Heiner Geißler im Interview

„Die Ehe für alle ist ein wichtiges Zeichen“

- Der Christdemokrat Heiner Geißler spricht im Interview über die Vielfalt von Lebensbündnissen, die Macht des Gewissens und die Ehe als „gefährlichen Ort“.

Herr Geißler, wäre die Durchsetzung der gleichberechtigten Ehe nicht ein ideales Startobjekt für Schwarz-Grün auf Bundesebene im Jahr 2017?

Es wäre schade, wenn Schwarz-Grün nur die volle Durchsetzung einer Homo-Ehe als gemeinsames Ziel hätte. Aber grünes Licht für eine gleichberechtigte Ehe für alle wäre jedenfalls ein richtiges und wichtiges Zeichen.

Obwohl Sie wissen, dass vielen Bürgern der Gedanke an gleichgeschlechtliche Ehepaare, womöglich noch mit adoptierten Kindern, unbehaglich ist?

Es stimmt, das entspricht nicht den traditionellen Vorstellungen von Ehe. Vor allem Vertreter der katholischen Kirche haben damit große Probleme. Aber auch sie werden sich damit abfinden müssen, dass man die Ehe nicht sakramentalisieren darf. Die Homo-Ehe taugt natürlich nicht, wenn man sie naturrechtlich definiert als Basis für Mann und Frau, um Nachkommenschaft zu erzeugen. Aber es gibt auch zahlreiche Ehebündnisse von Männern und Frauen, die gar nicht die Absicht haben, Kinder zu zeugen.

Dazu fällt mir spontan das Ehepaar Angela Merkel und Joachim Sauer ein.

Mir nicht. Wir wissen nie, warum Ehepaare kinderlos sind. Aber wenn die Ehe nur dann eine Ehe wäre, wenn Kinder da sein sollen, dann wäre eine Ehe zwischen 60- oder 70-Jährigen ja auch naturwidrig. Sie sehen, es ist vorschnell und falsch zu sagen, zwei Männer oder zwei Frauen können nicht voll gleichberechtigt mit anderen in einer Ehe lebenslang zusammenleben. Außerdem steht die Ehe auch für eines der dunkelsten Kapitel in unserer Gesellschaft.

Sie meinen Unterdrückung in der Ehe?

Ich rede von der häuslichen Gewalt in der Ehe. Die gibt es auf der ganzen Welt, natürlich auch in Deutschland. Die Ehe ist der gefährlichste Ort für Körperverletzung, aber auch für sexuellen Missbrauch. Über ein Drittel der Frauen, so eine Untersuchung im Auftrag der Europäischen Kommission, hat nach eigenen Angaben in der Ehe Gewalt meist sexueller Art erfahren.

Für manche in der Union ist die bürgerliche Vorstellung von der klassischen Ehe der letzte Kitt, der die Partei als konservative Wertegemeinschaft noch zusammenhält. Die Vorsitzende hat bereits viele Dogmen und Tabus gebrochen.

Die CDU ist keine konservative Partei, sondern eine christlich-demokratische Union, die konservative, soziale und liberale Elemente in sich vereinigt. Außerdem gehen Sie von einem falschen Ausgangspunkt aus. Welche Tabus der CDU sind denn aufgegeben worden?

Na, die Atomenergie, die Wehrpflichtarmee, zum Beispiel.

Die Atomenergie hat nie zum Markenkern der CDU gehört. Es war in der Union immer umstritten, ob die Kernenergie auf Dauer akzeptiert werden kann. Die allgemeine Wehrpflicht hat ebenfalls nie zum Markenkern der CDU gehört. Das galt wohl eher für die SPD, die hat das als Konsequenz aus der wilhelminischen Ära für die Weimarer Republik durchgesetzt. Es gibt eine Sache, die sich im Sinne des angeblichen Tabubruchs weiterentwickelt hat. Die CDU hat auf die unbestreitbare Tatsache reagiert, dass in unserem Wirtschaftssystem eine Familie ökonomisch nicht überleben kann, wenn nur einer arbeitet. Es müssen beide arbeiten, damit das Familieneinkommen ausreicht. Darauf muss die Gesellschaft eine Antwort geben. Ich habe als Familienminister mit dem Erziehungsurlaub und dem Erziehungsgeld begonnen, Ursula von der Leyen hat den Ausbau der Kitas vorangetrieben. Hätte die CDU nicht so reagiert, hätte sie gegen das christliche Menschenbild und gegen das moderne Bild von Familie verstoßen.

Angela Merkel ist also keine große Modernisiererin?

Doch. Und zwar deswegen, weil sie Gott sei Dank keine Betriebswirtin oder Volljuristin ist, sondern eine Naturwissenschaftlerin. Sie weiß, dass auf veränderte Tatsachen auch entsprechend reagiert werden muss. Es war einer der mutigsten Schritte von Politik, dass Angela Merkel die Energiewende eingeleitet hat.

Irgendwann wird sich die gleichberechtigte Ehe für alle auch in der Union durchsetzen, ob mit oder ohne Merkel?

In dieser Gewissensfrage darf es keinen Fraktionszwang geben, und Frau Merkel wird auch in Zukunft eine eigene Meinung haben.

Interview: Dieter Wonka

Zur Person

Heiner Geißler, ausgebildet von Jesuiten, streitet bis heute für Gleichberechtigung und für Attac, gegen den Kapitalismus, gegen Langeweile und für klar erkennbare Positionen in einer diplomatisch-verschwurbelten Politikwelt. Der inzwischen 85-Jährige war Ministrant und Minister, anstrengender Wahlkämpfer, knallharter Agitator und immer wieder Philosoph. Als Generalsekretär der CDU hat Geißler viele Sträuße mit dem Parteichef und Kanzler Helmut Kohl gefochten, anfangs an dessen Seite, später im Konflikt. Heute ist er als Schlichter, zuletzt bei „Stuttgart 21“, gefragt.

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