Korruptionsverdacht

Wurde in Göttingen mit Organen gehandelt?

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Ermittlungen: Im Göttinger Uni-Klinikum soll Organhandel stattgefunden haben.

Göttingen - Der Verdacht ist ungeheuerlich: Ein Chefarzt an der Göttinger Universitätsmedizin gegen Geld ausländischen Patienten geholfen haben, schneller ein Spenderorgan zu erhalten. Ehemalige Mitarbeiter sprechen gar von "Organhandel". Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt.

Bei den europaweit äußerst streng geregelten Vergaben von Spenderorganen erscheint eine direkte Einflussnahme des Göttinger Mediziners, also Beschaffung eines Organs zur sofortigen Transplantation, so gut wie ausgeschlossen. Allerdings ist bekannt, dass Mediziner mit ärztlichen Stellungnahmen Einfluss auf die Chancen eines Patienten haben können, eine Spenderleber beschleunigt zu erhalten. Die Ermittlungsbehörden prüfen in der Göttinger Affäre offenbar, ob ein solcher Fall vorliegt. Möglicherweise könnte auch der Verdacht, dass es sich bei den zahlenden Ausländern teils um alkoholabhängige Patienten gehandelt habe, eine Rolle spielen.

Mitarbeiter des Mediziners berichteten, dass es in der Vergangenheit sogar Patienten gegeben habe, die alkoholisiert zur Lebertransplantation im Operationssaal erschienen seien. Dabei sind Transplantationen streng geregelt, sie dürfen nur in speziellen Transplantationszentren vorgenommen werden. Das Universitätsklinikum ist eines der deutschen Zentren für Leberverpflanzungen, jährlich werden dort etwa 35 Transplantationen vorgenommen. Benötigt ein Patient ein Spenderorgan, kommt er auf eine Warteliste.

Nach den entsprechenden Untersuchungen übermittelt das regionale Zentrum seine medizinischen Daten und Befunde an die Stiftung Eurotransplant. Diese ist für die Zuteilung von Spenderorganen in sieben europäischen Ländern zuständig. Zu einer geringen Quote (bis zu fünf Prozent) dürfen auch Patienten aus außereuropäischen Ländern behandelt werden. Die Patienten werden registriert und unter einer codierten Nummer gespeichert, so dass die Anonymität gewährleistet ist. Bei Eurotransplant laufen außerdem die Meldungen über Patienten ein, bei denen der Hirntod diagnostiziert wurde und die als Organspender in Frage kommen.

Deren medizinisch relevante Daten werden nach bestimmten Algorithmen mit denen der Patienten auf der Warteliste verglichen, um die am besten geeigneten Empfänger zu ermitteln. Eine wichtige Rolle spielen dabei drei Laborparameter, die die Schwere der Erkrankung anzeigen. „Je höher der Punktwert, desto dringlicher ist eine Transplantation“, erklärt der Transplantationskoordinator der Göttinger Universitätsmedizin, Ralf Werner.

Ein Sonderfall sind „High-Urgent-Patienten“, die sich bereits in einem lebensbedrohlichen Zustand befinden. Diese haben absoluten Vorrang. Das computergesteuerte Zuteilungsverfahren wurde aus den USA übernommen. Am Ende der Rechenoperationen druckt der Computer den Code des Patienten aus, der am besten geeignet erscheint. Da die Parameter festgelegt seien, sei keinerlei Manipulation möglich, erklärt Werner. In seltenen Fällen bekommt das Transplantationszentrum auch Organe, die zunächst für einen anderen Empfänger vorgesehen waren.

Jürgen Gückel und Heidi Niemann

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