Diskussion um Straßennamen

„Wir sollten vorsichtig über Kopf urteilen“

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Erster Ministerpräsident Niedersachsens: Hinrich Wilhelm Kopf.

Hannover - Neue Der frühere Bundesverfassungsrichter Ernst Gottfried Mahrenholz lehnt neue Namen für Straßen ab, die nach dem ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf benannt sind.

Herr Prof. Mahrenholz, Sie haben 1960 für Hinrich Wilhelm Kopf als persönlicher Referent gearbeitet. Sind Sie von den neuen Erkenntnissen, die jetzt über ihn präsentiert wurden, überrascht worden? Ja. Ich wusste nur von Kopfs Tätigkeit als Grundstücksmakler in Berlin und von seiner Flucht aus Schlesien.

Wie haben Sie Kopf erlebt? Hat er seine Rolle im Nationalsozialismus verharmlost, verdrängt oder hat er sich im kleinen Kreise offen dazu bekannt? Nichts von alledem. Er hat sichtbar unter seinen Eindrücken der NS-Zeit gestanden; die Ansprachen zu den Landtagseröffnungen 1945 waren an der Wahrung der Menschenrechte und der Menschenwürde ausgerichtet. Sie bestimmte seine Haltung als Gnadenherr: Er hat jeden zum Tode Verurteilten begnadigt. „Aus Respekt vor dem menschlichen Leben“, wie er mir sagte. Darin war er der einzige Ministerpräsident, bevor das Grundgesetz 1949 die Todesstrafe verbot.

Wie beurteilen Sie das Gutachten der Historischen Kommission zu Kopf? War er als Chef einer Firma, die jüdisches Eigentum verkaufte, gewinnsüchtig? Die Empfehlungen der Historischen Kommission beruhen auf der in der Tatsachenerhebung gründlichen Dissertation von Teresa Nentwig. In Berlin kümmerte sich Kopf - wie Juden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 aussagten - um Juden, gewährte ihnen Schutz beim Pogrom. Ein Jude setzte ihn 1938 sogar als Testamentsvollstrecker ein. Kopf hat in der Zeit gut verdient, auch an unausweichlichen Arisierungsgeschäften, an denen seine Firma beteiligt war. Sein Verdienst entstand offensichtlich, wie nach 1939 in Königshütte, aus „Provisionen und Gebühren“. Nach 1939 arbeitete Kopf in Königshütte und in Loben. In einem Zeugnis tadelte ihn ein Vorgesetzter dafür, dass sein Verhältnis zum SD (Sicherheitsdienst) besser werden müsse. Der Offizial eines Ordens, wie Kopf in Loben tätig, berichtete 1948 an die britische Militärregierung, Kopf sei nach dem Zeugnis von Polen und Deutschen ein „feiner, charaktervoller und gerechter Mensch“. Der Geistliche hob hervor, er habe sich damit nach dem Urteil der Bevölkerung weit oberhalb der übrigen deutschen Beamten bewegt. Negative Zeugnisse über Kopfs Verhalten in Schlesien gab es offenbar nicht.

Kopf wird vorgehalten, den Landtag belogen zu haben, als die Polen seine Auslieferungen forderten und das mit seinem Wirken vor 1945 begründeten. Polen hat 1948 seine Auslieferung verlangt. Der zeitliche Zusammenhang zwischen seinen Äußerungen im Landtag über seine frühere Tätigkeit und Polens Begehren legt eine vorsichtige Bewertung seiner Rolle nahe. Die Historische Kommission meint, Kopf habe 1948 den Landtag belogen, er habe verharmlost und beschönigt. Diese Bewertung halte ich für plakativ und einseitig.

Wie beurteilen Sie den Vorwurf, Kopf habe einen jüdischen Friedhof nach dem Abtransport der Juden zerstören und die Grabsteine für den Straßenbau verwenden lassen? Der Vorwurf ist berechtigt. Hauptsächlich wegen dieses Sakrilegs, das Kopf offenbar durch monatelanges Zögern zu umgehen versucht hat, sieht die Historische Kommission eine grobe Missachtung von Gerechtigkeit und Menschenwürde. Hinzuzufügen bleibt freilich, dass Gleiches sich in Niedersachsen in den sechziger Jahren ereignet und kein Landkreis, kein Abgeordneter und kein Regierungspräsident daran Interesse gehabt hat, dieses Sakrileg zu verhindern. Im Unterschied zu dieser Haltung hätte Kopf wohl den Friedhof nicht retten können. Welcher Friedhofsfrevel wem vorwerfbar ist, scheint mir klar.

Sind Sie der Meinung, dass die nach Kopf benannten Schulen, Straßen und Plätze umbenannt werden sollten? Die Historische Kommission rechtfertigt es, trotz aller Bedenken an den Namen der nach Kopf benannten Straßen, Plätze und Schulen festzuhalten. Ich stimme dem zu. Die Maßstäbe der Kommission können die Debatte über Umbenennungen bestimmen, wenn die Tatsachengrundlage nach Pro und Kontra im Auge behalten wird. Was die Benennung des Platzes vor dem niedersächsischen Landtag betrifft, so scheint mir die Frage berechtigt, ob nicht gerade dieser Platz seinen Namen behalten sollte.

Zur Person

Ernst Gottfried Mahrenholz (SPD) war 1960 als 30-Jähriger persönlicher Referent von Kopf. 1965 wurde er Direktor des NDR-Funkhauses in Hannover, 1970 Chef der niedersächsischen Staatskanzlei und von 1974 bis 1976 war er Kultusminister. Später wechselte er zum Bundesverfasssungsgericht und war dort bis zur Pensionierung 1994 Vizepräsident. Er wirbt für eine differenzierte Beurteilung der Rolle von Hinrich Wilhelm Kopf.

Interview: Klaus Wallbaum

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