Wendung im Streitschlichter-Prozess

„Es wurde exzessiv gelogen“

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Foto: Rund 1000 Menschen fanden sich im März vergangenen Jahres am Unglücksort in Kirchweyhe ein.

Verden - Der gewaltsame Tod eines 25-Jährigen in Kirchweyhe hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt. Am Ende des Prozesses sieht die Staatsanwältin aber keinen Nachweis für eine Tötungsabsicht und plädiert auf Körperverletzung mit Todesfolge.

Für den gewaltsamen Tod eines 25 Jahre alten Mannes im niedersächsischen Kirchweyhe im vergangenen März soll der Angeklagte nach dem Willen der Staatsanwaltschaft sechs Jahre Jugendstrafe erhalten. Nach gut 30 Verhandlungstagen seit September und vielen widersprüchlichen Zeugenaussagen rückte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer vor dem Landgericht Verden am Donnerstag von dem ursprünglichen Mordvorwurf ab und forderte eine Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Dem zum Tatzeitpunkt 20 Jahre alten Angeklagten sei nicht nachzuweisen, dass er sein Opfer mit zwei brutalen Tritten töten wollte. Aufgrund von klar erkennbaren Entwicklungsdefiziten müsse der Angeklagte nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. Sie sei aber fest davon überzeugt, dass der junge Mann den 25-Jährigen bei einem Streit nach der Rückkehr von einem Discobesuch am Busbahnhof von Kirchweyhe (Landkreis Diepholz) so verletzte, dass er massive Hirnblutungen erlitt und wenig später im Krankenhaus starb, sagte die Staatsanwältin.

Sie warf mehreren Zeugen Unglaubwürdigkeit vor. „Es wurde exzessiv gelogen.“ Der Angeklagte selbst hatte sich während des gesamten Prozesses nicht geäußert. Nur seine Aussage vom Haftprüfungstermin war verlesen worden, in der er sich als unbeteiligt an der Gewalt darstellte. Die Anklagevertreterin warf dem 21-Jährigen diese durch Zeugenaussagen widerlegte Version und sein Schweigen vor. „Das, was Du da gemacht hast, ist pure kriminelle Energie.“

Discobesuch mit Folgen

Am Abend vor der Tat war eine Gruppe junger Frauen und Männer von Kirchweyhe aus mit einem gemieteten Reisebus in eine Diskothek nach Wildeshausen gefahren. Auf der Rückfahrt in der Nacht sei heftiger Streit zwischen zwei Gruppen ausgebrochen, an dem der Angeklagte nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft zunächst gar nicht beteiligt war. Auch der 25-Jährige habe sich rausgehalten. „Ob er Streit schlichten wollte, wissen wir nicht.“ Irgendwann sei der Angeklagte sehr aggressiv geworden, „als habe man einen Schalter auf böse umgelegt“, zitierte die Staatsanwältin eine Zeugenaussage.

Während der Rückfahrt hätten mehrere junge Männer telefonisch Freunde und Verwandte zum Busbahnhof in Kirchweyhe bestellt. Der Angeklagte habe immer wieder Drohungen ausgestoßen. Zeugen hatten von Gerüchten im Bus gesprochen, dass es in Kirchweyhe Ärger geben werde. Der Angeklagte soll gedroht haben, ein Mensch werde die Nacht nicht überleben. Beide Gruppen hätten sich gegenseitig beleidigt. Bis auf den Busfahrer waren alle Beteiligten in unterschiedlichem Maße betrunken.

Der Angeklagte war 2008 einmal wegen Körperverletzung zu Jugendarrest verurteilt worden. Er hat keinen Schulabschluss. Nach der Tat hatte Kirchweyhe mehrere Versuche aus der rechten Szene erlebt, den Tod des 25-Jährigen ausländerfeindlich zu instrumentalisieren, obwohl das Opfer keinerlei Beziehungen in diese Richtung hatte. Die Bürger der Gemeinde wehrten sich mit mehreren Trauerkundgebungen.

dpa

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