Die Toten von Yarkand

Chinas Westen versinkt in Gewalt

+
Unstrittig ist, dass die Gewalt in Xinjiang stark zugenommen hat. Seit Jahresanfang berichteten allein die Staatsmedien von mehr als 300 Toten, rund die Hälfte von ihnen starb durch Polizeikugeln.

Ürümqi - Der Konflikt zwischen Uiguren und Han-Chinesen in Westchina eskaliert. Immer mehr Menschen fallen Anschlägen und Polizeikugeln zum Opfer. Beide Seiten erheben grausame Vorwürfe.

Yarkand liegt im äußersten Westzipfel Chinas. Hier stößt das Milliardenreich an Kirgistan, Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan. Viele Männer tragen in der muslimisch geprägten Gemeinde Kaftane, Frauen Kopftücher. Das Gebiet in der Unruheregion Xinjiang gehört zu den rückständigsten Gegenden Chinas. Jahrzehnte schon ist es her, dass sich Peking das frühere Ostturkestan einverleibte. Doch das Gebiet kommt nicht zur Ruhe. Vor rund einem halben Jahr starben mindestens 90 Menschen, viele durch Polizeikugeln. Was aber genau passierte, im Juli im Fastenmonat Ramadan, ist auch heute noch unklar.

Nur in einem sind sich die Regierung und Exil-Uiguren weitgehend einig: Die Toten von Yarkand markieren einen Höhepunkt in dem Konflikt. Ansonsten gehen die Darstellungen weit auseinander. Erst Tage nach dem Zusammenstoß veröffentlichen die Behörden erste Informationen. Demnach zog ein Mob aufgebrachter Uiguren durch die Gemeinde und griff Passanten an. Mindestens 37 Zivilisten seien umgebracht worden. Dann habe die Polizei geschossen und 59 Angreifer getötet.

Die Version des in München ansässigen Weltkongresses der Uiguren klingt ganz anders. Dessen Präsidentin spricht von einem Massaker chinesischer Sicherheitskräfte an der Zivilbevölkerung. Mindestens 2000 Uiguren seien getötet worden. „Wir haben aufgezeichnete Gespräche von Anwohnern und schriftliche Zeugenaussagen, die belegen, was genau während des Massakers in Elishku in der Gemeinde Yarkand passiert ist“, sagt Rebiya Kadeer. Noch zwei Tage danach sei die Polizei damit beschäftigt gewesen, ihre Spuren zu verwischen und kleinere Widerstände niederzuschlagen.

Mehrere ausländische Journalisten versuchten in die Region zu reisen, wurden aber von der Polizei von ihren Recherchen abgehalten. Unstrittig ist, dass die Gewalt in Xinjiang stark zugenommen hat. Seit Jahresanfang berichteten allein die Staatsmedien von mehr als 300 Toten, rund die Hälfte von ihnen starb durch Polizeikugeln.

Nun greifen Terroristen zu Sprengstoff

Viele Menschen des muslimischen Turkvolkes fühlen sich wirtschaftlich, politisch und kulturell von den herrschenden Chinesen unterdrückt. Immer wieder gab es während der vergangenen Jahre Anschläge gegen Polizisten und Regierungseinrichtungen. Das hat sich in diesem Jahr geändert. „Sie suchen sich jetzt öffentliche Plätze als Ziele - wie etwa Märkte“, sagt Jiang Zhaoyong, ein in Peking ansässiger Forscher, der sich seit Jahren mit Xinjiang beschäftigt. Auch die Art der Waffen habe sich geändert. Früher seien oft Messer benutzt worden, nun griffen Terroristen zu Sprengstoff.

Die Lage bereitet Peking Sorgen. Denn es geht nicht mehr nur um Xinjiang, auch in anderen Teilen Chinas gibt es Anschläge. Der 1. März 2014 war eine Zäsur. Rund zehn Angreifer gingen auf dem Bahnhof der Metropole Kunming in Südwestchina mit langen Messern wahllos auf Reisende los und töteten 29 von ihnen. Die Polizei erschoss vier der Gewalttäter, vier überlebende Attentäter wurden zum Tode verurteilt. „Attentäter wollen eine größere Aufmerksamkeit erzeugen“, sagt die Forscherin Zhang Lijian von der Xinjiang Normal Universität der Deutschen Presse-Agentur. Deshalb suchten sie sich Zivilisten als Ziele.

Die Zentralregierung in Peking reagierte mit einer neuen Antiterror-Kampagne. Überall im Land wurden Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, und neue Spezialeinheiten nach Xinjiang geschickt. Mehrere Hundert Terrorverdächtige wurden in diesem Jahr vor Gericht gestellt, Dutzende zum Tode verurteilt. Exil-Uiguren sind entsetzt. Dilxat Raxit vom Weltkongress der Uiguren sagt: „Das wird die Kluft zwischen Uiguren und Han-Chinesen nur noch größer machen. Und das schafft das Potenzial für neue Konflikte.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare