Fahrlässige Tötung in 15 Fällen

Zweiter Winnenden-Prozess reißt alte Wunden auf

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Einschusslöcher einer großkalibrigen Waffe: Auf dem Hof des Autohauses endete der Amoklauf eines 17-jährigen, der zuvor 15 Menschen erschossen hatte, bevor er seinem Leben selbst ein Ende setzte.

Stuttgart - Der zweite Prozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden reißt bei den Angehörigen der Opfer alte Wunden auf. Dennoch sind viele zum Auftakt gekommen.

Hardy Schober kommt als einer der letzten ins Stuttgarter Landgericht. Im schwarzen Mantel eilt der Mann, der bei dem Amoklauf in Winnenden seine Tochter Jana verlor, am Mittwoch zur zweiten Auflage des Prozesses. „Jetzt kommt natürlich alles noch mal hoch“, sagt der 53-Jährige und zupft sich nervös den Mantel zurecht.

Vor Gericht steht der Vater von Tim K., der 15 Menschen und sich selbst erschoss. Der Vater machte laut Anklage die Bluttat am 11. März 2009 erst möglich, weil er die Tatwaffe unverschlossen im Schlafzimmerschrank aufbewahrte. Dem Angeklagten wird ein Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen.

Im ersten Anlauf hatte das Gericht im Februar 2011 den Unternehmer und Sportschützen unter anderem wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hatte dieses erste Urteil im März 2012 wegen eines Verfahrensfehlers aber kassiert. Die Verteidigung habe keine Gelegenheit gehabt, die Familientherapeutin als wichtige Zeugin zu befragen, hieß es.

Auch beim zweiten Prozess ist das Interesse groß: Etwa 50 Zuschauer, 27 Medienteams und rund 15 Nebenkläger verfolgen den Auftakt. Polizisten und Justizbeamte kontrollieren streng Jacken und Taschen, ein Sprengstoffspürhund schnüffelt durch die Flure.

Der Angeklagte kommt in letzter Minute in den Gerichtssaal. Auch diesmal hat er Geleitschutz. Polizisten und Sondereinsatzkräfte sorgen dafür, dass er sicher im Gericht ankommt. In dunkelgrauem Anzug und mit Bart verfolgt er fast regungslos die Verhandlung. Aus dem Zuschauerraum kommt nur selten Gemurmel. Vor dem Gerichtsgebäude geht es lebendiger zu: Passanten spekulieren über den Ausgang des Verfahrens, eine Bürgerinitiative verteilt Flugblätter.

Der Vater von Tim K. könnte erneut wegen fahrlässiger Tötung verurteilt werden, so viel steht fest. Der Vorsitzende Richter erteilte am Mittwoch einen entsprechenden rechtlichen Hinweis. „Ich verstehe nicht, warum nun in 15 Verhandlungstagen noch mal fast alles aufgerollt wird“, sagt Schober, der gemeinsam mit anderen Angehörigen das Aktionsbündnis Amoklauf gegründet hat. „Das ist für uns sehr belastend.“

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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