Beschimpfungen, Beleidigungen, Morddrohungen

Aris Radiopoulos ist Athens Blitzableiter in Berlin

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„Manchmal reagiert man einfach gar nicht“: Konsul Radiopoulos setzt bei der Auseinandersetzung mit ausfälligen Briefeschreibern auf diplomatische Zurückhaltung.

Berlin - „Fuck you, ihr Lügner und Parasiten!“ Wenn ein Brief so beginnt, gibt es wohl nur wenige Adressaten, die weiterlesen. Aris Radiopoulos muss es. Beschimpfungen, Beleidigungen, Morddrohungen: Der Zorn der Deutschen sammelt sich auf dem Schreibtisch des griechischen Konsuls Aris Radiopoulos.

Er ist Diplomat. Ein Diplomat, der sehr viele Beschimpfungen aushalten muss: Der schmächtige Mann im dunkelbraunen Nadelstreifenanzug vertritt das seit Jahren unter Schulden ächzende Griechenland in Berlin. Die Botschaftsführung hatAris Radiopoulos damit beauftragt, jedes Schreiben, jede Mail, jede noch so kleine Nachricht an die griechische Vertretung zu sichten. Ob Schmähungen, Hasstiraden, Drohungen oder auch Mutmacher - er liest sie alle. Aris Radiopoulos ist Athens Blitzableiter in Berlin.

An den Lärm der Presslufthämmer hat er sich gewöhnt. Auch das Dixi-Klo für die Handwerker vor dem Eingang des Konsulats stört ihn nicht mehr. Seit Radiopoulos im Februar 2011 als Konsul seinen Dienst antrat, arbeitet er inmitten einer Großbaustelle. Das Multifunktionsgebäude an der Mohrenstraße/Ecke Friedrichstraße wird noch bis zum 20. Juni generalüberholt. Zwischen Staub, Lärm und dem abgeschlagenen Putz im Erdgeschoss beherbergt es Ärzte und Versicherungsvertreter. Kaum jemand würde beim Vorbeilaufen auf die Idee kommen, ausgerechnet hier im vierten Stock das Konsulat der Hellenischen Republik zu suchen.

„Man kann sich mit vielem arrangieren“, erklärt der 45-Jährige und schaut nachsichtig durch das vom Baudreck verschmutzte Fenster. Radiopoulos sitzt überraschend entspannt hinter seinem schweren Arbeitsmöbel. Eine schnöde Baustelle bringt den studierten Pianisten so schnell nicht aus der Ruhe. Buchstaben und Worte machen es ihm dagegen schon schwerer, Contenance zu wahren. Neben ihm türmen sich Briefe und Papiere. Manche sind plump beleidigend, manche belehrend, manche spenden Trost und Zuspruch, andere drohen offen unter vollem Absender mit Tod und Verderben.

Auszüge der Beschimpfungen

Deutschland hat genug bezahlt. Und Sie wollen noch mehr Geld, weil Sie ihr eigenes zu schnell ausgegeben haben? Und das nach siebzig Jahren?!?

Herr Botschafter, Sie sind ein kleinlicher Vasall „ihrer“ Regierung. Auch ihre Familie ist vor uns - auch im Ausland lebende Familienmitglieder - nicht sicher.

Wann verlässt das Land, welches sich durch Lügen und Betrug in Euro-Zone geschliechen hat, endlich die Euro-Zone; es gibt schon genug Schmarotzer und Parasiten im Euro-Raum.

Sie und Ihre Landsleute werden Ihre Schulden zurückzahlen. Sie haben viel Zeit. Zeit um hart für uns zu arbeiten. Ihr vorläufiger Tagesplan : WECKEN: 5°° ARBEITSBEGINN : 05:10 Dienstschluss: 23°°

„Wir wollen Ihnen heute erklären, warum wir griechische Touristen in aller Welt töten“, lautet der Einstieg in eine dieser Mails. Eine andere verunglimpft Griechen pauschal als „Stänkerer, Unzuverlässige, Betrüger, Hetzer, Haßverbreiter der Europäer. Unwürdig, ein europ. Bürger zu sein“ und endet mit den Worten: „Haut ab!“ Ein Mann bekundet, für ihn sei „Griechenland moralisch durch, kein Urlaub mehr dort, keine griechischen Produkte (gibt ja eh nicht so viel davon)“. Ein weiteres Schreiben, adressiert an ein „faules, korruptes Schmarotzervolk“, fordert: „Leider hat 1941 nicht alles so gut geklappt. Es gibt kein Geld mehr, arbeitet, ihr faules Dreckspack ... und zahlt Steuern ... Eure Renten und Löhne gehören 90% gekürzt.“ Fast immer ziert der volle Name des Schreibers den Briefkopf.

Der chronisch überlastete Schreibtisch des Botschaftsmitarbeiters ist Spiegelbild und Seismograf des Griechenland-Dramas, der Verwerfungen im Auf und Ab der Euro-Krise. Jede Schlagzeile, jedes Interview, jeder unvorsichtig dahingeworfene Halbsatz eines Politikers löst verbale Eruptionen aus, die das elektronische Postfach umgehend zum Überlaufen bringen. Kurz vor dem Deutschland-Besuch des Athener Finanzministers Gianis Varoufakis heißt es: „Mein Vorschlag: Wir treten unsere Forderungen an die Chinesen ab - vielleicht haben die ein besseres Inkassomodell für Sie parat.“ Und weiter: „Sollten wir um unser Geld betrogen werden, raucht die Hütte!“

Wie geht man damit um, wie bleibt man dennoch höflich? Wie reagiert ein Profi auf Boshaftigkeit, Verleumdung, Geschichtsklitterung und Aggression? „Manchmal einfach gar nicht“, sagt Radiopoulos. Vieles wandere sofort in den Mülleimer, wie jener große braune Umschlag, den seine Sekretärin eines Morgens völlig aufgelöst zu ihm gebracht habe. „Das Kuvert war randvoll mit stinkenden menschlichen Exkrementen.“ Er antworte nur dann, wenn er das Gefühl habe, wenigstens den Hauch einer guten Absicht erkennen zu können. „Das war bei besagter Briefsendung offensichtlich nicht der Fall.“ Am Anfang sei es schwer gewesen, die Gedanken an all die Anfeindungen nicht nach Feierabend auch noch mit nach Hause zu nehmen. Inzwischen habe er gelernt, damit umzugehen.

Ihren vorläufigen Scheitelpunkt erreichte die Mailwelle Mitte März. Damals trat am Sonntag Finanzminister Gianis Varoufakis (offizielle Ankündigung: „Der Euro-Schreck und Bruce Willis Griechenlands“) in der Talkshow von Günther Jauch auf. Am Tag zuvor hatte Griechenlands Verteidigungsminister Panos Kammenos in einem Interview Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vorgeworfen, einen „psychologischen“ Krieg gegen Hellas zu führen. „Als ich am Montag ins Büro kam, waren genau 100 Mails auf meinem Rechner. Ich hatte Jauch zwar gesehen, aber nicht das Interview gelesen, und wusste sofort: Da muss noch etwas passiert sein“, erinnert sich Radiopoulos. Zu seinem Erstaunen waren die letzten 40 Mails als Reaktion auf Varoufakis positiv und wohlwollend. „Die anderen 60 gingen exakt in die andere Richtung“, sagt der Diplomat in geschliffenem Deutsch, eine Errungenschaft aus Düsseldorfer Studentenzeiten.

Auch wenn die Mehrheit der Eingaben eher Beschimpfungen zum Inhalt hat, ändert sich neuerdings die Tonlage. „Es gibt zunehmend Zuspruch und Unterstützung“, sagt Athens Botschafter in Berlin, Panos Kalogeropoulos. Dies liegt seiner Auffassung nach nicht zuletzt daran, dass das Problem deutscher Reparationszahlungen immer mehr ins öffentliche Bewusstsein tritt. Zudem beschäftigten sich immer mehr deutsche Bürger tiefer mit der Krise und den Fakten, die zu ihr geführt hätten, suchten nach der Wahrheit und „machen sich nicht einfach Vorgekautes zu eigen“. So entschuldigt sich ein Schreiber „für das Verhalten meines Landes und seiner Regierung(en) in der Sache der Reparationszahlungen und der Zwangskredite durch die Nazis“. Ein anderer konstatiert, die Griechen seien genug „bis aufs Blut gequält“ worden. Damit müsse jetzt Schluss sein - durchaus keine Einzelmeinungen.

Anfragen danach, ob man künftig noch seinen Urlaub auf der Peloponnes verbringen kann und dort sicher ist, beantwortet die Botschaft laut Kalogeropoulos ohnehin mit der größten Selbstverständlichkeit, gibt Ratschläge und Informationen. Nur auf klare Beleidigungen und Beschimpfungen, wie zuletzt einen Aufruf zum Urlaubsboykott aus Oberbayern, reagiere man nicht. „Morddrohungen, die es auch gab, leiten wir an die zuständigen Behörden weiter“, erklärt der Botschafter. Die Frage, ob er sich sicher fühle, beantwortet er lächelnd: „Sie sehen: Ich lebe noch.“ Angesichts eines Briefes, in dem der Absender offenbart, es würde ihm persönlich „orgastische Gefühle bereiten“, den Vertreter Athens zu „töten“, erschließt sich der überaus diplomatische Charakter dieser Aussage.

Aris Radiopoulos hat sich unterdessen eine ganz eigene Technik zugelegt, mit den größten Querulanten umzugehen. Vielen schicke er vorgefertigte Antwortschreiben mit Informationsmaterial zur Krise. Einem Rentner, dessen Kakofonie jeden zweiten Tag bedrohlicher wurde, habe er irgendwann höflich geantwortet, die Botschaft bedanke sich für die „Kommentare“, schalte nun aber die Polizei ein.

Die Antwort kam prompt: Die Botschaft möge die Störungen entschuldigen. Er werde nun nicht mehr schreiben. Der Schreiber hielt sich tatsächlich an seine Zusage. Manchmal müssen eben auch Diplomaten ziemlich direkt werden.

Von Jörg Köpke

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