Kriegsende 1945

„Die Deutschen konnten sich nicht selbst befreien“

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- Wer den Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 noch heute als Schmach empfindet, betreibt NS-Nostalgie – sagt der Historiker Michael Wolffsohn im Interview und wendet sich zugleich gegen Schlagworte, die vereinfachen.

Herr Wolffsohn, seit der Rede von Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 spricht die politische Elite in Deutschland vom Tag des Kriegsendes als dem Tag der Befreiung. Hat sich auch die Einstellung der Bevölkerung in Westdeutschland seither verändert?

Das Großartige und bis heute Vorbildliche an Richard von Weizsäckers Rede war, dass er eben nicht mit eindimensionalen Schlagworten wie „Tag der Befreiung“ argumentierte. Also kein Schwarz-Weiß-Denken. Ja, bilanzierend, das hatte Richard von Weizsäcker klar gesagt, war es Befreiung. Vor allem aus der späteren bundesdeutschen Sicht. Aber ebenso klar hat er geschildert und begründet, dass, wie, warum und bei wem in der deutschen Brust am 8. Mai 1945 mehr als nur eine oder zwei Seelen wohnten.

Steckt in dem Begriff der Befreiung nicht auch eine Entlastung von eigener Verantwortung und Schuld - als sei die NS-Herrschaft eine Besatzung gewesen?

Die NS-Herrschaft war nie Besatzung. Es war die Herrschaft von Deutschen, durch Deutsche, nicht für, sondern gegen Deutsche und andere Völker, vor allem gegen die Juden Europas. Der Begriff Befreiung im Zusammenhang mit dem 8. Mai 1945 bedeutet keineswegs Entlastung. Ganz im Gegenteil. Er drückt aus, dass die Deutschen nicht in der Lage waren, sich selbst vom Nationalsozialismus zu befreien. Das ist auch gar nicht so erstaunlich. Am 5. März 1933 wählten rund 44 Prozent der Deutschen die NSDAP. In meinem Buch „Die Deutschen“ habe ich nachgewiesen, dass die Zustimmung der Deutschen zum NS-Regime bis 1942/43, also bis Stalingrad, auf 52 Prozent anstieg. Weil Widerstand gegen das NS-Terrorregime erwiesenermaßen lebensgefährlich war, konnten sich die nicht mitlaufenden und nicht mitmachenden Deutschen nicht von Hitler und den anderen Verbrechern befreien. Diese, ja, Befreiung, war Ergebnis eines blutigen Krieges, der 57 Millionen Tote forderte. Dazu gehörte der sechsmillionenfache Völkermord an den Juden. Teil der Befreiung war deshalb auch die tiefe Trauer über die Toten und das Leid der Überlebenden. Auch unter den überlebenden Deutschen gab es zahlreiche Unschuldige. Die Menschen in der SBZ, dann DDR, kamen von einer Unterdrückung in die andere. Von den Nazis waren sie befreit, sofern sie nicht selbst Nazis waren, aber nun kamen sie unters Joch der Kommunisten, einer anderen Diktatur also.

Ist der Begriff „Tag der Befreiung“ angemessen?

Der Begriff ist angemessen. Allerdings können einfache Schlagworte komplizierte Sachverhalte nie ausreichend erklären.

Was denken Sie, sind es viele Menschen, für die der 8. Mai nach wie vor der Tag der Niederlage ist? Welche Motive haben sie?

Wieder ist die faktische und emotionale Wirklichkeit des 8. Mai 1945 nicht eindimensional, sondern vielschichtig. Bilanzierend war der 8. Mai aus heutiger Sicht eindeutig Befreiung. Es war aber auch der Tag der Kapitulation, denn bis zum 9. Mai 1945 hatte Deutschland bedingungslos kapituliert. Wer die Kapitulation als Schmach empfand oder empfindet, bekundet NS-Nostalgie.

Noch ein Begriff kreist um den 8. Mai - die „Stunde null“. Der Begriff impliziert, man könne einfach von vorn beginnen. Ist das eine Selbsttäuschung?

„Stunde null“ ist auch ein Schlagwort, das verkürzt. „Stunde null“ heißt: Alles beginnt neu, das Vorher gibt es nicht. Also null Vorgeschichten. Diejenigen, die bis zum 8. Mai 1945 überlebt hatten, behielten aber ihre Vorgeschichten und, o Wunder, bauten mit alliierter Hilfe ein demokratisches Gemeinwesen auf: die Bundesrepublik Deutschland.

Wie weit sind die Deutschen mit der Aufarbeitung der Vergangenheit?

Die Deutschen? Es gibt solche und solche, wie überall und immer. Wissenschaft, Politik und Medien sowie die große Mehrheit der Gesellschaft sind im demokratischen, toleranten Denken angekommen. Sie wissen, was war, und tun viel, um Wiederholungen zu verhindern. Mit großem Erfolg und viel gutem Willen.

Was ist fehlgelaufen beim Versuch, in der Bundesrepublik nach 1945 die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten?

Die Selbstamnestie der westdeutschen Justiz in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende war ein Skandal, das ist völlig klar. Aber es kommt mir darauf an, diese Dinge im Verhältnis zu sehen. Defizite bei der Aufbereitung von schrecklichen Ereignissen gab es und gibt es in vielen Ländern, die Menschheitsgeschichte ist voll davon. Vergleicht man die Aufarbeitung der NS-Geschichte in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 mit anderen Ländern, die ihrerseits mit schrecklichen Verbrechen in ihrer Entwicklung umgehen mussten, so komme ich zu dem Schluss: Die Bundesrepublik schneidet hier noch sehr gut ab. Das ist auch angemessen so, denn die Verbrechen der Nationalsozialisten suchen ihresgleichen.

Welchen Einfluss auf unser Bild vom 8. Mai hat die Tatsache, dass immer weniger Zeitzeugen noch leben? Was kann die nächste Generation aus der Erfahrung des Kriegsendes von 1945 lernen?

Der Tod von Menschen, Zeitzeugen, ist bedauerlich und stimmt traurig. Aber das Zeugnis der Geschichte bedarf langfristig nicht mehr der Zeitzeugen. Jesus und Cäsar zum Beispiel wurden vor rund zweitausend Jahren ermordet. Hat man sie vergessen? Oder Karl der Große oder die Kreuzzüge ab 1096? Oder Luther?

Hat eine Geschichtsschreibung, die vor allem vom Wort der Zeitzeugen geprägt ist, auch Nachteile?

Zeitzeugen sind nicht immer die besten Darsteller des Geschehenen. Sie sehen und beschreiben die Vergangenheit vor allem als ihr subjektives Erleben, und das war oft - wie im Fall der NS-Geschichte deutlich wird - schrecklich. Entscheidend ist aber das Gesamtbild der Ereignisse. Dafür waren bisher die Historiker zuständig, und sie werden es auch künftig sein.

Die Kapitulation am 8. Mai brachte uns in Deutschland den Frieden. Sie haben soeben beim Deutschen Taschenbuch Verlag Ihr neuestes Buch veröffentlicht. Es heißt „Zum Weltfrieden“. Hat das einen Bezug zum 8. Mai 1945?

Scheinbar nein, tatsächlich ja. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden neue Staaten geschaffen, die von Anfang an künstliche Produkte waren. Dass solche Kunstprodukte irgendwann zusammenkrachen, war vorhersehbar. Ich beschreibe und benenne global diese Kunststaaten und schlage ganz konkret vor, wie man die ursprünglichen Konstruktionsfehler beim Bau der heutigen Staatenwelt korrigieren und eben Frieden nach innen und außen schaffen kann - wenn man richtig denkt. Denn: Was falsch gedacht ist, kann nicht richtig gemacht werden.

Interview: Klaus Wallbaum

Historiker aller Lager sind sich weitgehend einig

Michael Wolffsohn gilt in der deutschen Historikerzunft eher als Konservativer. Dennoch ist für den 1947 im israelischen Tel Aviv geborenen Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie zweifellos klar: Der 8. Mai ist ein Tag der Befreiung, der die demokratische Entwicklung in der Bundesrepublik – und viel später auch in der DDR – erst möglich gemacht hat. Als kleiner Junge, mit sechs Jahren, siedelte Wolffsohn mit seinen Eltern nach West-Berlin über, er studierte an der FU Berlin, blieb aber auch seinem Geburtsland treu. Von 1967 bis 1970 diente er als Wehrpflichtiger in der israelischen Armee.

Die Historiker sind sich in der Einschätzung des 8. Mai heute weitgehend einig: Die Alliierten traten als Retter auf, als sie die Konzentrationslager befreiten. Sie wirkten aber auf die deutsche Zivilbevölkerung ganz anders, als sie die deutschen Städte in Schutt und Asche bombardierten.

Norbert Frei von der Universität Jena sieht einen Sinn im völkerrechtlich fragwürdigen Handeln der späteren Kriegssieger: Die Alliierten seien nicht als Befreier der Deutschen angetreten. Sie hätten vielmehr die Welt vom Nationalsozialismus befreien und den Aggressor, der andere Völker unterwerfen wollte, stoppen wollen. Frei beobachtet, ähnlich wie Wolffsohn, keine Zweifel mehr an der Wertung des 8. Mai als Tag der Befreiung. „Versuche, Weizsäckers Wort zurückzunehmen, sehe ich in der politischen Klasse kaum noch“, sagt Frei, der dem linken Historiker-Flügel zugeordnet wird.

Trotzdem kommt Kritik, vor allem aus Frankreich. Der deutsch-französische Historiker Alfred Grosser rügt, dass die Deutschen auf die Täterrolle verkürzt würden: „Es wird nicht gesagt, dass die Konzentrationslager in Dachau oder Buchenwald für deutsche Häftlinge eingerichtet wurden. Man übergeht, dass es den deutschen Widerstand gab.“ Auch deutsche Intellektuelle, kritisiert Grosser, hätten das missachtet, so der kürzlich verstorbene Schriftsteller Günter Grass mit seiner Behauptung der deutschen „Kollektivschuld“. Grosser meint: „Die Verbrechen der Wehrmacht im Namen von Hitler-Deutschland waren furchtbar, aber es gab auch schwere Kriegsverbrechen der Alliierten, wie die Bombardierungen von Hamburg oder Dresden. Es wird nicht genug differenziert.“

bih/kw

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