China könnte Vakuum füllen

Afghanistan-Abzug: Bundeswehr zurück in Deutschland - fällt nun Kabul an die Taliban?

Truppen-Abzug aus Afghanistan: Die letzten deutschen Soldaten sind zurück. Nach 20 Jahren beendet die Bundeswehr den Einsatz. Im Land bleibt die Angst.

Wunstorf - „Ein historisches Kapitel geht zu Ende“, sagt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU*) am Mittwoch, „ein intensiver Einsatz, der die Bundeswehr gefordert und geprägt hat, bei dem sich die Bundeswehr im Kampf bewährt hat“. Knapp 20 Jahre hat der Einsatz in Afghanistan gedauert. Jetzt sind die letzten Bundeswehrsoldaten abgezogen und im niedersächsischen Wunstorf gelandet. Wegen Corona* wurde auf große Zeremonien verzichtet.

Bundeswehr zurück aus Afghanistan - Kramp-Karrenbauer kündigt Aufarbeitung an

Kramp-Karrenbauer kündigt nun an, auch offen darüber zu reden, „was gut war, was nicht gut war und was wir gelernt haben.“ Denn der Afghanistan-Einsatz sei einer gewesen, „bei dem Angehörige unserer Streitkräfte an Leib und Seele verletzt wurden, bei dem Menschen ihr Leben verloren haben, bei dem wir Gefallene zu beklagen hatten.“

Afghanistan: Gefährlichste Auslandsmission der Bundeswehr-Geschichte - Kämpfe sollte es eigentlich nie geben

Die Mission in Afghanistan war einer der gefährlichsten Auslandseinsätze in der Geschichte der Bundeswehr. In 20 Jahren haben 59 Soldatinnen und Soldaten ihr Leben verloren. 35 davon bei Anschlägen oder im Gefecht. Kämpfe waren anfangs eigentlich nie eingeplant. Die Stationierung in Afghanistan sollte der Friedenssicherung dienen, entwickelte sich dann aber zum Kampf gegen die Taliban.

US-Präsident Joe Biden* hatte im April 2021 offiziell verkündet, der 20. Jahrestag der Terroranschläge von 2001 soll der Schlusspunkt des US-Truppenabzugs* sein. Das Ziel der Terrorismusbekämpfung bezeichnete er als „erfüllt“. Die Nato teilte kurz darauf mit, der Abzug habe begonnen.

Afghanistan-Einsatz beendet: Letzte deutsche Soldaten zurück - Afghanistan fürchtet jetzt das Schlimmste

Am Dienstagabend (29. Juni) hat die letzte deutsche Militärmaschine den afghanischen Luftraum verlassen. General Ansgar Meyer hatte zuvor den größten Bundeswehr-Stützpunkt am Hindukusch, Camp Marmal, an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Über die Jahre waren insgesamt rund 150.000 Bundeswehr-Soldaten zeitweise in Afghanistan stationiert. Zwölf Milliarden Euro wurden ausgegeben.

Die Nato ist also raus aus Afghanistan. Aber was nun? Zuletzt war der Kernauftrag die Ausbildung afghanischer Truppen. Beruhigt ist die Bevölkerung aber nicht. „Der vorzeitige Abzug der Nato-Truppen hat unter der Bevölkerung Angst und Panik ausgelöst“, sagt die afghanische Journalistin Marzai Akbary der „Tagesschau“, „die Menschen fürchten, dass die Friedensgespräche nicht zu einem positiven Abschluss kommen könnten. Die Angriffe der Taliban weiten sich aus, die Lage eskaliert“.

Truppen-Abzug aus Afghanistan: USA schließen weitere Eingriffe nicht aus - Kabul in Gefahr?

Ähnliche Sorgen hat auch US-Kommandeur Scott Miller. Der General kündigte in einem Interview an, dass die „US-Luftstreitkräfte die afghanische Armee weiter bei Angriffen unterstützen und, wenn nötig, auch verteidigen werden.“ Der Nato-Abzug hat ein Vakuum hinterlassen, dass die Taliban füllen könnten, befürchten Politiker.

Indien blickt ebenfalls beunruhigt auf die Lage. Das Land hatte massiv in afghanische Entwicklungsprojekte in Afghanistan investiert. Jetzt sei auf einmal sogar denkbar, dass die Taliban Kabul einnehmen könnten, munkeln indische Regierungskreise. Der Konflikt in der Region Kaschmir schwelt weiterhin. Die UN sprechen von bis zu 500 Al-Qaida-Kämpfern, die sich in Afghanistan aufhalten sollen. Angebliche besteht Nähe zu den Taliban.

Nato-Staaten verlassen Afghanistan - rückt jetzt China vor?

Rahmatullah Andar, Sprecher des nationalen afghanischen Sicherheitsrats, kündigt eine stärkere Kooperation mit China* an. „Beide Länder betrachten den Terrorismus als gemeinsame Bedrohung“, sagte er im Mai, „wir wollen ihn gemeinsam bekämpfen.“ Auch für Chinas Seidenstraßen-Projekt* ergäbe das nur Sinn.

Doch auch Deutschland dürfte mit der Problematik weiter zu tun haben. Man habe sie in einer unklaren Situation zurückgelassen, klagte Ortskräfte der deutschen Truppen der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch. Ein Ex-Angestellter der Bundeswehr, der bereits ein Visum für die Ausreise nach Deutschland hat, sagte, das geplante Ortskräfte-Büro sei noch immer nicht geöffnet. Es hätte ihn bei der Ausreise unterstützen sollen. „Sie hätten uns schicken sollen, bevor sie selbst weg sind“, kritisierte er.

Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) forderte unterdessen eine kritische Aufarbeitung des Einsatzes durch den Bundestag. Eine Enquete-Kommission des Bundestages könnte „aufzeigen, was der Einsatz gebracht hat und was wir für aktuelle und künftige Einsätze lernen können“, erklärte Högl am Mittwoch in Berlin. (moe/dpa/AFP) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich

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