Eine Region rutscht ab

Und was wird aus uns?

Foto: „Heute sind wir hier die Letzten, die noch selbst produzieren“: Fleischer Walter Bellgarth vor seinem Geschäft in Seesen. Es gab einmal elf Schlachtereien im Ort.

Seesen - Heinz, das Chemieunternehmen H.C. Starck, der Autozulieferer Mann + Hummel: Im Harz entlassen Firmen Hunderte Mitarbeiter – und beschleunigen damit den Abwärtstrend.

Er würde durchhalten, da war sich Rüdiger Starke sehr sicher. Ein ganzes Arbeitsleben in einem einzigen Betrieb: Hier kann das noch gelingen, dachte er. Vor 40 Jahren hat Rüdiger Starke als Kaufmannslehrling angefangen. Sonnen Bassermann hieß die Firma damals noch.

Jetzt ist er 58. In seiner weißen Arbeitsjacke steht Starke vor dem Werkstor. Auf der Brust ist das Heinz-Logo aufgestickt, darunter steht sein Name. Seit einigen Tagen weiß er, dass seine Hoffnung trog. „Das Ende hat hier alle kalt erwischt.“

Rüdiger Starke ist einer von 190 Männern und Frauen, die hier demnächst ihre Arbeit verlieren. Bis zum 31. Mai kochen die Mitarbeiter des Heinz-Werks in Seesen noch Fertiggerichte. Dann ist Schluss. Für immer. Und als sei dies allein noch nicht schlimm genug, rollt im Moment eine regelrechte Entlassungswelle durch die ohnehin gebeutelte Region. In Goslar kündigen das Chemieunternehmen H. C. Starck und der Automobilzulieferer Mann+Hummel auch noch jeweils 70 Angestellten. Dazu droht bei einem Unternehmen in Bad Harzburg weiteren 50 bis 60 Menschen die Entlassung. Getroffen wurden diese Entscheidungen in den Zentralen globaler Konzerne weit entfernt von hier. Die Auswirkungen jedoch werden sich ganz lokal zeigen. Bald schon könnte Goslar der Landkreis mit der höchsten Arbeitslosenquote in ganz Niedersachsen sein - und damit sogar Lüchow-Dannenberg mit seinen 11,7 Prozent übertreffen. „Die Entlassungen“, sagt Landrat Thomas Brych von der SPD, „treffen den Landkreis Goslar hart.“

Am stärksten wird wohl Seesen leiden. Die Geschichte der kleinen Stadt am Harzrand liest sich in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin wie eine Chronik der Verluste. Da waren die Konservenhersteller Züchner und Schmalbach, die zusammen mehr als 1000 Menschen beschäftigten - und jetzt nur noch einen Bruchteil. Bei Sonnen Bassermann waren es zu besten Zeiten, lange vor der Übernahme durch den Weltkonzern Heinz im Jahr 1999, mal mehr als 1500. Jetzt verschwinden auch die letzten knapp 200 Arbeitsplätze. Der Fleischer Walter Bellgarth weiß, was das bedeutet. „Ganz sicher wird das jetzt für alle noch schwieriger.“

Bellgarth ist Fleischer in dritter Generation, sein Geschäft liegt am Rande des Zentrums, in einem Fachwerkhaus mit schiefen Wänden aus dem 18. Jahrhundert. Heute im Angebot: Schwärchenwurst, eine hiesige Variante des hannoverschen Pfannenschlags, so besagt es das Klappschild vor dem Geschäft. Walter Bellgarth, 60, ist hier aufgewachsen, zwischen Ladentheke, Wurstkesseln und Rauchöfen. Damals gab es in Seesen noch elf Fleischereien. „Heute sind wir die Letzten, die noch selbst produzieren.“

Bellgarth betont, er wolle nicht klagen. Wenn sie Grillfleisch möchten oder Weihnachten vor der Tür steht, dann erinnerten sich die Menschen, dass es noch einen Fleischer gibt, erzählt er. Im Moment übernimmt die vierte Generation das Geschäft. Was ihm wirklich Sorgen bereitet, zeigt er bei einem Gang durch sein Viertel, rund um die Lange Straße. „Gucken Sie, da!“, sagt Bellgarth immer, wenn man an einem leeren Geschäft vorbeikommt. Er sagt den Satz sehr oft. Wo früher das Spielwarengeschäft war oder das Obstgeschäft, das Trachtengeschäft Krugmann, die Rats-Apotheke: Überall Leere hinter stumpfen, schmutzigen Scheiben. „Fürchterlicher Anblick“, sagt Bellgarth jedes Mal. Es ist, als empfände er jedes Mal geradezu körperlichen Schmerz. Wenn ein Geschäft vermietet ist, dann an die AOK oder die Lebenshilfe. „Die Politik müsste mehr tun“, sagt er. Aus Bellgarths Hilferuf spricht Verzweiflung.

„Die Politik“, das ist in Seesen zum Beispiel Werner Mroz. Wobei der durchtrainierte 62-Jährige als Stadtratsmitglied nicht nur Teil der Politik-, sondern auch der Sport- und der Geschäftswelt ist: Der ehemalige Fußballer und Niedersachsen-Meister im Bodybuilding ist auch Vorsitzender des Sportvereins und Inhaber eines Fitnessstudios. Als er in den siebziger Jahren der Liebe wegen nach Goslar kam, „da hat es hier gebrummt“.

Doch so engagiert sie im Verein auch die Jugendarbeit betreiben und so intensiv sie ihre Gewerbeflächen in ganz Deutschland anpreisen: Mroz, den in Seesen jeder „Acky“ nennt, kann an den Zeichen des Niedergangs nicht vorbeisehen. Statt 800 Vereinsmitglieder vor zehn Jahren sind es jetzt noch 540. Für die Flächen gibt es keine Käufer. Die leeren Geschäfte? „Wir können ja nur die Rahmenbedingungen schaffen“, sagt er. Mroz verfolgt privat sein eigenes Rezept gegen die Krise hier: „Ich lebe in Seesen, also kaufe ich auch hier.“ Aber es scheint, als werde er damit allmählich Teil einer Minderheit.

Seesen und den Kreis plagen die gleichen Probleme wie viele andere ländliche Gebiete im Harz und in ganz Niedersachsen. Überalterung, Abwanderung, Leerstand. Nun drohen die Firmenschließungen wie ein Beschleuniger zu wirken. 137 000 Menschen leben derzeit noch im Landkreis Goslar. Im Jahr 2030 werden es nach den Prognosen nur noch 110 000 sein. Gut möglich, dass sie diese Zahl nun korrigieren müssen.

Allein kann die Gegend diesen Wandel nicht bewältigen, befürchtet auch Landrat Brych. Er hofft auf Hilfe von außen: Eine Verbesserung könne nur gemeinsam mit Land und Bund gelingen.

Der Heinz-Mitarbeiter Starke kann so lange nicht warten. Als Betriebsrat muss er nun einen Sozialplan für die Mitarbeiter aushandeln. Die Jüngeren, prophezeit er, würden mit etwas Glück Jobs in anderen Städten finden. Für die Älteren, wie ihn, sehe es schlecht aus. Dann eilt er zurück ins Werk, zur nächsten Besprechung. „Aber um mich“, fügt er noch hinzu, „geht es im Moment am allerwenigsten.“

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