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Ein europäischer Rheinländer als Kanzlerkandidat?

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Ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat und ein auch international hoch angesehener Europapolitiker: Martin Schulz.

Berlin - Die SPD hält sich für den politisch erfolgreicheren Teil der Großen Koalition, was sie sich mit einem gewissen Stolz immer mal wieder bestätigt. Zugleich aber ist ihr nun offenbar schlagartig klar geworden, dass sie so kurz vor der Bundestagswahl 2017 keinen Kanzlerkandidaten. Die Lösung heißt Martin Schulz.

Als neuer Kandidat für die Lösung der K-Frage in der SPD wird jetzt in Berlin Martin Schulz (59) gehandelt, der Präsident des Europäischen Parlaments. Ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat und ein auch international hoch angesehener Europapolitiker. Seinen Spitznamen, „der Kissinger von Würselen“, trägt er zurecht. Würselen bei Aachen ist sein Wohnort, Henry Kissinger war US-Außenpolitiker mit bester Vernetzung in der Welt. Schulz ist ein gewiefter Außenpolitiker und eine rheinische Frohnatur obendrein.

Das Nachdenken über den nächsten Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel hat in der SPD im Grunde nach der Wahlniederlage 2013 eingesetzt, böse Zungen behaupten allerdings, der Start dazu sei schon im Augenblick der Nominierung von Peer Steinbrück gewesen. Unumstritten ist immerhin die These, dass die Ausrufung des 2013er Kandidaten sehr unglücklich gelaufen ist, nämlich holterdiepolter. So etwas soll sich nun nicht wiederholen.

Zur Einstimmung auf die Lösung der K-Frage hat Parteichef Sigmar Gabriel dieser Tage laut nachgedacht. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass die Partei unter ihm gut aufgestellt sei und dass sie in den Kommunen und Ländern machtmäßig gut dabei sei. Den Bund nahm Gabriel aus, da könne es „sehr lange dauern, bis wir wieder den Kanzler stellen“. Dass er damit die nächste Bundestagswahl verloren gegeben habe, würde Gabriel glatt bestreiten, weil es in der Politik bekanntlich keine Gewissheiten gibt.

Martin Schulz also. Für Gabriel hätte das den Vorteil, dass er bei einer denkbaren Niederlage von Schulz unbeschädigter Parteivorsitzender bleiben und 2021 selbst gegen Merkel antreten könnte. Er könnte dann reden wie 1998 Gerhard Schröder über Helmut Kohl: „Danke Helmut/Angela für Deine Dienste, aber nun ist es genug.“

Kann einer wie Schulz der Hoffnungsträger sein, der durch einen Wahlsieg 2017 den Showdown zwischen Merkel und Gabriel 2021 überflüssig werden lässt? Der gelernte Buchhändler hat es im Alter von 31 Jahren zum Bürgermeister von Würselen gebracht, seit 1994 ist seine Karriere ganz auf Europa ausgerichtet. Er spricht fünf Sprachen und gilt als ein Verhandlungstalent, das Wendigkeit und Zielstrebigkeit geschickt verbinden kann. Sollte „Europa“ 2017 das Wahlkampfthema werden, dann ist die SPD wieder mal ihrer Zeit voraus.

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