Von Wolf gerissen?

Züchter bringen totes Schaf ins Ministerium

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Hannover - Kaum hat sich der Wolf in Niedersachsen wieder angesiedelt, kommt es zu Konflikten mit Schafzüchtern. Einen blutigen Schafkadaver hat Schäfer Sebastian Ostmann am Dientag zum Umweltministerium gebracht. Mit dieser Aktion fordern Schäfer mehr Fördermittel zum Schutz vor Wölfen.

Mit ruhiger Hand bewegt Sebastian Ostmann den Kadaver des Heidschnuckenbocks: „Hier, sehen Sie: Die Kehle ist durchgebissen“, sagt der junge Schäfer. Sein Finger weist auf das schwarze Fell, in dem noch Blut und Blätter kleben: „Auch hinten in der Keule ist ein Biss, und die Bauchdecke ist geöffnet.“ Für Ostmann ein klarer Fall: Das sind die Bissspuren eines Wolfs, der das einjährige Schaf am vergangenen Wochenende in der Nähe von Vechta gerissen hat. Doch Ostmann wollte den grausigen Anblick nicht für sich behalten. Zusammen mit anderen Schäfern hat er das tote Tier in sein Auto gepackt und es gestern zum Umweltministerium gebracht, um dort mehr Schutz für Schafe vor dem Wolf zu fordern.

„Wir brauchen solche drastischen Maßnahmen“, sagt der 18-jährige Abiturient. Die Landesregierung lasse die Schafhalter im Stich. Im Kreis Vechta seien bereits 40 Tiere durch mutmaßliche Wolfsrisse oder -angriffe ums Leben gekommen. Doch weil das Land seit drei Monaten einen Großteil der Ergebnisse der DNA-Proben nicht veröffentlicht habe, bekämen die Halter keine Entschädigung. Das müsse nun endlich geschehen. Außerdem müssten die Entschädigungen deutlich aufgestockt werden, ebenso die Fördermittel für Schutzmaßnahmen wie Zäune.

Ostmann ist nicht allein. Neben der Wanne mit dem toten Tier stehen Schäfer aus Niedersachsen in ihren typischen langen Mänteln, um Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) ihre Sorgen mitzuteilen. Sie fühlen sich als Verlierer der Wolf-Rückkehr. „Wir haben Angst, dass wir unsere Schafe nicht mehr auf die Weide bringen können“, sagt Dieter Marwedel aus Celle. Dieter Heinrich, Schaf- und Ziegenhalter aus Seelze, geht noch einen Schritt weiter. „Ein Wolf hat in einer so dicht besiedelten Kulturlandschaft nichts zu suchen.“ Ihm geht es dabei nicht um Ausgleich oder Abwägung: „Der Wolf muss ganz wieder weg.“

Es ist dann Umwelt-Staatssekretärin Almut Kottwitz, die die aufgebrachten Schäfer empfängt, allerdings im Foyer des Ministeriums – das tote Schaf muss draußen bleiben. „Ich verstehe Ihre Sorge“, sagt sie. Die Untersuchung der DNA-Spuren sei auf dem Weg und werde bald im Internet veröffentlicht. Es müsse auch eine Lösung gefunden werden, mit der auch die Schafhalter leben könnten. „Das ist für uns alle neu, das ist noch nicht so eingespielt, da muss man im Dialog bleiben“, wirbt sie um Verständnis. Und sie deutet an, dass es ein Umdenken im Umgang mit dem Wolf geben kann: „Wenn er ausreichend vorhanden ist, dann muss er auch wieder bejagt werden.“

Die Gesellschaft und vor allem die Schäfer müssten erst wieder lernen, mit dem Wolf zu leben, sagt Helmut Weiß, Sprecher des Arbeitskreises „Wolf“ beim Naturschutzbund Nabu. Das bedeute Kosten, die die Schafhalter nicht alleine tragen dürften. Letztlich brauche der Prozess aber Zeit. „Ich vertraue darauf, dass wir in zehn bis 15 Jahren nicht mehr so viel Brimborium darum machen, weil wir uns an die Anwesenheit des Wolfes gewöhnt haben und gelernt haben, damit umzugehen“, sagt Weiß.

Das Interview

„Wie viel Wolf
 wollen wir?“

Nachgefragt bei Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Landesjägerschaft, von Heiko Randermann.

Freut Sie die Rückkehr der Wölfe?

Die Landesjägerschaft ist anerkannter Naturschutzverband, und als solcher freuen wir uns natürlich, wenn in eine intensiv genutzte Kulturlandschaft die ehemals heimischen Arten zurückkehren.

Die Viehhalter sind nicht so glücklich.

Ich kann die Sorgen der Schafzüchter oder auch Rinder- und Pferdehalter sehr gut verstehen. Das muss man sehr ernst nehmen, denn die Rückkehr der Wölfe geht sehr viel schneller, als wir das alle erwartet haben. Wer noch von einzelnen Wölfen spricht, der verkennt die Lage. Da läuft eine Welle auf uns zu, die die wenigsten bislang realisiert haben. Wir werden in wenigen Jahren den Wolf flächendeckend in ganz Deutschland haben.

Brauchen wir dann überall Schutzzäune?

Das wird nicht viel helfen. Wir haben in Niedersachsen 2000 Kilometer Deichlänge, auf der Schafherden grasen. Die können wir nicht alle einzäunen. Ich fürchte daher eher, dass mit steigender Wolfpopulation die Zahl der Schafherden zurückgeht, weil die Halter das Risiko und auch die psychische Belastung nicht eingehen wollen. Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn man jeden Morgen auf dem Weg zur Herde Angst haben muss, ein Bild des Grauens vorzufinden, vom wirtschaftlichen Schaden ganz abgesehen.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass sich unsere Gesellschaft vermutlich schon sehr bald wird fragen müssen: Wie viel Wolf wollen wir? Verstehen Sie mich da nicht falsch: Der Wolf steht unter Naturschutz, er gehört zu unserer Fauna, und wir werden ihn nicht wegbekommen. Auch Deutschland muss einen Beitrag zum Erhalt des Wolfes leisten. Aber das hat Folgeerscheinungen, die wir nicht ignorieren können. Und dann muss die Politik und die Gesellschaft auch entscheiden, welche Maßnahmen wir ergreifen wollen, um den Bestand zu regulieren.

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