Prozess gegen SS-Mann

Wollte Gröning gar nicht weg aus Auschwitz?

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„Ich bin zum Leben verurteilt“: Eva Pusztai-Fahidi legt Zeugnis in Lüneburg ab.

Lüneburg - Im Lüneburger Auschwitz-Prozess bezweifeln Historiker die Angaben des Angeklagten Oskar Gröning. Sie halten es für unwahrscheinlich, dass der 93-jährige frühere SS-Unterscharführer tatsächlich Versetzungsgesuche aus Auschwitz gestellt hat.

Lüneburg. Das Gepäck war das Wenigste, was sie kümmerte. Als Eva Pusztai-Fahidi im Mai 1944 an der Rampe in Auschwitz-Birkenau ankam, eine junge Frau von 18 Jahren, hatte sie drei Tage und Nächte in einem Viehwaggon hinter sich, zusammengepfercht mit mehr als 80 Menschen, in Hitze und Enge mit nichts als einem Eimer Wasser für alle. Dann werden die Türen des Waggons geöffnet, und der Gestank von verbrannten Menschen schlägt ihr entgegen. Was kümmerte sie da noch ihre Tasche? „Du kannst alles wiederbeschaffen“, sagt sie. „Das Einzige, was du nicht wiederbeschaffen kannst, ist das Leben.“

Aber genau um die Taschen und Koffer geht es jetzt, im Auschwitz-Prozess in Lüneburg gegen den 93-jährigen Oskar Gröning, den „Buchhalter von Auschwitz“. Um die Taschen und darum, wer was mit ihnen machte. Das ist das Neue und Bedeutsame an diesem Prozess, der in der vergangenen Woche begann: dass sich die Justiz nun endlich auch für die kleinen Rädchen in der Mordmaschinerie des Vernichtungslagers interessiert. Aber das ist eben auch ein Teil des Problems. Denn natürlich weiß Eva Pusztai-Fahidi nicht, wer vor 71 Jahren was mit ihrer Tasche machte.

„Zum Leben verurteilt“

Es ist der vierte Tag dieses Prozesses, in dem sich Gröning für den gewaltigen Vorwurf der Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen verantworten muss, und was diese 89-jährige, feingliedrige Dame über das Vernichtungslager Birkenau erzählt, ist wohl das Ergreifendste, was bisher in dieser Verhandlung zu hören war. Was vielleicht auch an ihrer Sprache liegt, diesem alten österreichisch-ungarischem Deutsch, dessen Kultiviertheit in so krassem Gegensatz zu den Gräueln steht, von denen sie erzählt. „Der zweite Kübel sollte die Toilette repräsentieren“, sagt sie zum Beispiel über die Zustände im Viehwaggon. Oder über das Getto, in dem sie vor Auschwitz mit ihrer Familie interniert war: „Wir hatten ein wunderschönes Zimmer von 40 Quadratmetern. Der Schönheitsfehler war nur, dass wir zu zehnt darin leben mussten.“ Oder über den ersten Appell in Auschwitz: „Wir waren wohlerzogene, verwöhnte Mädchen und standen da kahlgeschoren und splitternackt.“

Eva Pusztai-Fahidis gesamte Familie wurde in Auschwitz ermordet. Sie selbst sei „zum Leben verurteilt“, sagt sie.

Wie oft hat Gröning an der Rampe Dienst getan?

Die alte Dame aus Budapest ist eine von 50 Nebenklägern, Angehörige von Opfern, die diesen Prozess begleiten. Ihn zu erleben, zu unterstützen, erfüllt sie mit Genugtuung: „Es wäre mir nie eingefallen, dass ich das alles einmal aussagen kann vor einem deutschen ­Gericht.“ Ein solcher Prozess wäre wohl kaum denkbar ohne die Stimme der ­Opfer. Das Gericht lässt ihnen viel Raum, die Nachfragen sind behutsam. Aber zur Wahrheit dieses Prozesses gehört wohl auch, dass all diese Schilderungen das Strafverfahren allenfalls in sehr kleinen Schritten voranbringen können.

Wie oft hat Gröning an der Rampe Dienst getan? Hat er tatsächlich mit dafür gesorgt, die Rampe von Gepäck zu räumen, damit die neu ankommenden Juden keinen Verdacht schöpften? Damit also keine Panik aufkam, die die ­Tötungsmaschinerie, die im Frühsommer 1944 an der Grenze ihrer mörderischen Kapazitäten lief, gestört hätte? Das sind die entscheidenden Fragen. Auf sie gibt es bislang keine eindeutigen Antworten.

Gröning ist ein Fall mit Graustufen. Er hat über Auschwitz geredet, sogar so viel, dass ihn der Vorsitzende Richter gelegentlich bremsen musste. Er hat eine „moralische Mitschuld“ eingeräumt, hat von Reue und Demut gesprochen. Das ist die eine Seite.

Historiker bezweifeln Aussagen des Angeklagten

Zur anderen Seite gehören sein Selbstmitleid („Ich war doch nur ein armer kleiner SS-Unteroffizier“), sein Einverständnis mit dem Zweck von Auschwitz („Nicht das Töten, sondern die Schrecklichkeiten dieses Tuns haben mich durcheinander gebracht“), sein Mangel an Mitgefühl („Häftlinge wurden entsorgt“). Sein Reuebekenntnis hingegen klang arg pflichtschuldig.

Gröning hat eingeräumt, dreimal an der Rampe Dienst gehabt zu haben. Das ist, gemessen an den Dimensionen des Holocausts, nicht viel. Andererseits: Müsste nicht sogar der kleinste Beitrag reichen? Ein Nebenklageanwalt, der Münchner Christoph Rückel, hält sogar eine Verurteilung wegen Mittäterschaft, nicht nur wegen Beihilfe, für möglich.

Es sind jedoch nicht die Zeitzeugen, sondern die Historiker, die Grönings Aussagen zum ersten Mal erschüttern. Der 93-Jährige hatte behauptet, er habe dreimal vergeblich um Versetzung aus Auschwitz gebeten, weil ihn die Gewaltexzesse der SS schockiert hätten. Genau das scheint ein Dokument aus Auschwitz jedoch zu widerlegen. Darin wird Gröning im Dezember 1943 als „abkömmlich“ bezeichnet. Hätte er um Versetzung gebeten, wäre dem stattgegeben worden, folgert Frank Bajor vom Münchner Institut für Zeitgeschichte. Offenbar wollte Gröning gar nicht weg.

Eva Pusztai-Fahidi hat ohnehin ihre eigene Theorie, wie aus ganz normalen Menschen die SS-Männer von Auschwitz werden konnten. „Von den Eltern sollte man mit fünf Jahren lernen, was gut ist und was schlimm“, sagt sie. „Die hier müssen etwas ganz anderes erlernt haben.“

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