Statistik prangert Fleischkonsum an

Zurück zum Sonntagsbraten!

Foto: 2012 in Deutschland geschlachtete Tiere.

Berlin - Zu viel, zu ungesund, zu umweltschädlich: Die Deutschen haben Fleisch noch lange nicht satt. Trotz der sich häufenden Lebensmittelskandale ist der Fleischkonsum in Deutschland nur leicht zurückgegangen.

2012 aß der Durchschnittsverbraucher etwa 60 Kilogramm Schwein, Pute und anderes Fleisch. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein leichter Rückgang um mehr als zwei Kilogramm. Das geht aus dem „Fleischatlas 2014“ hervor, den die Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) am Donnerstag in Berlin vorgestellt haben.

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... und Informationen sowie den gesamten Fleischatlas können sie hier herunterladen.

Wer das Fleisch isst

Während der Fleischverbrauch in den Industrieländern stagniert oder leicht rückläufig ist, steigt die Nachfrage in Wachstumsmärkten wie China und Indien rasant an. Dort wächst auch die industrialisierte Fleischerzeugung. Laut „Fleischatlas“ wird die jährliche Produktion weltweit bis 2050 um 150 auf 470 Millionen Tonnen Fleisch steigen. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei 38 Kilogramm – Tendenz steigend. Auch Heinrich-Böll-Stiftung und BUND erwarten eine steigende Nachfrage. Bis 2022 sollen etwa 80 Prozent des Wachstums im Fleischsektor auf Schwellenländer entfallen.

Was Fleisch mit Pflanzen macht

Menschheit und Umwelt stellt der Fleischkonsum laut dem „Fleischatlas“ vor große Probleme. In Südamerika wachsen die Anbauflächen für energiereiche Sojabohnen, die als Tierfutter in alle Welt verschifft werden. Das gehe auf Kosten des Regenwalds und entziehe ansässigen Kleinbauern die Lebensgrundlage, heißt es im „Kritischen Agrarbericht“ des Vereins AgrarBündnis. Mais und Weizen würden immer häufiger zu Tierfutter, moniert der „Fleischatlas“. Zudem seien bereits heute 70 Prozent der weltweiten Agrarflächen für Futtermittel wie Heu und Soja reserviert. „Die zunehmende Nachfrage wird verhindern, dass wir das Menschenrecht auf Nahrung für Arme und Ärmste realisieren werden“, sagt Barbara Unmüßig, Vorstand der Grünen-nahen Böll-Stiftung.

Wer vom Fleisch profitiert

Der „Fleischatlas“ sieht die internationale Nahrungsmittelindustrie als große Gewinnerin des Booms, während normale Bauern zunehmend ins wirtschaftliche Abseits geraten. „Moderne Schlachtanlagen in Europa und den USA nehmen immer absurdere Dimensionen an“, erklärt Unmüßig. „Während wir hierzulande 735 Millionen Tiere pro Jahr töten, schlachtet allein die US-Gesellschaft Tyson Foods mehr als 42 Millionen Tiere in einer einzigen Woche.“

Was Standards bedeuten

In den USA sind die Lebensmittelstandards ungleich lascher als in Europa. „Exportiert werden darf alles, was nicht nachweisbar gefährlich ist“, heißt es im „Fleischatlas“. Für die EU gelte hingegen das „Vorsorgeprinzip“, wonach Einfuhren von Nahrungsmitteln und Chemikalien so lange zu beschränken sind, bis jegliche Bedenken für Gesundheit und Umwelt ausgeräumt sind.

Die Position der Kritiker

Heinrich-Böll-Stiftung und BUND sehen im geplanten Freihandelsabkommen zwischen EU und USA eine Gefahr für europäische Verbraucher. „Der Erfolg des Freihandelsabkommen hängt zu 80 Prozent davon ab, dass Europa seine Standards senkt“, so Unmüßig. Der „Fleischatlas“ warnt: „Amerikaner möchten europäische Schutzvorschriften gegen Hormone, Antibiotika und Genmanipulationen aushebeln.“ Die Umweltverbände wollen den Druck auf EU und deutsche Agrarpolitik erhöhen. „Europa ist das Bollwerk gegen Gentechnik“, sagt Reinhild Benning vom BUND.

Warum Deutschland betroffen ist

Weil der heimische Markt gesättigt ist, setzt die deutsche Ernährungsindustrie auf die Nachfrage im Ausland. Jährlich freuen sich Bauern und Weiterverarbeiter über wachsende Exporte. Dafür haben sie Millionen neuer Mastplätze gebaut – vor allem für Schweine, Hähnchen und Puten. Das sichert Arbeitsplätze, aber gegen die „Tierfabriken“ gibt es auch Widerstand.

Was jeder tun kann

Wenn es nach den Machern des „Fleischatlas“ geht, müssten die Deutschen ihre Essgewohnheiten drastisch umstellen. Lediglich ein- bis zweimal pro Woche dürfe Fleisch auf den Tisch kommen, um weder Gesundheitv noch Umwelt über Gebühr zu belasten und die weltweite Nahrungsmittelknappheit nicht noch weiter zuzuspitzen. Böll-Vorstand Barbara Unmüßig wünscht sich mehr Bescheidenheit: „Wir wollen zurück zum Sonntagsbraten.“

Von Bastian Pauly (mit: dpa)

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