Nordwesten Niedersachsens

Wohin wandert der Wolf als nächstes?

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Foto: Ganz nah dran: Christian Berkenbrink hat den Wolf in Achternmeer aus seinem Auto heraus fotografiert. Hinter dem Zaun befinden sich die Schule und die Kita des Ortes.

Wardenburg - Seit einer Woche spaziert ein Wolf durch den Nordwesten Niedersachsens. Wildeshausen, Großenkneten, Wardenburg, Garrel, Gemeinde Emstek. Er stolziert durch Wohngebiete, trifft auf Hundehalter – die Nähe zu Menschen scheint ihn nicht zu stören. Damit ist das Tier im Alltag vieler Menschen angekommen.

Das Pferd scheut. Und blickt immer in eine Richtung, hinten auf dem Feld. Als Pferdehalter Torsten Witte in dieselbe Richtung schaut, entdeckt er ihn: den Wolf. „Das Tier spazierte etwa 60 Meter entfernt über das Maisfeld“, erzählt er. Als sich das Raubtier in Richtung Kindergarten und Schule bewegt, geht Witte in die beiden Einrichtungen und warnt deren Leiter. Dann kümmert er sich wieder um seine Pferde: „Die hatten panische Angst.“

Seit einer Woche spaziert ein Wolf durch den Nordwesten Niedersachsens. Wildeshausen, Großenkneten, Wardenburg, Garrel, Gemeinde Emstek. Er stolziert durch Wohngebiete, trifft auf Hundehalter – die Nähe zu Menschen scheint ihn nicht zu stören. Deswegen attestieren ihm Experten ein atypisches Verhalten, denn Wölfe gelten als menschenscheu. Die Tournee des Tiers, die am Sonntagabend in Wildeshausen begann und es seitdem mindestens durch die Landkreise Oldenburg und Cloppenburg führt, hat die Debatte um das Zusammenleben von Wolf und Mensch neu entfacht.

Torsten Witte hat den Wolf in der Nähe seiner Weide gesehen.

Quelle: Krajinovic

Sein untypisches Verhalten hat der „Wolf von Wildeshausen“ am Montagvormittag auch im Wardenburger Ortsteil Achternmeer gezeigt. Torsten Wittes Pferdehof liegt in einem Wohngebiet. Einfamilienhaus reiht sich an Einfamilienhaus, Grundschule, Kindergarten und viel Natur grenzen an. „Wenn Wölfe Menschen aus dem Weg gehen, kann man sich ja mit ihnen arrangieren“, sagt Witte. Aber wenn einer kein typisches Wolfsverhalten zeige, dann werde es schwierig. Der Wardenburger hat seine eigene Theorie. „Ich denke, dass dieser Wolf in einem Gehege und nicht in freier Natur aufgewachsen ist.“ Deshalb zeige er sich so wenig menschenscheu. „Wir brauchen jetzt möglichst schnell eine DNA von dem Tier, um festzustellen, woher es kommt.“

Die DNA hätte auch das niedersächsische Umweltministerium gern. Es hat auf die Besuche des Raubtiers in Einfamilienhaussiedlungen reagiert und genehmigt, den Wolf zu betäuben und einzufangen. Dann soll er mit einem Sender ausgestattet werden, um ihn später orten zu können, und wieder freigelassen werden. Mit Gummigeschossen will das Ministerium dem Tier dann klarmachen, dass das Betreten von Wohnsiedlungen nicht zum Standardverhalten eines wilden Wolfs gehört. „Vergrämen“ nennt das der Fachmann. Im schlimmsten Fall, sagt Staatssekretärin Almut Kottwitz, dürfe er sogar geschossen werden.

Das Vergrämen mit Gummigeschossen, das Zufügen von Schmerz, nennt Torsten Witte Tierquälerei. „Entweder dieser Wolf mit seinem besonderen Verhalten wird betäubt und in ein Gehege gebracht, oder er muss eingeschläfert werden“, findet Witte. Seine Mutter Christa hat vor allem einen Gedanken: „Hoffentlich nimmt er sich kein Kind.“

Die Sorge um die Kinder schwingt auch vor der Grundschule von Achternmeer mit. „Ich selbst fürchte den Wolf nicht“, sagt Karin Sprengel. „Aber niemand weiß, wie er sich verhält, wenn er auf Kinder trifft.“ Sie will auf keinen Fall in Panik verfallen, aber „die Lehrer sollen das schon im Unterricht thematisieren“.

Karin Sprengel fragt sich, was passiert, „wenn der Wolf auf Kinder trifft“.

Quelle: Krajinovic

Im Stuhlkreis habe der Wolf bereits eine Rolle gespielt, erzählt ihr Enkelsohn Torben. Und sein Freund Luca ergänzt: „Wölfe fressen ja keine Menschen, nur Kinder ... äääh ... Tiere.“ Der Zweitklässler lacht über seinen niedlichen Versprecher. Die beiden Jungen wissen, wie man sich verhalten soll, wenn man auf einen Wolf trifft: „Man muss ruhig bleiben.“ Zudem wird empfohlen, in die Hände zu klatschen und sich langsam zurückzuziehen.

Auch in der Nähe der Kita in Achternmeer war das Tier.

Quelle: Krajinovic

Auch Anne Sobing-Appeldorn denkt an Kinder, wenn sie über den Wolf redet. Sie leitet die Kindertagesstätte von Achternmeer, 135 Jungen und Mädchen werden dort betreut. Als Pferdehalter Torsten Witte am Montagvormittag zu ihr kam, um ihr vom Wolf in der Nähe der Kita zu berichten, musste sie schnell eine Entscheidung fällen. „Wir haben sofort alle Kinder ins Gebäude geholt“, sagt sie. Aber bereits nach einer Stunde habe sie entschieden, dass alle wieder raus dürfen. „Wir fühlen uns hier sicher“, sagt Sobing-Appeldorn. Doch nicht alle sehen das so. „Mich hat gerade eine sehr aufgelöste Großmutter eines unserer Kinder angerufen. Sie hat mich aufgefordert, die Kinder nicht mehr draußen spielen zu lassen“, sagt die Kita-Leiterin. Panik auf der einen Seite, Gelassenheit auf der anderen. Ein Patentrezept gibt es nicht. Die Situation sei für alle neu, sagt auch Staatssekretärin Kottwitz.

Aber der „Wolf von Wildeshausen“ ist nicht das einzige Tier, das momentan auf Menschen trifft: Ein Exemplar der rund 50 Wölfe des Landes soll am Donnerstag zwischen Pollhagen und Wölpinghausen im Landkreis Schaumburg gesichtet worden sein. Ebenfalls am Donnerstag tauchte ein Wolf zwischen Grafeld (Landkreis Osnabrück) und Herzlake (Landkreis Emsland) auf. Dass es sich bei diesem um den „Wolf von Wildeshausen“ handelt, bleibt Spekulation. Eines aber steht fest: Die Wölfe marschieren in diesen Tagen ins Bewusstsein der Niedersachsen.

Auch Marcus Greiser beschäftigt das Tier. Er lebt in der Siedlung in Wildeshausen, durch die der Wolf am Sonntag spaziert ist. „Man muss dem Wolf ohne Panik, aber mit Vorsicht begegnen“, sagt der Vater einer zweijährigen Tochter. Zwei Straßen weiter wohnt Georg Wilkens. „Ich habe nichts gegen den Wolf, aber man sollte ihn da ansiedeln, wo er hingehört. Etwa in der Lüneburger Heide und nicht in Gebieten mit Wohnsiedlungen“, sagt er. „Wichtig ist außerdem, dass die Bevölkerung über den Wolf aufgeklärt wird. Mich stört nicht der Wolf, sondern dass er auf die leichte Schulter genommen wird.“

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