Kein klarer Fall

Wurde Emma tatsächlich vergewaltigt?

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Vorkämpferin oder Lügnerin? Emma Sulkowicz, unterwegs mit ihrer Matratze.

New York - Mit der Aktion „Carry that Weight“, bei der sie ihre Matratze überall hin mitnahm, prangerte Kunststudentin prangert Emma Sulkowicz an, an einer US-Universität vergewaltigt zu sein. Das Leben des Beschuldigten ist zerstört - er verlor Job und Wohnheimplatz. Jetzt aber kommen Zweifel an der Vergewaltigung auf.

Eigentlich ist die Abschlusszeremonie ein Höhepunkt des akademischen Jahres an amerikanischen Colleges, insbesondere an Eliteschulen wie der New Yorker Columbia-Universität. Doch in diesem Jahr hing über dem Ritual eine nervöse Anspannung. Unter den Absolventen der Columbia befand sich Emma Sulkowicz, jene Studentin, die der Universität seit über einem Jahr Schlagzeilen beschert - weltweit. Der Universitätspräsident Lee Bollinger drückte der Kunststudentin zähneknirschend ihr Diplom in die Hand. Sulkowicz hat nicht nur Bollinger viel Kopfzerbrechen bereitet.

Sie schleppte auch zur Abschlussfeier ihre Matratze mit, wie schon seit September vergangenen Jahres. „Carry that Weight“ heißt ihre Aktion. Dazu sah sich die Studentin genötigt, weil sie sich von der Universitätsleitung im Stich gelassen fühlte. Im April 2013 hatte sie beim Campus-Büro „für auffälliges sexuelles Verhalten“ eine Beschwerde gegen ihren Kommilitonen, den Austauschstudenten Paul Nungesser, eingelegt. Der 23-jährige Deutsche soll während einer zunächst einvernehmlichen sexuellen Begegnung im August 2012 gewalttätig und übergriffig geworden sein. Die Universitätsleitung soll davor die Augen verschlossen und nichts unternommen haben.

Die Kunststudentin wurde zunächst überall als tapfere feministische Vorkämpferin gefeiert, welche die Aufmerksamkeit auf ein drängendes Problem der Zeit lenkt: Die vermeintliche „Vergewaltigungskultur“ an US-Universitäten, die stillschweigend von den Institutionen geduldet und gedeckelt wird. Sogar die damalige Außenministerin Hillary Clinton lobte Sulkowicz Einsatz und Mut.

Das Leben von Nungesser ist seitdem zerstört. Auf dem Campus weiß inzwischen wohl jeder, wer er ist. Sein Name steht an Toilettenwänden, auf Flyern, in Blogs. Er hat seinen Platz im Wohnheim und seinen Job verloren.

Die Universität hatte durch die Kunstaktion schließlich eine Untersuchung eingeleitet. Es wurden jedoch keine Beweise gefunden, weiter gegen Nungesser vorzugehen. Eine Strafanzeige, die Sulkowicz erst anschließend und mehr als ein Jahr nach der vermeintlichen Tat stellte, verlief ebenfalls ergebnislos.

Damit begannen für die Columbia Universität die Probleme erst richtig. Präsident Bollinger sah sich plötzlich von allen Seiten kritisiert. Die Hochschule stand einerseits im Zentrum einer überbordenden nationalen Debatte um die Tolerierung von sexuellem Missbrauch. Auf der anderen Seite handelte sie sich von Nungesser eine Klage ein.

Der 23-Jährige sieht sich als Opfer einer „Mobbingkampagne“. Die Columbia, so sagte er in den vergangenen Wochen in zahlreichen Medienberichten, habe aktiv daran mitgewirkt, dass er sozial isoliert und öffentlich angefeindet wurde. Ihm sei kein Rechtsbeistand gewährt worden, Bitten um Polizeischutz wurden ignoriert. Der Abschlusszeremonie, bei der Emma Sulkowicz ein letztes Mal auftrumpfte, blieb Nungesser deshalb lieber fern.

Sein Anwalt, Andrew Miltenberg, verweist auf gravierende Widersprüche in Emma Sulkowicz’ Aussagen. So schrieb die 22-Jährige etwa nur wenige Tage nach der vermeintlichen Vergewaltigung weitere Liebes-SMS an Nungesser. Inzwischen hat sich das Blatt der öffentlichen Meinung gewendet. Selbst an der Columbia-Universität tauchen zunehmend Plakate und Grafitti auf, die Sulkowicz der Lüge bezichtigen.

Das lässt die Studentin allerdings nicht auf sich sitzen. Um ihrer Sache Nachdruck zu verleihen, hat sie ihrer Matratzen-Aktion nun ein zweites Stück „Performance-Kunst“ folgen lassen. In der vergangenen Woche stellte Sulkowicz ein stark pornografisches Video ins Internet, in dem es so aussieht, als stelle sie den Akt der Vergewaltigung nach. Im Vorwort schreibt Sulkowicz, es handele sich um keine Nachstellung der Vorfälle im August 2012, auch wenn es so scheinen könne. Es gehe vielmehr darum, dass sie die Welt verändern wolle, erklärt Sulkowicz weiter und meint damit wohl, dass sie gegen die Einstellungen und Betrachtungsweisen ankämpft, die sexuellem Missbrauch zugrunde liegen. Das ist zunächst ein Anliegen, gegen das sich schwerlich argumentieren lässt. Ob Paul Nungesser dafür die richtige Zielscheibe ist, ist allerdings stark zweifelhaft.

Von Sebastian Moll

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