Präsidentschaftswahlkampf

Jeb Bush hadert mit dem Familienerbe

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Foto: Für Jeb Bush bleibt es eine schwierige Gratwanderung das politische Erbe der Familie zu bewerten und eine Balance zwischen Loyalität und Eigenständigkeit zu finden.

Washington - Ein großes Rätselraten löst in diesen Tagen Jeb Bushs Zickzackkurs bei bei der Antwort auf eine Frage aus, die im Standardrepertoire des Berufspolitikers eigentlich fest verankert sein müsste: War die Irak-Invasion nun falsch oder richtig? Ausgerechnet bei diesem Thema weiß der 62-Jährige offenbar noch nicht so recht, wie er sich verhalten soll.

Amerika stolpert in den Präsidentschaftswahlkampf. Entgegen aller Erwartungen zeigen sich ausgerechnet die aussichtsreichsten Kandidaten keineswegs so sattelfest, wie es ihre großen Wahlkampfmaschinen vermuten lassen. Nach dem holprigen Start von Hillary Clinton ist nun auch bei Jeb Bush zu sehen, wie schwer es ist, in das Ringen um das Weiße Haus einzusteigen.

Schon vor vier Wochen kamen einige Beobachter ins Grübeln, als sich der Hoffnungsträger der Republikaner vor den Toren der US-Hauptstadt bei einem Kongress der Konservativen präsentierte. Während sich Politiker wie Rand Paul und Donald Trump ins Zeug legten, um sich von ihren hinteren Plätzen nach vorn zu kämpfen, trat Bush Junior so unmotiviert auf die Bühne, als ginge ihn die parteiinterne Debatte gar nichts an. Der dunkle Anzug zerknittert, die Krawatte schief, wechselte er mit dem Moderator nur gelangweilt ein paar Worte. Mehrere hundert Zuschauer blieben ratlos zurück. Ihr Applaus fiel eher pflichtschuldig als begeistert aus.

Widersprüchliche Aussagen zum Thema Irak

Ein noch größeres Rätselraten löst in diesen Tagen Bushs Zickzackkurs bei der Antwort auf eine Frage aus, die im Standardrepertoire des Berufspolitikers eigentlich fest verankert sein müsste. Ausgerechnet beim umstrittenen Thema Irak weiß der 62-Jährige offenbar noch nicht so recht, wie er sich verhalten soll. Vor einer Woche hatte Bush dem Fernsehsender Fox News auf die Frage, ob er nach dem heutigen Kenntnisstand die Invasion in den Irak gebilligt hätte, etwas seltsam geantwortet: „Ja, und Hillary Clinton hätte das auch getan. Fast jeder hätte das getan.“ In den darauffolgenden Tagen blies ihm der Wind der öffentlichen Meinung kräftig ins Gesicht. Bush fühlte sich zunächst falsch verstanden, dann behauptete er, die Frage der Reporterin nicht richtig gehört zu haben. Der Unmut in den eigenen Kreisen wurde letztlich so groß, dass er sich zur vollständigen Kehrtwende entschloss: "Ich wäre nicht in den Irak einmarschiert", hob er Ende der Woche bei dem Besuch einer Brauerei in Arizona hervor. Eine Position, die in der "Grand Old Party" längst als Selbstverständlichkeit gilt.

Interviewfrage kann nicht unerwartet gekommen sein

Doch für den jüngeren Bruder von George W. bleibt es offenbar eine schwierige Gratwanderung, das politische Erbe der Familie zu bewerten und eine Balance zwischen Loyalität und Eigenständigkeit zu finden.

Ebenso wie Clinton erlebt auch Bush Junior, wie sehr die großen Namen Fluch und Segen zugleich sind. Viele Anhänger fragen sich allerdings, warum der potenzielle Präsidentschaftskandidat der Republikaner ausgerechnet bei einer zentralen Frage ins Schwimmen gerät, die fast zwangsläufig in jedem Interview angesprochen wird.

Unterschiedliche Meinungen im Beraterstab

Eine Erklärung für diese Unsicherheit deutet sich beim Blick auf das gegenwärtige Beraterteam des Fast-Kandidaten an: Jeb Bush umgibt sich zurzeit mit hochkarätigen Experten, von denen einige aus der Ära seines Bruders und andere aus der Ära seines Vaters stammen. So sehen Paul Wolfowitz und Stephen Hadley die Vereinigten Staaten - wieder - in der Pflicht, angesichts der mörderischen Milizen des "Islamischen Staates" (IS) stärker einzugreifen. Die zurückhaltende Außenpolitik von Barack Obama habe sich ihrer Meinung nach nicht ausgezahlt. Vor allem Wolfowitz setzt offenbar auf die Gelegenheit, durch ein verstärktes Engagement in Bagdad wieder an Einfluss zu gewinnen.Dagegen mahnen James Baker und George Shultz weiterhin diplomatische Lösungen an - wie sie es auch bei Bush Senior getan hatten.

Kein abschließendes Urteil von Bush Junior

Fest steht bisher nur, dass es hinter der Bühne der Wahlkämpfer in diesen Tagen munter zur Sache geht. Manche sprechen von einem Kampf zwischen Neokonservativen und Realpolitikern. Andere sind sich noch nicht sicher, wie Obamas achtjährige Amtszeit letztlich zu bewerten ist. Bush Junior verhehlt gar nicht, zwischen den außenpolitischen Denkschulen hin und her zu pendeln: "Allein schon aus Respekt vor den Soldaten, die im Irak ihr Leben ließen, halte ich mich mit einem abschließenden Urteil zurück."

Außenpolitik bleibt Kernthema

Doch ganz so einfach dürfte es nicht werden. Anders als in früheren Wahlkämpfen gilt die Außenpolitik als das entscheidende Schlachtfeld im kommenden Jahr. Angesichts der blutigen Konflikte im Jemen, im Irak und vor allem in Syrien erwarten viele US-Bürger wieder eine aktivere Rolle Washingtons im Nahen und Mittleren Osten. Offene Fragen gibt es zudem mit Blick auf die jüngsten Spannungen mit Russland. So fordern viele Kongressmitglieder - im Gegensatz zur Obama-Administration - eine Bewaffnung der ukrainischen Armee, um die russischen Eindringlinge abzuwehren.

So mancher Politiker auf dem "Hill" ahnt, dass sich die Auseinandersetzung des Westens mit Russland über einige Jahre hinziehen könnte.Noch drückt sich Bush vage aus. Bei einer Europareise, die ihn Anfang Juni auch nach Berlin führt, will er sich zunächst selbst ein Bild von der veränderten sicherheitspolitischen Lage auf dem Alten Kontinent machen.

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