Hordorf

Zugunglück in Sachsen-Anhalt: Routinefahrt in den Tod

- Nach dem Zugunglück in Sachsen-Anhalt versuchen die Menschen in Hordorf, die Unglücksbilder aus den Köpfen zu bekommen. Und die Bahn wehrt sich gegen Vorwürfe.

Die Bagger leisten rasche Arbeit, greifen die letzten Metallteile vom gefrorenen Acker, aber alle Spuren können sie nicht verschwinden lassen. Etwas bleibt zurück von diesem Unfall. Im Schotter neben dem Gleis liegen Fahrpläne, die im Zug auslagen, Kaffeetasssen aus weißem Plastik, und zwischen den Steinen findet sich auch noch ein Kokos-Schokoriegel. Die Verpackung ist unversehrt. Vielleicht hat ihn einer der Überlebenden verloren, vielleicht auch einer der Toten.

Der kleine Bahnhof von Holdorf am Tag zwei nach dem verheerenden Unglück: Fast alles ist fortgeräumt, der Einsatz für die Helfer ist zu Ende, aber Günter Matthias ist noch einmal zurückgekehrt. Der 59-Jährige, von Beruf Angestellter beim städtischen Bauhof im nahen Oschersleben, ist Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr. Als am Sonnabendabend der Nahverkehrszug Harz-Elbe-Express und ein Güterzug bei dichtem Nebel ineinander rasen, zehn Menschen sterben und viele verletzt werden, ist er mit seinen Kameraden einer der Ersten an der Unglücksstelle.

Seit 40 Jahren ist er bei der Feuerwehr, er hat schon viel Schlimmes gesehen und wirkt nicht, als sei er leicht zu erschüttern. Aber diesen Anblick wird er lange zu tragen haben, das weiß er. „Das geht mir noch durch Mark und Bein. Das prägt sich ein in die Seele.“

Es war dunkel, als er kurz vor neun ankam. Was er hörte, waren die Hilfeschreie. Was er sah, war das, was die Taschenlampen aus der Dunkelheit schnitten: Verletzte, Blut, Trümmer, Tote. Schlaglichter des Grauens. Erst als die Unfallstelle ganz ausgeleuchtet war, erkannte er das Ausmaß das Unglücks: Der erste Wagen des Personenzugs war durch die Kollision mit dem Güterzug bis zur Hälfte aufgerissen. Die Aufgabe von Günter Matthias war es, die Menschen aus den Trümmern zu bergen. „Man konnnte kaum die Lebenden von den Toten unterscheiden.“ Bis sechs Uhr am Morgen war er im Einsatz.

Jetzt, am Montag, ist er noch mal wiedergekommen. Um zu sehen, wie die Stelle jetzt aussieht, im Hellen, nach dem Aufräumen. Er wirkt wie erschrocken, als sein Blick auf eine vergessene Rettungstrage fällt, die in der Böschung liegt. „Da ist sofort alles wieder da.“ Manchem aus der Gegend geht es so wie ihm. Sie kommen noch mal her.

Neben dem Bahnhof haben die Holdorfer ein Holzkreuz aufgestellt und Blumen abgelegt. Jenny Sluka, eine 20-jährige Schwesternschülerin, zündet eine Kerze an. „Ich hätte selbst beinahe in dem Zug gesessen, wenn die Party in Halberstadt, zu der ich wollte, nicht abgesagt worden wäre.“

Sven Ott wohnt gleich über dem Gemeindesaal der Zeugen Jehovas neben dem Bahnhof, in dem in der Nacht Verletzte versorgt wurden. Er war einer der Ersten an der Unfallstelle. Über das, was er gesehen hat, möchte er nicht sprechen. Vielleicht kann er es auch nicht. Der Arzt Gerd Schilling wohnt direkt an der Bahnstrecke. „Wäre der Unfall 100 Meter weiter passiert, dann wäre mein Haus weg gewesen.“ Ein Dorf unter Schock.

Und die Frage nach der Schuld? Da halten sich im Dorf alle zurück. Klar ist hier nur, dass dieser Bahnhof mit seinem Stellwerk darin wirklich kein Hort der modernen Technik ist. Außen bröckelt Putz von der Fassade. Im Inneren erkennt man hinter einfach verglasten Fenster und Kakteen auf der Bank einen dunkelgrünen Schaltkasten und mächtige Hebel mit antiquiert wirkenden Schildern daran. „Hordorf nach Oschersleben“, steht an einem. Journalisten dürfen an diesem Tag nicht hinein.

Demnächst soll alles moderner werden. Die eingleisige Strecke, bisher auf höchstens 100 Stundenkilometer angelegt, wird auf 120 km/h ausgebaut. Der Ausbau soll noch dieses Jahr beginnen. Auch der Einsatz induktiver Sicherheitstechnik ist daher schon länger in Planung. Die dabei verwendete Magnettechnik, die im Notfall eine Zwangsbremsung von Zügen auslöst, ist nicht etwa ein neuartiges System. Sie wird seit mehr als 70 Jahren in Deutschland verwendet, bloß nicht überall. Am Montag häufen sich die Stimmen, wonach ein solches Sicherheitssystem mit automatischer Zwangsbremsung in Hordorf Leben gerettet hätte. Dann jedenfalls, wenn es stimmt, was die Staatsanwaltschaft für möglich hält, dass der Lokführer des Güterzuges ein Haltesignal übersehen hat. Das meint zum Beispiel der Fahrgastverband Pro Bahn.

Das meint auch die Lokführergewerkschaft GdL. „Der schreckliche Unfall hätte wohl vermieden werden können, wenn die Strecke entsprechend ausgerüstet gewesen wäre“, sagt ihr Vorsitzender Claus Weselsky am Nachmittag in Berlin. Aber es sei auch verfehlt, nur auf die Technik zu blicken: „Die Arbeitsbelastung der Lokomotivführer hat permanent zugenommen.“

Gegen den 40-jährigen Lokführer des Güterzuges ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft – unter anderem wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Spekulationen, wonach der beim Unfall verletzte und bisher schweigende Mann sich gar nicht im Führerstand aufhielt, weist erst die GdL zurück und dann auch die Polizei. Zusammen mit Fachleuten vom Eisenbahnbundesamt untersucht die Bundespolizei auch am Montag die Unfallspuren. Erst über die Auswertung der Fahrtenschreiber werde sich zeigen, in welchem Tempo die Züge aufeinanderprallten, sagt eine Sprecherin des Bundesamtes. Ein Ergebnis soll es frühestens am Dienstag geben.

Neue Vorwürfe gegen Lokführer

Die Vorwürfe gegen den Lokführer des Güterzuges verschärften sich am Dienstag. Laut „Bild“-Zeitung steht fest, dass der 40-Jährige vor dem Zusammenstoß mit einem Regionalzug nicht nur ein, sondern zwei Haltesignale missachtet hat. Das gehe aus einem Bericht von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) an den Verkehrsausschuss des Bundestages hervor, der dem Blatt nach eigenen Angaben vorliegt. Sprecher der Bundespolizei und der Magdeburger Polizei wollten dazu in der Nacht zum Dienstag nichts sagen.

Bahn für mehr Sicherheit

Die Deutsche Bahn zieht derweil ihre Konsequenzen aus dem Unglück und will schnellstmöglich mehr eingleisige Strecken mit moderner Sicherungstechnik ausstatten.

„Da ist Handlungsbedarf“, sagte Bahnchef Rüdiger Grube am Montagabend in der ARD-Sendung „Beckmann“. Dies gelte vor allem für Ostdeutschland. Der Konzern wolle alle eingleisigen Strecken analysieren und wo nötig den Einbau eines automatischen Bremssystems aus eigenen Mitteln finanzieren. Er wolle nicht auf Bundesministerien warten, sagte Grube. Vom knapp 34.000 Kilometer langen Schienennetz, das die Bahn betreibt, sind etwa 15.000 Kilometer eingleisig.

Erste Züge passieren Unglücksstelle

Drei Tage nach dem schweren Zugunglück bei Hordorf in Sachsen-Anhalt passieren wieder Züge die Unglücksstelle. „Mit der Betriebsaufnahme sind am frühen Morgen die ersten Züge durch Hordorf gefahren“, sagte Cathrin Göthe, Sprecherin des Harz-Elbe-Express.

Thorsten Fuchs/Gabriele Schulte/dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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