die anfängliche Skepsis der Besucher ins Positive zu drehen. Die Gemeinde Wangerland etwa bietet Windparkbesichtigungen an. „Viele Gäste interessieren sich für die erneuerbaren Energien“, sagt eine Sprecherin. Bei der Ausweisung künftiger Anlagen würden nun allerdings der direkte Küstenstreifen und die Haupturlaubsorte ausgespart.

Rainer Müller-Gummels vom Kreis Aurich verweist darauf, dass die Windkraft der Region wirtschaftlich nütze: „Sie ist ein wesentliches Standbein geworden.“ Die Verfasser der Studie empfehlen, Tourismusverbände in Planungen besser einzubeziehen. „Sie sollten ein stärkeres Mitspracherecht haben“, sagt Brökel.

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