Prozess um Organhandelskandal

„Wir nehmen jede Leber“

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Vorbei an der Warteliste: In solchen Styroporbehältern werden lebensrettende Spenderorgane geliefert – in mehreren Kliniken besonders schnell zu bevorzugten Patienten einzelner Ärzte.

Göttingen - In Göttingen beginnt ein Jahr nach dem Organhandelskandal der erste Prozess gegen einen Transplantationsmediziner. Bis Mai sind 42 Verhandlungstage angesetzt.

Die Schwurgerichtskammer eines Landgerichts ist eine Bühne für schaurige Geschichten. Vor zwei Jahren schickte der Göttinger Richter Ralf Günther einen gewissen Jan O. lebenslang in die geschlossene Psychiatrie, weil er zwei Jugendliche in Bodenfelde bestialisch ermordet hatte. Im vergangenen Jahr saß ein Mitglied der sogenannten Schlapphutbande auf der Anklagebank, das in der Göttinger Innenstadt nach einem Bankraub mit einer Maschinenpistole um sich geschossen hatte. „Wie in Chicago“, sagte der Richter bei der Urteilsverkündung.Am heutigen Montag nun wird ein gewisser Aiman O. vor dem Schwurgericht stehen. Die Staatsanwaltschaft wird die ersten 16 Seiten der Anklageschrift verlesen, die restlichen 140 Seiten zu den Akten geben, dann wird Ralf Günther als Vorsitzender Richter dem Angeklagten erstmals das Wort erteilen.

Aiman O., Palästinenser mit israelischem Pass, war bis vor Kurzem ein angesehener Mediziner. Der 46-Jährige leitete die Transplantationschirurgie am Göttinger Universitätsklinikum und rettete Leben. Das ist vorbei. Im vergangenen Jahr wurde Aiman O. entlassen, weil er Krankendaten seiner Patienten manipuliert haben soll. Sein Sturz löste den größten deutschen Transplantationsskandal aus.

Vier weitere Kliniken stehen unter Verdacht, gegen zehn weitere Mediziner, darunter vier in Göttingen, wird ermittelt. Aiman O. ist bislang der einzige, der sich vor Gericht verantworten muss. Der einzige, der seit sechs Monaten in Untersuchungshaft sitzt, weil das Gericht fürchtete, er könnte sich ins Ausland absetzen.

42 Verhandlungstage sind angesetzt, laut vorläufiger Planung bis in den Mai. Sechs medizinische Sachverständige und 30 Zeugen sind geladen. Vorerst. Einen Prozess dieser Art habe es in Göttingen noch nicht gegeben, sagt Gerichtssprecherin Cornelia Marahrens.

Chronik eines Skandals

  1. Juli 2012: Es kommt ans Licht, dass zwei Mediziner der Göttinger Universitätsklinik offenbar im großen Stil Akten gefälscht und die eigenen Patienten beim Empfang von Spenderlebern bevorzugt haben.
  2. August 2012: Der Leitende Oberarzt Aiman O., so wird jetzt bekannt, hat schon von 2004 bis 2006 an der Regensburger Uni-Klinik vor Lebertransplantationen Krankendaten manipuliert.
  3. September/Oktober 2012: Prüfer stellen am Münchener Krankenhaus rechts der Isar Auffälligkeiten bei der Organvergabe fest. Laut Klinik wurden Laborwerte gefälscht, damit Patienten bestimmter Ärzte auf der Warteliste nach oben rutschten und rascher ein Spenderorgan bekamen. Die Staatsanwaltschaft schaltet einen Gutachter ein. Der Chef der Chirurgie klagt gegen seine fristlose Kündigung und darf vorerst weiter operieren. Der Ärztliche Direktor, der wegen mangelnder Aufklärungsarbeit in die Kritik gerät, beantragt im Juni ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst. Bereits 2009 gab es Gerüchte, dass der Leiter der Transplantationsmedizin die Warteliste selbst bestückt. Die Uni-Klinik klagte damals wegen übler Nachrede.
  4. Januar 2013: Am Universitätsklinikum Leipzig werden Manipulationen aufgedeckt. Bei bis zu 37 Leber-Kranken wurde 2010 und 2011 angegeben, dass sie Dialyse-Patient sind, obwohl das gar nicht der Fall war. Der Direktor des Transplantationszentrums sowie zwei Oberärzte werden beurlaubt. Zwei Monate später werden die beiden Oberärzte entlassen. Im Juni leitet die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Totschlag und Körperverletzung gegen alle drei Mediziner ein.
  5. Januar 2013: Wegen Körperverletzung und versuchten Totschlags erlässt das Amtsgericht Braunschweig Haftbefehl gegen den früheren leitenden Transplantationsarzt der Göttinger Universitätsmedizin. Er wird festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft.
  6. Mai 2013: Das Münchener Klinikum und das Transplantationszentrum in Erlangen dürfen nach dem Willen der bayerischen Landesregierung künftig keine Lebern mehr verpflanzen. Strukturelle Veränderungen sollen neues Vertrauen schaffen, heißt es.
  7. Mai 2013: Die Fraktionen im Bundestag einigen sich auf eine Gesetzesänderung: Richtlinien der Bundesärztekammer zur Organentnahme sollen künftig vom Bundesgesundheitsministerium genehmigt werden müssen.
  8. Juni 2013: Nach dem Willen des Bundestages sollen Betrügereien schärfer geahndet werden. Eine von allen Fraktionen getragene Änderung des Transplantationsgesetzes sieht bei Verstößen Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren oder Geldstrafen vor.

gst

Aiman O. werden drei Fälle von Körperverletzung mit Todesfolge und versuchter Totschlag in elf Fällen vorgeworfen. Die meisten der Toten sind namenlos. Sie warteten auf eine Spenderleber, aber erlagen ihrem Leiden, bevor das rettende Organ zur Verfügung stand. Wären sie noch am Leben, wenn Aiman O. seine Patienten nicht an ihnen vorbei auf die vorderen Plätze der Warteliste geschummelt hätte? Der Nachweis wird das Gericht vor eine schwere Aufgabe stellen.

Monatelang arbeiteten sich mehr als ein Dutzend Beamte der Staatsanwaltschaft Braunschweig durch Patientenunterlagen. Die Prozessakten füllen 35 Umzugskartons. Aiman O. soll bei der Vermittlungsstelle für Spenderorgane wahrheitswidrig angegeben haben, dass seine Patienten zwei Wochen vor der Anmeldung zweimal bei der Dialyse waren. Eine Nierenschädigung verstärkt automatisch die Dringlichkeit einer Transplantation. O. veränderte angeblich Blutwerte und missachtete die Richtlinien der Bundesärztekammer, wonach nur Leberkranke, die seit sechs Monaten keinen Alkohol mehr getrunken haben, ein Spenderorgan erhalten dürfen.

Drei Patienten starben zudem nach einer Transplantation; die Anklage sagt, dass alle drei die kostbaren Organe bekommen haben, obwohl sie viel zu krank waren. Sie sollen Organe bekommen haben, die den ursprünglich dafür vorgesehenen Patienten nicht implantiert werden konnten und deshalb den Leberzentren zur freien Verfügung angeboten wurden. In den Akten soll sich die Aussage eines Zeugen befinden, der sinngemäß eine Anweisung des Angeklagten zitiert: „Wir nehmen jede Leber.“

Alle Fälle ereigneten sich zwischen 2009 und 2011. Dann hat ein anonymer Anrufer auf dem Anrufbeantworter der Deutschen Stiftung Organtransplantation in Frankfurt einen Tipp hinterlassen. Man sollte sich mal das Transplantationszentrum in Göttingen anschauen; dort würde mit Organen gehandelt; der Name eines Moskauer Patienten wurde genannt. Drei Monate später wurde Aiman O. vom Dienst suspendiert.

Eine vielversprechende Karriere endete abrupt. Begonnen hatte sie in Hannover. 1995 kam Aiman O. nach dem Studium in Münster als Arzt im Praktikum an die Medizinische Hochschule Hannover. Sein Lehrer wurde der renommierte Transplantationschirurg Rudolf Pichlmayr, der 1997 tödlich verunglückte. Bei Pichlmayr lernte Aiman O. auch den damaligen Oberarzt Hans Schlitt kennen, dem er 2003 ans Transplantationszentrum der Uni-Klinik Regensburg folgte.

Fünf Jahre blieb O. in Bayern. Es heißt, er sei oft in den Nahen Osten gereist, um eine Leber zu transplantieren. Deutschen Kollegen vermittelte er angeblich lukrative Operationstermine in arabischen Kliniken. Die Regensburger Uni-Klinik vereinbarte eine sogenannte „Lebertransplantations-Kooperation“ mit dem Jordan Hospital in Amman, auf die die bayerische Staatsregierung recht stolz war.

2005 ereignete sich allerdings ein Vorfall, der das Renommee des jungen Arztes eintrübte. Aiman O. hatte eine Leber, die laut formeller Anmeldung für eine Patientin in Regensburg vorgesehen war, in Amman transplantiert. Staatsanwaltschaft und Bundesärztekammer ermittelten ein Jahr lang, um am Ende festzustellen, dass kein „strafrechtlich relevantes Vorgehen“ vorlag. Auch ordnungsrechtlich blieb der Verstoß gegen die Richtlinien folgenlos.

Wurde weggeschaut? Nach den Göttinger Vorfällen wollte man sich das in Regensburg nicht nachsagen lassen. Eine interne Kontrolle ergab, dass O. offenbar bereits in Regensburg begonnen hatte, seinen Patienten bevorzugt Spenderlebern zu beschaffen. Etwa 40 Verdachtsfälle werden noch geprüft. Hans Schlitt, Direktor der Chirurgie, wurde beurlaubt.

Im Schwurgerichtssaal in Göttingen wird es auch um Motive gehen. Geld scheidet im Fall von Aiman O. wohl aus. Zwar transplantierte er überall mehr Spenderorgane als seine Vorgänger, im Jahr 2009 waren es 58 Lebern. Und ab der 21. Operation stand ihm laut Arbeitsvertrag ein Bonus von 1500 Euro pro Patient zu. Damit aber schafft man keine Reichtümer.

Der Göttinger Anwalt des Angeklagten, Steffen Stern, mag sich vorab öffentlich nicht äußern. Aber er ist überzeugt, dass man seinen Mandanten nicht belangen kann, weil es keine Gesetze gebe, gegen die er verstoßen habe. Ruth Rissing-van-Saan, frühere Richterin am Bundesgerichtshof und ehrenamtliche Sonderprüferin bei der Bundesärztekammer, räumt ein, dass man juristisches Neuland betrete. Sie begrüßt den Prozess ausdrücklich. „Es ist außerordentlich wichtig, dass juristisch geklärt wird, dass auch Ärzte unter dem Verdikt des Strafgesetzbuches stehen.“ Einen eigenen Straftatbestand gebe es nicht, weil sich bislang niemand habe vorstellen können, dass Ärzte Krankendaten bewusst manipulieren, „also nicht nur fahrlässig, sondern systematisch“. Das sei nicht zu tolerieren und müsse geahndet werden, sagt die Juristin.

Im vergangenen Jahr versprach die Bundesärztekammer den Skandal rigoros aufzuarbeiten, ohne Heimlichtuereien. Ein Jahr lang hat die Prüfungskommission der Kammer alle 24 Lebertransplantationszentren unter die Lupe genommen. Anfang September sollen die Ergebnisse vorgestellt werden. Der Termin wurde schon mehrmals verschoben.

Dabei wird es Zeit für einen Schlussstrich. Denn der Skandal kostet Leben. Die Spenderzahlen sind dramatisch eingebrochen. 2012 spendeten nur noch 1046 Menschen nach ihrem Tod Organe – der niedrigste Stand seit zehn Jahren. Rund 11.000 Kranke warten auf ein Organ. Am heutigen Montag will Gesundheitsminister Daniel Bahr noch einmal um Vertrauen und für die Organspende werben. Den Prozessauftakt wird er nicht kommentieren. Der Respekt vor dem Gericht gebiete dies, teilt das Ministerium mit.

(mit: Jürgen Gückel)

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